Tischtennis-EM Stuttgart Meistermacher aus dem OdenwaldSeite 2/2

Hampl hatte schnell erkannt, was für ein Ausnahmeathlet ihm untergekommen war, als er Boll im Alter von acht Jahren bei einem Sichtungsturnier in Aßlar entdeckt hatte. Mit 14 lotste er Boll zum TTV Gönnern. Oder andersherum: Gönnern mit Hampl als Cheftrainer zog ins 170 Kilometer entfernte Höchst. So musste Boll seine Heimat nicht verlassen und konnte täglich mit den Bundesligaspielern trainieren. Das ist bis heute so. Inzwischen lernen dort die jungen Spieler von Boll. "Es ist ein Traum. Ich profitiere sehr davon, mit diesen erfahrenen Leuten zu spielen", sagt der junge Franziska. Und Boll hilft gern: "Nur wenn man mit besseren Leuten trainiert, wird man besser. Der Junge kann noch wichtig werden fürs deutsche Tischtennis." Doch auch Franziska musste einen weiten Weg gehen, um in die Spitzenauswahl zu kommen.

Mit seinem Verbandstrainer-Team ist Hampl immer bei den hessischen Jahrgangsmeisterschaften dabei, für die sich die Talente über Kreise und Bezirke qualifizieren. Die nach Ansicht der Trainer vierundzwanzig Besten werden zu einem Lehrgang ins Frankfurter Landeszentrum eingeladen. Dort, an der Otto-Fleck-Schneise nahe der Fußball-WM-Arena, wird weiter gesiebt, bis die Eleven feststehen, die neu in den Kader kommen. "Die Spieler müssen sich konzentrieren können und leistungsbereit sein. Wer mehr unterm als am Tisch steht, ist halt noch nicht so weit. Am wichtigsten ist aber die Lernfähigkeit", sagt Hampl.

Er weiß genau, wie er den Einzelnen rannehmen muss, wer wann eine harte Hand oder Zureden braucht.

Timo Boll

Wenn sich die jungen Spieler bewähren und gute Ergebnisse erzielen, kommen sie ein Hallendrittel weiter, in die Leistungsgruppe von Helmut Hampl. Die Erwartungen sind allerdings hoch. An die Eltern, die bereit sein müssen, ihr Kind mehrmals in der Woche zum Training und zu Turnieren zu fahren. Und natürlich an die Spieler selbst, wie Hampl sagt: "Es reicht nicht, nur zum Training zu kommen. Wer dabei sein möchte, muss sich ständig mit dem Sport beschäftigen, muss Tischtennis leben."

Dafür bekommen sie nahezu perfekte Bedingungen. Außer den Athletikexperten steht auch ein Mentaltrainer bereit. Zudem gibt es die Möglichkeit, in das zugehörige Internat zu ziehen. Alles läuft mit der Unterstützung der Landesverbände und des Bundesverbandes. Wer allerdings nicht mitzieht, hat schnell ein Problem. Hampl legt größten Wert auf Disziplin. "Ich muss dem Spieler hundertprozentig vertrauen können. Ohne Vertrauen geht gar nichts." Wer das rechtfertigt, kann jedoch seinerseits auf den Trainer bauen. Fünfmal die Woche Training, Reisen zu Ligaspielen und Turnieren, das ständige Austüfteln neuer Methoden – einen Achtstundentag hatte Hampl noch nie.

Auch im Training in Höchst macht Hampl keinen Unterschied zwischen Talent und Star. Er ist der Ruhepol zwischen den hin und her fliegenden Bällen und den quietschenden Sohlen. Bedächtig geht er von Tisch zu Tisch, gibt kurze Anweisungen oder kommentiert einen guten Schlag. Hampls große Stärke dabei ist sein Einfühlungsvermögen, das betonen alle. Auch Boll: "Er weiß genau, wie er den Einzelnen ran nehmen muss, wer wann eine harte Hand oder Zureden braucht." Nach jeder Einheit von jeweils acht Minuten sind die Spieler nass vor Schweiß. Schonen würde sich keiner, auch weil sie wissen, dass ihr Trainer immer alles gibt. "Nach so langer Zeit brennt er noch immer dafür, jeden täglich ein bisschen besser zu machen", sagt Roßkopf.

Trotzdem weiß Hampl in seinem 29. Jahr als Trainer, dass das Erfolgsmodell irgendwann ohne ihn auskommen muss. "Meine Frau sagt zwar, ich würde nie in Rente gehen. Aber ich merke, dass ich öfter Auszeiten brauche als früher." Auch scheint es, als ob sich das hessische System ein wenig von seinem Vorzeigespieler emanzipieren könnte. Ab 2010 soll die Höchster Trainingsgruppe, in der alles auf die Förderung von Boll zum Weltklassespieler ausgerichtet war, im 50 Kilometer entfernten Hanau ein neues Zuhause finden. Hampl sucht noch nach einer geeigneten Halle.

 
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