Der Begriff "68er-Revolte" ist im Grunde irreführend. Zumindest war in Deutschland nicht 1968, sondern 1967 das Jahr, in dem alles begann: mit einem Schuss vor der Berliner Oper am 2. Juni, während der Demonstrationen gegen den Staatsbesuch des persischen Schahs Reza Pahlewi und seiner Gattin Farah Diba. Der Schuss, abgefeuert vom Berliner Oberkommisar Karl-Heinz Kurras, traf einen wehrlosen Studenten: Benno Ohnesorg.

Die Nachricht von seinem Tod löste eine beschleunigte Politisierung der Studentenbewegung aus. Der Schuss vor der Berliner Oper – er war hierzulande gleichsam die Initialzündung für all das, was heute unter der Chiffre 1968 firmiert: für den Aufbruch der jungen Generation am Ende der sechziger Jahre. Selbst die Terroristen der Siebziger bezogen sich noch auf die Ereignisse des 2. Juni – um den Terror als ein notwendiges Mittel im Kampf gegen den "mörderischen Staat" zu legitimieren.

Für den Regisseur Roman Brodmann war diese Entwicklung nicht abzusehen, als er mit seiner Kamera vor der Berlin Oper einfing, wie Ohnesorg zu Boden sank. Sein Film Polizeistaatsbesuch nimmt in der vorliegenden DVD-Sammlung daher eine Sonderstellung ein: Als einziger dokumentiert er ein Geschehen in dem Moment, in dem es sich ereignet – und nicht mit dem Abstand mehrerer Jahre oder gar Jahrzehnte. Ohne es wissen zu können, hat Roman Brodmann dabei einen historischen Augenblick eingefangen: Seine Dokumentation über den Schah-Besuch ist ein Porträt der bundesrepublikanischen Gesellschaft am Vorabend von 68. Da sind auf der einen Seite die beflissenen Gastgeber, die Rotenburger Spießbürger, wie sie sich eifrig auf den Besuch der Majestäten aus Persien vorbereiten. Nichts anderes kommt hier vor laufender Kamera zum Vorschein als die alte deutsche Knechtseligkeit der Reichszeit: Macht einen Knicks, der Kaiser kommt! Auf der anderen Seite die Berliner Studenten. Wir hören ihre Kritik am autokratischen Unrechtsregime des Schahs. Wir sehen sie demonstrieren. Und wir wissen auch, wogegen: nicht nur gegen den Schah-Besuch und den Schah selbst, sondern gegen die verkrustete Gesellschaft, in der sie leben, gegen das Knicksemachen und Sich-vor-Autoritäten verbeugen.

Der Off-Sprecher macht aus seiner Sympathie für die Studenten dabei keinen Hehl – ironisch und bei aller Tragik der Ereignisse voll sprühendem Witz kommentiert er die Bilder. Ein Film, wie er "in der heutigen TV-Landschaft undenkbar" wäre, schrieb die Süddeutsche Zeitung. Und auch damals wäre er das wohl gewesen, hätte es nicht die SDR-Sendereihe Zeichen der Zeit gegeben. Gegründet mit dem expliziten Anspruch, kritische Dokumentarfilme zu produzieren, schrieb sie mit ihrem ironisch-bissigen Stil ein Stück Fernsehgeschichte, berichtete über "Bausünden beim Wiederaufbau", den Massentourismus, den "Autokult". Brodmanns Polizeistaatsbesuch zählt zu den wichtigsten und politisch brisantesten Beiträgen.

Zurück zur Übersichtsseite "