ZEIT-Dokumentation: Teil 8 Todesspiel

Teil 1: Volksgefängnis | Teil 2: Entführt die Landshut | Regie: Heinrich Breloer | Buch: Heinrich Breloer | Darsteller: Hans Brenner, Manfred Zapatka, Sebastian Koch u. a. | Produktionsjahr: 1997

Deutschland im Herbst lautet der Titel eines 1978 gedrehten Films über die Tage der Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer. Die Bezeichnung »deutscher Herbst« hat hier ihren Ursprung. Der Film rekonstruiert allerdings weniger das Geschehen selbst – das Drama um Schleyer und die Entführung der Lufthansa-Maschine Landshut durch palästinensische Terroristen. Vielmehr versucht er, in lose verwobenen Episoden die Atmosphäre, die Stimmung jener Tage einzufangen. Regie führten unter anderen: Alexander Kluge, Edgar Reitz, Volker Schlöndorff, Rainer-Werner Fassbinder, die Protagonisten des neuen deutschen Autorenfilms.

Ganz seiner Absicht entsprechend, spiegelt ihr Film die Verwirrungen und Ängste einer Gesellschaft im Zustand vollkommener Verunsicherung – mitunter paranoid, halluzinierend, verwirrt. Streckenweise verlieren sich auch die Regisseure selbst in – aus heutiger Sicht – aberwitzigen Assoziationen: das Staatsbegräbnis Schleyers, kontrastiert mit dem des NS-Feldmarschalls Erwin Rommel; der Selbstmord Gudrun Ensslins, dagegengeschnitten: Bilder erhängter Deserteure …

Eine stringente Erzählung? Unmöglich. Denn: Wer ist gut, wer böse? Hatten die RAF-Terroristen nicht auch, bei allem mörderischen Tun, hehre moralische Absichten? War die Staatsmacht in ihrem zuweilen autoritären Gebaren Beschützer oder Bedrohung? So lauteten die Fragen der Zeit. Der Film wirft sie auf, ohne Antworten zu geben. Sowohl inhaltlich als auch ästhetisch bildet er damit das genaue Gegenstück zu Heinrich Breloers zweiteiligem Todesspiel. Breloer betrachtet die Dinge, 20 Jahre später, aus der Distanz. Er ordnet, er ist nicht mehr betroffen. Seine Dramaturgie kann denn auch den Regeln eines »Spiels« folgen. Nicht etwa, weil er seinen Gegenstand nicht ernst nähme, sondern weil er Gut und Böse klare Rollen zuweist und damit die Voraussetzung für eine Spielanordnung schafft. Hier die RAF-Terroristen, da die Staatsmacht, das Opfer, das sich zu wehren und Menschleben zu retten versucht.

Breloers Film gibt dabei einen tiefen Einblick in die Arbeit des Krisenstabes um den damaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt. Er rekonstruiert die Vorgänge genau und montiert Erinnertes und Reinszeniertes zu einem erstklassigen Politthriller. Wie war das damals? Wer wusste was zu welchem Zeitpunkt? Die beiden Teile Volksgefängnis (über die Schleyer-Entführung) und Entführt die Landshut (gipfelnd in der Befreiung der gekaperten Urlaubermaschine in Mogadischu) liefern klare Antworten auf Fragen wie diese. Die Fragen von damals aber stellen sie nicht mehr. So bleibt der »deutsche Herbst«, die Stimmung in jenen aufreibenden Wochen des Jahres 1977, seltsam fern. Einzig Helmut Schmidt ist in den Interviews noch deutlich anzumerken, wie schmerzhaft die Spuren sind, die die Geschichte hinterlassen hat.

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