Sportgeschichte "Ich wollte die Nazis blamieren und Gold gewinnen"
Morgen läuft ein Film über die jüdische Hochspringerin Gretel Bergmann an, der die Nazis die Teilnahme an Olympia untersagten. ZEIT ONLINE hat mit der 95-Jährigen gesprochen
Der Film Berlin 36 erzählt die Geschichte von Gretel Bergmann, einer jüdischen Hochspringerin, die von den Nazis zur Propaganda missbraucht und anschließend von den Sommerspielen 1936 in Berlin ausgeschlossen wurde. Am 10. September ist Kinostart in Deutschland. Bergmann ist heute 95 Jahre alt und lebt als Margaret Lambert in New York.
ZEIT ONLINE: Margaret Lambert, ihre Lebensgeschichte kommt in die deutschen Kinos. Haben Sie Berlin 36 schon vorab gesehen?
Margaret Lambert: O ja. Die Gemini-Filmproduktion war so nett und kam am 6. Juni zu mir nach New York. Ich habe einige Freunde eingeladen, und dann haben wir uns den Film angeschaut. Ganz ohne Presse.
ZEIT ONLINE: Wie hat Ihnen "Ihr" Film gefallen?
Lambert: Ich finde ihn toll, obwohl einige Szenen anders dargestellt wurden, als sie damals tatsächlich passiert sind. Aber die Filmemacher haben mir erklärt, warum sie sich diese künstlerischen Freiheiten genommen haben, und ich habe es verstanden. Der Film muss halt interessant für alle sein und nicht nur für mich. Zudem kann man nicht nur 90 Minuten Hochsprung zeigen.
ZEIT ONLINE: Wie haben Sie reagiert, als Sie hörten, dass Ihre Geschichte verfilmt wird?
Lambert: Ich konnte es nicht glauben. Das alles ist doch schon so lange her, und eigentlich kannte niemand mehr meine Geschichte. Aber als ich hörte, dass jemand einen Film darüber drehen will, habe ich gesagt: wunderbar! Denn die Leute sollen wissen, was damals passiert ist. Denn wie die Nazis das alles inszeniert haben, war raffiniert – obwohl ich es hasse, dies zu sagen.
ZEIT ONLINE: Sie bezeichnen sich noch heute als Lockvogel.
Lambert: Das war ich doch auch. Die Nazis haben mich aus England zurückgeholt und in ihr Olympiateam für die Sommerspiele aufgenommen, weil die USA mit Boykott gedroht hatten, wenn nicht auch Juden die Chance auf einen Olympiastart bekämen. Als ich damals aus England nach Deutschland kam, habe ich meinen Namen überall in den Zeitungen gelesen. Später wurde mir klar, warum. Und an dem Tag, an dem das Schiff mit dem US-Team in New York abgelegt hatte, habe ich meine Ausladung bekommen. Nach außen hin hieß es, ich sei verletzt. Das war eine unverschämte Lüge.
Hass und Elend sind für mich vorbei.
ZEIT ONLINE: Hatten Sie damit gerechnet, dass die Nazis Sie nicht starten lassen würden?
Lambert: Das war mir von Anfang an klar. Ich hatte alle meine Wettkämpfe gewonnen, gehörte zu den vier, fünf Springerinnen in der Welt, die 1,60 Meter überquert hatten. Ich wollte die Nazis blamieren und Gold gewinnen. Deshalb gab es für sie keinen Grund, mich starten zu lassen. Ich hatte Tag und Nacht Angst davor, wie sie mich wohl stoppen würden.
ZEIT ONLINE: Hatten Sie auch Angst, dass durch den Film Erinnerungen in Ihnen aufkommen würden, Erinnerungen, die Sie glaubten, längst verdrängt zu haben?
Lambert: Nein, eigentlich nicht. Ich habe mit dieser Zeit und allem, was passiert ist, abgeschlossen. Ich habe überlebt, bin 95 Jahre alt und kann mich nicht beklagen. Deshalb sind all dieser Hass und das Elend, das ich erlebt habe, für mich vorbei.
ZEIT ONLINE: Wie viel Einfluss hatten Sie auf den Film?
- Datum 10.09.2009 - 14:49 Uhr
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