ZEIT-Dokumentation: Teil 5 Der Polizeistaatsbesuch
Regie: Roman Brodmann | Buch: Roman Brodmann | Sprecher: Alwin Michael Rueffer | Produktionsjahr: 1967
Der Begriff »68er-Revolte« ist im Grunde irreführend. Zumindest war in
Deutschland nicht 1968, sondern 1967 das Jahr, in dem alles begann: mit
einem Schuss vor der Berliner Oper am 2. Juni, während der Demonstrationen
gegen den Staatsbesuch des persischen Schahs Reza Pahlewi und seiner
Gattin Farah Diba. Der Schuss, abgefeuert vom Berliner Oberkommisar
Karl-Heinz Kurras, traf einen wehrlosen Studenten: Benno Ohnesorg.
Die Nachricht von seinem Tod löste eine beschleunigte Politisierung der Studentenbewegung
aus. Der Schuss vor der Berliner Oper – er war hierzulande
gleichsam die Initialzündung für all das, was heute unter der Chiffre 1968
firmiert: für den Aufbruch der jungen Generation am Ende der sechziger
Jahre. Selbst die Terroristen der Siebziger bezogen sich noch auf die Ereignisse
des 2. Juni – um den Terror als ein notwendiges Mittel im Kampf gegen
den »mörderischen Staat« zu legitimieren.
Für den Regisseur Roman Brodmann war diese Entwicklung nicht abzusehen,
als er mit seiner Kamera vor der Berlin Oper einfing, wie Ohnesorg zu
Boden sank. Sein Film Polizeistaatsbesuch nimmt in der vorliegenden
DVD-Sammlung daher eine Sonderstellung ein: Als einziger dokumentiert er
ein Geschehen in dem Moment, in dem es sich ereignet – und nicht mit dem
Abstand mehrerer Jahre oder gar Jahrzehnte. Ohne es wissen zu können, hat
Roman Brodmann dabei einen historischen Augenblick eingefangen: Seine
Dokumentation über den Schah-Besuch ist ein Porträt der bundesrepublikanischen
Gesellschaft am Vorabend von 68.
Da sind auf der einen Seite die beflissenen Gastgeber, die Rotenburger Spießbürger,
wie sie sich eifrig auf den Besuch der Majestäten aus Persien vorbereiten.
Nichts anderes kommt hier vor laufender Kamera zum Vorschein als die alte deutsche Knechtseligkeit der Reichszeit: Macht einen Knicks, der Kaiser
kommt! Auf der anderen Seite die Berliner Studenten. Wir hören ihre Kritik
am autokratischen Unrechtsregime des Schahs. Wir sehen sie demonstrieren.
Und wir wissen auch, wogegen: nicht nur gegen den Schah-Besuch und den
Schah selbst, sondern gegen die verkrustete Gesellschaft, in der sie leben, gegen
das Knicksemachen und Sich-vor-Autoritäten verbeugen.
Der Off-Sprecher macht aus seiner Sympathie für die Studenten dabei keinen
Hehl – ironisch und bei aller Tragik der Ereignisse voll sprühendem Witz
kommentiert er die Bilder. Ein Film, wie er »in der heutigen TV-Landschaft
undenkbar« wäre, schrieb die Süddeutsche Zeitung. Und auch damals wäre er
das wohl gewesen, hätte es nicht die SDR-Sendereihe Zeichen der Zeit gegeben.
Gegründet mit dem expliziten Anspruch, kritische Dokumentarfilme zu
produzieren, schrieb sie mit ihrem ironisch-bissigen Stil ein Stück Fernsehgeschichte,
berichtete über »Bausünden beim Wiederaufbau«, den Massentourismus,
den »Autokult«. Brodmanns Polizeistaatsbesuch zählt zu den wichtigsten
und politisch brisantesten Beiträgen.
- Datum 03.04.2007 - 14:17 Uhr
- Quelle DIE ZEIT-Dokumentation
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