Gesundheit Stress ist eine Frage der Lebenseinstellung.

Fast jeder hat ihn. Kaum einer will ihn. Kann man lernen, mit Stress umzugehen? Welche Strategien kann man anwenden, um ihn erträglich machen? Spielt das Alter eine Rolle? Ein Gespräch mit Dr. Gregor Wittke, Spezialist für Stressbewältigung am Arbeitsplatz.

Herr Dr. Wittke, was ist eigentlich Stress?

Stress ist Aktivierung. Das kann sowohl positiv als auch negativ sein. Wenn man untersucht, wie Leistung und Stress zusammenhängen, stellt man fest, dass sowohl ein zu geringes Maß an Aktivierung als auch ein zu hohes Maß Stress verursachen können. Herrschen Monotonie und Langeweile, ist das eine Form von Stress und damit eine Minderung der Leistungsfähigkeit und Lebensqualität. Umgekehrt verhält es sich genauso: Wer unter ständiger Überforderung leidet, hat keine Möglichkeit, seine Erfolge zu genießen; dadurch entstehende Erschöpfung und Konzentrationsmängel wirken sich ebenfalls leistungsmindernd aus.

Was kann man tun, wenn der Stress da ist?

Es gibt eine Menge Strategien. In akuten Stresssituationen ist es wichtig, gute Nerven zu bewahren. Tief durchatmen und möglichst einen Moment innehalten, um sich zu sortieren. Man kann z.B. die Situation hinterfragen; eine sogenannte „Worst-Case“-Betrachtung. Nach dem Motto: Mal angenommen, es geht jetzt maximal schief, was würde dann passieren und wie wahrscheinlich ist das? Oder einen Vergleich anstellen mit ähnlichen Situationen, die man früher schon gelöst hat. In der Regel reduziert das den wahrgenommenen Stress deutlich. Es ist ebenso wichtig, nach Stressphasen für Erholung zu sorgen. Egal ob es viele kleine Minutenpausen sind oder mal eine Woche Urlaub. Auch Sport – z.B. Langstreckenlaufen – ist eine hervorragende Ausgleichsmöglichkeit bei anhaltendem Stress.

Und wenn diese Maßnahmen allein nicht ausreichen?

Es kann natürlich im Leben immer wieder Belastungen geben, die objektiv so groß sind, dass man sie nicht allein lösen kann. Durch professionelle Hilfe holt man sich den Dialog und eine Sicht von außen, mit der man Dinge häufig schneller lösen kann. Es macht Sinn, sich im Rahmen eines Stress-Coaching grundlegendes Wissen anzueignen, um Stresssituationen früh zu erkennen, richtig einzuschätzen und dann auch Ideen zu haben, wie man mit Stress umgehen kann. Grundsätzlich kann man sagen, dass Menschen, die routiniert Probleme lösen, tendenziell weniger Stress erleben als jene, die noch nicht so viele Lösungsstrategien parat haben.

Woher bekommt man denn solche Lösungsstrategien?

Man macht im Laufe des Lebens gewisse Erfahrungen und lernt daraus bewusst oder unbewusst, wie man mit bestimmten Situationen umgehen kann. Man stellt zum Beispiel fest, dass einem tiefes Durchatmen hilft, sich zu beruhigen. Oder man schaut mit einem gewissen zeitlichen Abstand auf die Situation und merkt, dass sie doch nicht so schlimm war, wie man spontan gedacht hat. Solche Erfahrungsmomente sind es, die beim nächsten Mal helfen, den Stress deutlich zu reduzieren.

Haben Menschen mit mehr Lebenserfahrung dadurch weniger Stress?

Ich denke ja. Wer mehr Gelassenheit zeigen kann, ist weniger anfällig für Stress und kann herausfordernde Situationen erheblich ruhiger angehen. Um mit schwierigen Situationen ruhig und wach umzugehen, muss man gelernt haben, dass nicht alles so schlimm ist, wie es auf den ersten Blick scheint. Die erste Unruhe lässt sich wegschieben, ja vielleicht sogar auflösen. Man weiß irgendwann, dass es meistens eine gute Lösung gibt und bleibt darum ruhiger und gelassener. Übliche Alltagssituationen werden ältere Menschen sicherlich weniger stressen als jüngere.

Wenn man diese Erkenntnisse auf die Berufswelt überträgt, müssten ältere Mitarbeiter stressresistenter sein.

So pauschal kann ich das nicht bestätigen. Auch hier hängt es wieder mit der eigenen Erfahrung zusammen, auf welche Art man eine aufkommende Situation bewertet. Wer beispielsweise mit seinem Leben zufrieden ist und schon viel erreicht hat, der kann gelassener sein. Er hat sich schon bewiesen, was er kann. Wo ein Leben hingegen weniger erfolgreich verlaufen ist oder wo sich Misserfolge stark eingeprägt haben, da ist auch die Gelassenheit wenig ausgeprägt. Für Berufsanfänger gilt Ähnliches: Sie haben oft noch nicht die Erfahrung gemacht, dass sie sich auch in besonderen Stress-Situationen gut entwickeln können und sie diese meistern werden.

Wäre da nicht eine Mischung aus Alt und Jung in Unternehmen ratsam?

Vor dem Hintergrund der längeren Lebensarbeitszeit ist das eine sehr wichtige Frage. Aus meiner Sicht macht es auf jeden Fall Sinn, einen Mix aus neuen Ideen und Elan sowie Abgebrühtheit und Erfahrung im Unternehmen zu haben. Und ich weiß, dass es einige Firmen gibt, die jetzt vehement darum kämpfen, ältere Spezialisten im Unternehmen zu halten und auf das Erfahrungswissen dieser Mitarbeiter angewiesen sind.

Wie ist es, wenn man das Berufsleben hinter sich gelassen hat – beginnt dann die stressfreie Zeit?

Nicht unbedingt. Gelassenheit und Erfahrung sind das eine, aber mit dem Alter kommen auch neue Situationen auf uns zu, für die wir noch keine Erfahrungswerte haben. Diese neuen Anforderungen können Stress auslösen. Das Fehlen des Berufslebens ist häufig ein solcher Stressfaktor. Die Menschen müssen sich oftmals komplett umstellen, nicht selten fehlen ihnen die Routine und das Eingebundensein in das Arbeitsleben. Diese Zeit wird häufig als stressig erlebt, bis man schließlich seinen neuen Rhythmus gefunden hat und die neu gewonnene Zeit für sich sinnvoll zu nutzen weiß.

 
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