Thomas Hitzlsperger "Fußball gehört der ganzen Gesellschaft"

Der VfB ist raus aus dem Pokal. Nach dem "bitteren Abend" spricht unser Kolumnist über die Balance zwischen Sport und Business, 50+1 und die Frage: Wem gehört der Fußball?

Warnt vor englischen Verhältnissen: Thomas Hitzlsperger

Warnt vor englischen Verhältnissen: Thomas Hitzlsperger

ZEIT ONLINE: Herr Hitzlsperger, aus aktuellem Anlass müssen wir heute kurz über die Situation beim VfB sprechen. Haben Sie gestern nach dem 0:1 in Fürth geweint, wie Agenturen melden?


Thomas Hitzlsperger: Es war ein ganz bitterer Abend, aber ich habe nicht geweint.

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ZEIT ONLINE: Warum geht es in Stuttgart nach Erfolgen meist rasant bergab?

Hitzlsperger: Es ist wie in vielen Vereinen. Nach einer erfolgreichen Saison steigen die Ansprüche, und wenn die Erwartungen in den ersten Spielen nicht erfüllt werden, entstehen Unruhe und Verunsicherung. Man gerät in einen Abwärtsstrudel, und es dauert lange, bis man wieder raus kommt.

ZEIT ONLINE: Zurück zum Thema: Wem gehört der Fußball?

Thomas Hitzlsperger: Den Spielern und Fans. Der ganzen Gesellschaft.

ZEIT ONLINE: Auch Volkswagen und Audi?

Hitzlsperger: Auch denen. Wirtschaft und Sponsoren sind Teil dieser Gesellschaft. Wichtig ist eine gute Balance.

ZEIT ONLINE: Zwischen wem?

Die Logen dürfen nicht überhand nehmen. In Deutschland sind sich die Vereine dieser Verantwortung bewusst.

Thomas Hitzlsperger


Hitzlsperger: Zwischen Sport und Business. Schauen Sie, im Bundesliga-Stadion sind alle vertreten: Die einfachen Leute auf den Stehrängen, die VIPs in den Logen. Aber die Logen dürfen nicht überhand nehmen. In Deutschland sind sich die Vereine der Verantwortung bewusst. Hier stimmt die Balance.

ZEIT ONLINE: Sie haben in Birmingham, bei Aston Villa, gespielt. Ist Englands Fußball aus der Balance?


Hitzlsperger: Die Verhältnisse in England sind anders. Dort hat man dem sportlichen Erfolg den Vorrang eingeräumt. Die Interessen der Zuschauer werden weniger berücksichtigt. Dafür hat man Investoren alle Türen geöffnet und den Fußball den Gesetzen der Globalisierung unterworfen. Es ist nicht ungewöhnlich, dass in der Premier League elf ausländische Topstars in einer Mannschaft auflaufen. Die Folge ist, dass die Nationalmannschaft lange Zeit erfolglos blieb.


ZEIT ONLINE: Sie waren dort auch Ausländer.

Hitzlsperger: Ja, eine sehr gute Erfahrung. Überhaupt war England eine tolle
 Zeit für mich. Dennoch weiß ich die Verhältnisse im deutschen Fußball sehr
 zu schätzen.

ZEIT ONLINE: Martin Kind, der Präsident von Hannover 96, hat einen Antrag gestellt, die 50+1-Regel abzuschaffen. Wenn er damit durchkommt, bekommen wir dann englische Verhältnisse?

Hitzlsperger: Das könnte passieren, was ich aber nicht hoffe. Man denke nur an die hohen Ticketpreise in England. Die sind auch deswegen so leicht durchzusetzen, weil dort die Klubbesitzer das Sagen haben und für eine gute Rendite keine Kompromisse eingehen wollen. Tickets müssen aber für alle bezahlbar bleiben. In Deutschland sind die Stadien im Durchschnitt besser besucht als in England und wir Spieler spielen eben lieber in einem vollen Stadion.

Leser-Kommentare
  1. Zwar passt das Interview wieder einmal mehr nicht in die Kategorie "Alles AUSSER Fußball", aber wenigstens beweißt Thomas Hitzlsperger wieder einmal mehr, dass er nicht die Scheuklappen des Geldes trägt.

    Geld mag ein sehr wichtiger Teil des Showbusiness - genannt Fußball - sein, aber noch lange nicht der Wichtigste.
    Leidenschaft ist das A und O und muss Fans sowie den Spielern gegeben sein, ansonsten taugt der reichste Club der Welt nichts.

  2. zu glauben, dass nach einer Abschaffung der 50 1 Regel die Ölscheichs in Deutschland Schlange stehen würden. Diese investieren meistens deshalb in England, weil das die einzige Fremdsprache ist, die sie verstehen, da Sie häufig in England oder den USA studiert haben. Man kann doch an dem Bespiel Hopp in Hoffenheim sehen, dass es Investoren auch mit der 50 1 Regel geben kann.

  3. ... warum ist das denn so eine brennende Frage? Und warum ist es so wichtig, sie entschieden zu verneinen. Dass Thomas Hitzlsperger nach dem Pokalaus nicht nach achselzuckend vom Platz ging, war auf den Fernsehbildern zu sehen. Ob dabei Tränen liefen oder nicht, muss meines Erachtens nicht mit dem Hygrometer geklärt werden. Brauchen wir tatsächlich dieses Bild der harten Männer - Indianer kennen keinen Schmerz? Mein Sohn darf weinen, wenn er mal sieben Kästen fängt und er hat auch nach dem Pokalaus für den VfB geweint. Und wenn Herr Hitzlsperger in sein Kissen heulen will, ist mir's auch recht, wenn's befreit. Ich weiß aber gar nicht, welche Antwort gewünscht ist. Ja - ich habe geweint, mir geht es nicht nur ums Geldverdienen. Oder: Nein - selbstverständlich weine ich nicht. Das tun nur Fans. Ich arbeite nach Niederlagen an mir, um besser zu werden. Ich dachte im Fußball wären sogar Männern Tränen erlaubt...

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