ZEIT-Archiv »Kein Zurück ins Reihenhaus«
Ulrike Meinhofs Weg vom Schreibtisch in den Untergrund
»Ein Ausbau der technischen Kontakte zwischen der Bundesrepublik und der
DDR könnte zunächst Erleichterungen im innerdeutschen Reiseverkehr
ermöglichen, darüber hinaus könnte das Feld abgesteckt werden, innerhalb
dessen offizielle Gespräche zum Zweck der Normalisierung der innerdeutschen
Beziehungen stattfinden dürften, ohne dass eine der beiden Seiten
Selbstbewusstsein und Prestige verliert.«
Ein Zitat aus Egon Bahrs Tutzinger Rede von 1963? Nein, diese Vorwegnahme
der sozialliberalen Ostpolitik wurde im selben Jahr von der konkret-
Kolumnistin Ulrike Meinhof formuliert – übrigens nach dem Attentat auf
Präsident Kennedy, dessen Tod sie betrauerte (»Die Ohnmächtigen setzten
ihre Hoffnungen auf ihn«), noch ohne zu ahnen, dass er keineswegs beabsichtigt
hatte, wie sie fälschlich annahm, die amerikanische Intervention
in Vietnam zu beenden.
Manchem, der in den sechziger Jahren die Artikel dieser Publizistin zustimmend
gelesen hat (der konkret-Verlag hat soeben eine Faksimile-Auswahl der
Kolumnen herausgegeben), will es heute nicht in den Kopf, dass es dieselbe Frau war, die am vorigen Donnerstag in Hannover als Gewalttäterin verhaftet
wurde – mit einer Dreieinhalb-Kilo-Bombe im Kosmetikkoffer. Gewiss,
politisch ist sie immer eine Außenseiterin in dieser Gesellschaft gewesen.
Aber was seinerzeit ihr Wollen und Trachten war, haben viele Liberale in
diesem Lande ebenfalls angestrebt.
Ulrike Meinhofs Linksaußenposition Anfang der sechziger Jahre lässt sich
abstecken mit den Daten: Anti-Atomtod-Bewegung, Deutsche Friedensunion,
Sozialistischer Deutscher Studentenbund. Sie stritt gegen Strauß, gegen
die Abendländer und Ostlandreiter; sie wollte es diesem Staat nicht nachsehen,
dass er belastete Nazis in höchste Ämter aufrücken ließ und
Kommunisten ihrer Gesinnung wegen verfolgte; sie führte einen (teilweise
erfolgreichen) Kampf gegen die Notstandspläne und gegen die Macht des
Springer-Konzerns.
Überall, wo sie die Demokratie und den Frieden, drinnen wie draußen, bedroht sah, stellte sie sich in die vorderste Front. Sie schrieb umso besser, je mehr sie sich mit moralischem Engagement, mit überschäumender Empörung, mit all dem Mitleid, dessen sie fähig war, für eine Sache einsetzte. Lügen, Phrasen und scheinheiliges Pathos waren ihr verhasst. Ihre Ehrlichkeit (auch gegen sich selber) spricht aus jeder Zeile. Es sind Artikel eines flammenden Gewissens, von dem ihre Pflegemutter Renate Riemeck sagt, es sei »ein tief verstecktes christliches Gewissen. Sie weiß, dass sie nicht so lebt, wie sie leben sollte«. Was Ulrike Meinhof mehr noch bewegte als die großen Weltläufte, das soziale Elend – am Fließband und in den Handwerksstuben, in Krankenhäusern und Fürsorgeanstalten, in Schulen und Obdachlosenasylen –, darüber ließ sie sich in konkret nur selten aus – umso mehr aber im Hörfunk. Nicht nur, was sie frühzeitig über den Krieg in Vietnam gesagt hat, verdient Respekt, sondern gleichfalls jene Artikel und Sendungen, in denen sie die Unterdrückung der Frauen in unserer Gesellschaft angeprangert hat. Ihre Wandlung von der Publizistin zur Untergrundkämpferin durchlief mehrere Stationen. Es begann mit dem Eintritt der SPD in die Große Koalition: Enttäuscht, erbittert wendet sich Ulrike Meinhof ab – wie viele andere Linke (»Man ist zum Opfer des eigenen Opportunismus geworden«); sie setzt nun auf die außerparlamentarische Opposition, auf die neue Linke. Aber damit schafft sie das Problem nicht aus der Welt, das sie während ihrer journalistischen Arbeit mehr und mehr bedrückt: Wie lassen sich die »guten Gedanken« vermitteln, damit sie auch den Bild-Leser erreichen?
Das (missglückte) Pudding-Attentat West-Berliner Kommunarden gegen
den amerikanischen Vizepräsidenten Humphrey im Frühjahr 1967 ist nach ihrem Geschmack; aber sie verübelt es den Attentätern, dass sie, anstatt ihre
Publizität nun auf Vietnam zu lenken, ihr Privatleben zur Schau stellen.
Jenen, die schon damals vor der Bombenbastelei erschreckten und meinten,
hier sei zum ersten Mal die Grenze zwischen politischem Radikalismus und
Kriminalität überschritten worden, entgegnet sie agitatorisch geschickt:
»Nicht Napalmbomben auf Frauen, Kinder und Greise abzuwerfen ist demnach
kriminell, sondern dagegen zu protestieren.«
Ihre Polemik lässt nur den Schluss zu, dass für sie angesichts des Massenmordes
in Indochina ein bisschen politische Kriminalität wohl doch erlaubt
sei. Und als im Oktober 1967 Flugblatt-Raketen gegen amerikanische Kasernen
geschossen werden, hat die Idee der direkten Aktion sie schon fasziniert:
»Diese Methode der Agitation ist waghalsig, ihr haftet der Geruch der Illegalität
an. Es sind Frauen und Kinder, Ernten und Industrie, es sind Menschen,
deren Leben dadurch gerettet werden soll. Die den Mut haben, zu solchen
Methoden oppositioneller Arbeit zu greifen, haben offenbar den Willen zur
Effizienz. Darüber muss nachgedacht werden.«
Nächste Station dieses Entwicklungsprozesses sind die Osterunruhen 1968
vor den Springer-Häusern (nach dem Mordanschlag gegen Rudi Dutschke):
»Nun, da die Fesseln von Sitte und Anstand gesprengt worden sind, kann
und muss neu und von vorn über Gewalt und Gegengewalt diskutiert werden.
« Zustimmend zitiert sie den Ausspruch eines Black-Power-Kämpfers:
»Widerstand ist, wenn ich dafür sorge, dass das, was mir nicht passt, nicht
länger geschieht.«
Doch nicht nur das individuelle Widerstandsrecht proklamiert Ulrike Meinhof
in diesem Artikel; sie sieht auch bereits die Stadtguerilla am bundesrepublikanischen
Horizont heraufziehen: »Gegengewalt läuft Gefahr, zu
Gewalt zu werden … wo ohnmächtige Wut überlegene Rationalität ablöst(!),
wo der paramilitärische Einsatz der Polizei mit paramilitärischen
Mitteln(!) beantwortet wird.«
Der groß angelegte, aber praktisch wirkungslose »Notstandsmarsch« auf
Bonn im Sommer 1968 ist ihr Anlass zur Selbstkritik: »Wir (haben) mit den
Mitteln der Heilsarmee Verbrechensbekämpfung betrieben.«
Freilich, das Mittel, dessentwegen ihre späteren Kampfgefährten Baader und
Ensslin vor Gericht stehen – die Kaufhaus-Brandstiftung – wird von Ulrike
Meinhof (noch) verworfen, nicht zuletzt, weil es Unschuldige und auch die
Täter selber ungeheuer gefährdet. Und doch gewinnt sie dieser Tat ein
progressives Moment ab: »Es liegt in der Kriminalität der Tat, im Gesetzesbruch.
«
Von dieser radikalen Position bis zum Sprung in die Illegalität ist es nicht
mehr weit. Ulrike Meinhof, geplagt vom schlechten Gewissen, verzweifelt an
der Unfähigkeit der alten wie der neuen Linken, Ziel und Praxis in Einklang
zu bringen. Im »Konzept Stadtguerilla« kennt sie dann nur noch Verachtung
für einen Lebensstil, der auch einmal ihr eigener gewesen ist: »Sie fürchten
sich vor dem Vorwurf der revolutionären Ungeduld mehr als vor ihrer
Korrumpierung in bürgerlichen Berufen.«
Nicht dass sie nun gering dächte von denen, die am Hochofen oder am
Schreibtisch, im Hörsaal oder im Lehrerzimmer an der Basis arbeiten, die
kleinen Brötchen des Sozialismus backen, kritisches Bewusstsein wecken und
verbreitern helfen, Demokratie im Alltag praktizieren – doch sie selber hat
die Geduld verloren, will hier und heute die Guerilla aufbauen, und das
heißt: um den Preis der Inhumanität. In einem vom Spiegel publizierten
Tonbandprotokoll, dessen Authentizität zwar angezweifelt wird, ist der berüchtigte
Satz festgehalten: »Die Bullen sind Schweine … und natürlich kann
geschossen werden.«
Diesen Satz hat Ulrike Meinhof später als Notwehr interpretiert: »Wir
schießen, wenn auf uns geschossen wird.
Den Bullen, der uns laufen lässt, lassen wir auch laufen.« Die letzte öffentliche Äußerung, die ihr zugeschrieben wird – ein Tonband, das vor einigen Wochen in der Frankfurter Universität einigen Hundert Studenten vorgespielt wurde – war ein Appell an die »Genossen«, es ihr gleichzutun, nämlich bewaffneten »Widerstand« zu leisten. 1968 schon fand Ulrike Meinhof: »Von Revolution reden heißt, es ernst meinen. « Sie hat Ernst gemacht, »ohne den Rückzug in bürgerliche Berufe offenzuhalten, ohne die Revolution noch mal an den Nagel im Reihenhaus hängen zu können«. Einmal auf dem Weg der Gewalt, wollte sie nicht mehr zurück.
- Datum 03.04.2007 - 14:13 Uhr
- Quelle Die ZEIT, 23. Juni 1972
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