ZEIT-Archiv Als die grosse Sturmflut kam
Unterwegs in Hamburgs Katastrophenzentrum: »Schlimmer als an der Ostfront« – »Halbstarke« als Retter
Bei Kerzenschein sitzen am Sonntagabend achtzig Menschen im Gemeindehaus
am Fuße des Hamburger »Michels«. Kaum jemand sagt ein Wort.
Warum auch? Sie alle hätten sich doch nur das gleiche Schicksal zu erzählen
– das Schicksal von Menschen, die zwei Tage zuvor von der größten
Naturkatastrophe dieses Jahrhunderts in Norddeutschland, vom großen
Wasser überrascht wurden und die oft noch vor ein, zwei Stunden bis zur
Brust im Wasser standen.
Zwei Polizisten holen ein zehnjähriges Mädchen aus dem Saal. Einige Stunden
zuvor noch hing es allein in einer Baumkrone, unter sich drei Meter tiefes
Wasser. Jetzt muss das Kind noch einmal zurück in das überflutete Wilhelmsburg,
um Tote zu identifizieren, die vielleicht seine Eltern sind …
Bei Kerzenschein spielt zur gleichen Stunde im Blankeneser »Schifferhaus«
ein altes Grammofon zum Tanz auf. Noch am Morgen spülte das Hochwasser
über die Barhocker, doch schon am Nachmittag lockte der einfallsreiche und
gedankenlose Wirt mit einem Schild: »Boote bitte an der Theke festmachen.
Rechtzeitiges Kommen sichert trockene Plätze.«
An diesem Sonntagabend suchen in der Polizeizentrale der Zweimillionenstadt
im Schein von 14 Petroleumlampen die verantwortlichen Chefs der
Stadt und der Hilfsorganisationen nach Möglichkeiten, der Katastrophe Herr
zu werden. Doch es ergibt sich auch jetzt, 40 Stunden »danach«, noch nicht
einmal ein klares Bild.
Wie steht es mit der Stromversorgung, mit Gas, Wasser, Verkehr, Bergung,
Wetterlage, Kleidung, Quartieren? Im Dämmerlicht dieser Vollmondnacht zum Montag fahre ich in Richtung Wilhelmsburg durch ausgestorbene,
unheimliche schwarze Straßenschluchten. Vor Stunden stand das Wasser
dort noch zwei Meter hoch. Aus dem Radio des Hilfsfahrzeugs, das mich
mitnimmt, höre ich den beschwingten Singsang: »Ja oder nein, das kann das
Glück für dich sein …« und dann: »Der Reinertrag dieser Funklotterie wird
den Hochwassergeschädigten zur Verfügung gestellt.«
Der Wagen pflügt durch Wasser, das bis zu den Achsen reicht. Neben dem
Straßendamm, in den niedrig gelegenen Häusern, steht es im zweiten Stockwerk.
An den Fernsehantennen auf den Dächern knattern weiße Tücher im
eisigen Wind – Zeichen für die Hubschrauber: »Hier leben noch Menschen.
Helft!« Im überfluteten Gelände, einen Steinwurf weit entfernt, sehe ich etwas
Schwarzes in einem Obstbaum hängen. »Der lebt bestimmt nicht mehr«,
sagt der Fahrer. »Wenn Menschen in Bäumen sitzen, fallen sie spätestens nach
24 Stunden herunter – wie reife Pflaumen.«
Die Schule, die wir nach dieser Wasserfahrt erreichen, ist ein Brückenkopf
für den Hilfseinsatz. Sie gleicht nicht nur einem Heerlager; sie ist eines: Menschen
in Uniformen, zivile Helfer in bunter, unpraktischer Kleidung, als
wollten sie zum Faschingsball. Eine Fürsorgerin entschuldigt sich: »Ich habe
heute schon zum vierten Mal die nassen Klamotten gewechselt. Man nimmt
dann, was irgendwo herumliegt …« Leute, die auf Flößen ihre unterspülten
Häuser verließen, schleppen sich herein. Während ihnen hilfreiche Hände
die nassen, schmutzstarrenden Kleider vom Leibe ziehen, erzählen sie:
»Bei uns im Block wurden Kerzen zu Schwarzmarktpreisen verkauft, zwei
Mark das Stück!« – »Bei uns haben sie unten den Schnapsladen ausgeräumt
und sich sinnlos betrunken. Ist sowieso Weltuntergang, haben sie gesagt.«
»Bei uns haben sie von Fenster zu Fenster Eimer mit Kohle durchgehangelt.
Der Händler hat alle seine Vorräte verschenkt.« – »Und unser Kohlenhändler
hat pro Eimer zweifünfzig verlangt.«
Während sie eingekleidet werden, kolportieren sie Gerüchte: »Bei uns um die
Ecke sollen zwei Italiener erschossen worden sein, als sie ein Fahrradgeschäft
plünderten.« – »Unser Deich sollte schon vor zwei Jahren repariert werden.
Aber das Geld ist bis heute nicht bewilligt worden.«
Der Schulmeister erzählt mir: »Drüben, wo die Kleiderspenden gelagert,
werden, kam heute nachmittag ein Mann, der sagte, er komme von der Stadtverwaltung
und solle die Kleidung sortieren. Dann hat er sie an die Spanier
von der Werft verkauft – Anzüge zum Vorzugspreis von 60 Mark pro Stück.
Das habe ich erst später gemerkt. Und dann ist er von den anderen zusammengeschlagen
worden.«
Durch Kettenzuruf ist die Nachricht gekommen: Im Jungmänner-Wohnheim
Mengestraße sind sechs Mädchen, die belästigt werden. Mit zwei Soldaten
und einem Polizisten fahre ich im Sturmboot zwischen den Häuserzeilen
hindurch. Der Wachtmeister ruft immer wieder: »Die Bevölkerung wird gewarnt,
während der Nacht die Häuser zu verlassen, weil Plünderer unterwegs
sind. Es wird scharf geschossen!«
Der Soldat am Ruder erzählt mir: »Heute Nachmittag wollten wir da drüben
vom Dach einer überspülten Bude ein altes Ehepaar herunterholen. Aber die
wollten nicht – solange wir nicht ihre Zuchttauben gerettet hätten! Und viele
wollten nicht aus den Wohnungen, weil nur je vier Passagiere in ein Schlauchboot
passen und sie ihre Familie nicht auseinanderreißen lassen wollten.«
Als wir das Männerwohnheim erreichen, stellt sich heraus, dass die Mädchen
den Besuchsschluss von zehn Uhr abends »verpasst« haben und um drei Uhr
nachts von der Hochwasserkatastrophe überrascht wurden. Belästigung? Keine
Spur! Sie wollen bleiben, um für die 40 Junggesellen zu kochen.
Eine Stunde später spreche ich mit dem Nachtdienstarzt Dr. Müller vom
Wilhelmsburger Krankenhaus Groß-Sand. »Ich war an der Ostfront«, sagt er,
»das hier aber ist schlimmer. Damals waren wir auf alles gefasst. Hier jedoch
sind viele Ahnungslose in den Hütten gleich hinter dem Deich von einer vier
Meter hohen Wasserwand im Schlaf überrascht worden. Verletzte habe ich
hier – anders als an der Ostfront – nur sehr wenige; die meisten Patienten
sind einfach vom Schock umgeworfen worden. Und von der Unterkühlung.
Es sind auch Helfer darunter, die den Anblick des Schreckens nicht ertragen
konnten oder auch nach zig Stunden sich nicht ersetzen lassen wollten und
zusammenbrachen.«
Ich frage ihn nach der Versorgungslage. »Ich habe vom Brot bis zu den seltensten
Medikamenten alles – nur kein Körnchen Zucker. Wir können unsere
Kranken nicht ernähren, wenn wir in drei Stunden keinen haben.«
Ein typischer »Halbstarker«, der seinem Onkel den Straßenkreuzer ausgespannt
hat und nun nach 20 Stunden Einsatz in einer Ecke zusammengesunken
ist, reicht mir den Zündschlüssel: »Hier, fahr zur DRK-Zentrale und hol
Zucker – ich kann nichts mehr sehen …«
Ich mache mich aus Wilhelmsburg, der geografischen Mitte Hamburgs, auf
und fahre nach Lokstedt im Norden der Stadt. In der DRK-Zentrale der
Zweimillionenstadt erhalte ich die letzten zwei Pfund Zucker. »Zucker soll
in drei Stunden mit der Bahn in Harburg ankommen«, höre ich – das ist
unerreichbar, südlich des Katastrophengebietes … Man drückt mir einen
Kochlöffel in die Hand, und ich rühre Säuglings-Haferschleim, bis er gar ist. Dann bekomme ich ihn in einem großen Thermoskübel mit. »Für das
Krankenhaus.«
Nach einer halbstündigen Fahrt fragt mich Dr. Müller entsetzt: »Wo bleibt
der Zucker? Säuglinge habe ich nicht. Ich kann den Kübel nicht brauchen.«
Der »Halbstarke« hat sich inzwischen eine Vitaminspritze ertrotzt. Jetzt setzt
er sich von Neuem ans Steuer und fährt selber weiter.
In der Dämmerung am Montagmorgen, auf dem Rückweg im Schlauchboot, das sich immer wieder auf Stacheldrähten aufzuspießen droht, sehe ich am vierten Tag der Überschwemmung aus den Stockwerken der wasserumschlossenen Mietskaserne hier und da kleine Rauchwölkchen aufsteigen: Die Menschen haben in ihren Wohnungen auf Ziegelsteinen offene Feuer zum Wärmen und zum Abkochen von Wasser angezündet. Ihre Möbel sind das einzige Brennmaterial. Im strahlenden Sonnenschein des frühen Mittwochmorgens gehen die Menschen in den Wohngebieten und Geschäftszentren nördlich der Norderelbe wieder ihrem Alltagsleben nach. Nichts im Stadtbild erinnert sie daran, dass wenige Kilometer südlich, im Katastrophenzentrum Wilhelmsburg, noch immer Tausende ihrer Mitbürger in den Häusern vom Wasser eingeschlossen sind. Nichts – außer den mehr als hundert Hubschraubern, die immer noch quer über die Stadt hinweg Versorgungseinsätze fliegen. Und gleich am Rande der City, in den Parkanlagen von »Planten un Blomen «, noch ein anderes, ein grausiges Bild: Auf der Kunsteisbahn, wo sonst vergnügt die bunten Röckchen wippen, liegen unter Zelten reihenweise die Leichen zur Identifizierung. Schon trägt man die ersten zur Bestattung hinaus – und noch immer trägt man namenlose Tote hinein.
- Datum 03.04.2007 - 14:16 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 23. Februar 1962
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