Erste Verlierer von SotschiWeg da, Olympia kommt!

Olympia macht platt: Wie schon in Peking werden auch im russischen Sotschi Tausende Menschen durch die Bauarbeiten vertrieben. Friedhard Teuffel kommentiert von Friedhard Teuffel

Die russische Olympiastadt Sotschi

Hier soll der Olympiapark für die Winterspiele 2014 entstehen  |  © Sergei Ilnitsky/dpa

Schon Jahre, bevor Olympische Spiele stattfinden, gibt es die ersten Verlierer. Menschen, die ihre Wohnungen und Häuser räumen müssen. Ihr Lebensmittelpunkt wird auf einmal für angeblich Wichtigeres gebraucht. Für die Olympischen Spiele 2008 in Peking waren Tausende aus ihren Häusern und Wohnungen vertrieben worden, das Organisationskomitee hat 6000 Umsiedlungen zugegeben. Diese Zahl darf man getrost mit einem Faktor X multiplizieren.

Alle Auswüchse der Olympischen Spiele von Peking waren stets den kommunistischen Diktatoren zugeschoben worden. Doch die Geschichte wiederholt sich. Auch für die Winterspiele 2014 in Sotschi müssen Tausende umziehen.

Olympia macht platt. Das bestätigt sich wieder. Wie schon in Peking, so heißt es auch diesmal, es müsste dringend notwendige Infrastruktur errichtet werden, Straßen und Schienen etwa. Das klingt erst einmal nicht verkehrt. Aber es bleibt der Eindruck, dass die bald Vertriebenen Opfer einer größenwahnsinnigen Planung werden.

Der Naturverbrauch in Sotschi hat bislang noch keinen großen Aufschrei verursacht. Der heilige olympische Geist scheint Rechtfertigung genug dafür zu sein, dass eine ganze Region verändert wird, nur damit Athleten für ein paar Sekunden Hänge auf Skiern hinunterstürzen oder auf Schlitten runterrodeln.

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Ob der Protest diesmal lauter ausfällt? Nur ein Jahr nach Peking könnte es die nächste Debatte darüber geben, ob es sinnvoll ist, Olympische Spiele in Länder zu vergeben, in denen es keine einklagbaren Grundrechte gibt.

Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 27.10.2009

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Leserkommentare
  1. Das ist doch eine tolle Idee für die nächste deutsche Bewerbung!
    Motto: Bei uns wird keiner enteignet oder zwangsumgesiedelt und seiner Rechte beraubt! Hier (Bewerbungsort) können Sie auf eine echte, keine gespielte, Unterstützung zählen und wir haben schon Anlagen, z.B. München, die wir nur modernisieren und umbauen müssen!

    Ferner: Ich denke nun kann sich auch mal ein Athlet gegen solche Orte äußern! Denn allen verständlichen sportlichen Ehrgeiz zum Trotz: Auch Sportler sind ja Bürger die Ihre Rechte schätzen und auch eine Stimme haben. "Stell Dir vor es ist Olympia, tausende wurden entrechtet, und keiner geht hin!"
    Zum nun zweiten Mal, nach Peking, wohl eine denkbare Variante, die aber sicher im Berufssportlertum (mit ideellen olympischen Anstrich) keinen Anklang findet...
    Man kann eben nicht nur als Sportler versagen, sondern auch als Bürger....

  2. Ich finde man müsste schon etwas mehr ins Detail gehen, um ein solch krasses Urteil zu fällen: "Olympia macht platt!" Wer sagt denn, dass die Betroffenen nicht angemessen entschädigt werden? Von Vertriebenen zu sprechen ist übereilt. Oft ist es nämlich so, dass es zwar Umsiedlungen gibt, aber die Bewohner einen mehr als angemessenen Preis erhalten und deshalb als Gewinner aus der Sache hervor gehen. Oft werden ein paar tausend Menschen umgesiedelt, aber mehrere Zehntausend profitieren von der neuen Infrastruktur und zwar für die nächsten hundert Jahre.
    Städtebauprojekte im Zusammenhang mit Olympia sind nicht unbedingt "grössenwahnsinnige Projekte" und im Artikel findet sich auch kein Indiz, ob es in diesem Fall gerechtfertigt ist davon zu sprechen.
    Kann natürlich sein, dass es wirklich so ist. Aber der Verfasser kann das wahrscheinlich gar nicht beurteilen.

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    Nehme Sie es bitte nicht persönlich, aber ist nicht auch die Behauptung "von der neunen Infrastruktur profitiere man hundert Jahre" eine sehr kühne, ja krasse Aussage?

    Stellen Sie sich einmal vor, Sie haben z.B. in China Grundbesitz und nun soll dort ein, für den Staat, sehr wichtiges Vorhaben stattfinden bzw. gebaut werden.
    Neben dem fehlenden Rechtsschutz sind dort noch andere Methoden möglich und sicher auch kein Einzelfall, siehe Vertretungen von Menschenrechtsorganisationen.
    In Deutschland können Sie im öffentlichen Interesse, z.B. Autobahn, auch enteignet werden, aber hier haben wir wenigstens eine unabhängige richterliche Kontrolle! Das können Sie ja mal mit der Situation in China etc. vergleichen und die Realität hinzunehmen.
    Und Sie stellen, recht einfach, das Interesse von Tausenden (das Interesse müsste übrigens auch definiert werden) gegen z.B. die angestammten Siedlungs- und Erwerbsverhältnisse von Einzelnen, die dann auch "Tausende" sein können.
    Leider gibt es im angesichts des olymp. Feuers nicht nur Gewinner! Und wenn Sie München oder Schilksee bei Kiel nehmen, möchte ich den Nutzen (architektonisch wie sozial) bezweifeln!
    Nach den Spielen ist es nämlich mühsam dort weiter "Leben" zu halten, sicher in China können Sie das Stadion toll für Aufmärsche, wie zur Olympiade, nutzen. So sind die Investitionen gar nicht so sinnvoll! Vielleicht wäre es für die Umwelt und den Haushalt besser in Griechenland einmal zu bauen, fertig!

  3. Nehme Sie es bitte nicht persönlich, aber ist nicht auch die Behauptung "von der neunen Infrastruktur profitiere man hundert Jahre" eine sehr kühne, ja krasse Aussage?

    Stellen Sie sich einmal vor, Sie haben z.B. in China Grundbesitz und nun soll dort ein, für den Staat, sehr wichtiges Vorhaben stattfinden bzw. gebaut werden.
    Neben dem fehlenden Rechtsschutz sind dort noch andere Methoden möglich und sicher auch kein Einzelfall, siehe Vertretungen von Menschenrechtsorganisationen.
    In Deutschland können Sie im öffentlichen Interesse, z.B. Autobahn, auch enteignet werden, aber hier haben wir wenigstens eine unabhängige richterliche Kontrolle! Das können Sie ja mal mit der Situation in China etc. vergleichen und die Realität hinzunehmen.
    Und Sie stellen, recht einfach, das Interesse von Tausenden (das Interesse müsste übrigens auch definiert werden) gegen z.B. die angestammten Siedlungs- und Erwerbsverhältnisse von Einzelnen, die dann auch "Tausende" sein können.
    Leider gibt es im angesichts des olymp. Feuers nicht nur Gewinner! Und wenn Sie München oder Schilksee bei Kiel nehmen, möchte ich den Nutzen (architektonisch wie sozial) bezweifeln!
    Nach den Spielen ist es nämlich mühsam dort weiter "Leben" zu halten, sicher in China können Sie das Stadion toll für Aufmärsche, wie zur Olympiade, nutzen. So sind die Investitionen gar nicht so sinnvoll! Vielleicht wäre es für die Umwelt und den Haushalt besser in Griechenland einmal zu bauen, fertig!

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    Ist ja schön, dass Sie wissen wie toll es hier ist, nur könnte man den Fall erst einmal untersuchen. Anschliessend von mir aus auch schreien. Aber sich einfach hinstellen und "Betonwüste" brüllen ist etwas zu einfach.
    Architektonisch ist München übrigens ein Highlight, ebenso wie Peking.

  4. Hinzu kommt ja, dass die Verlierer nicht nur keinen Rechtsschutz geniessen, Sie finden auch kein Gehör: Die eigene Presse berichtet nicht, sie selbst haben keine Interessenvertretungen (die möchte man in solchen Staaten auch nicht gründen) und die Sportler denken erst an Gold und dann ans Geld und dann an die olymp. Idee und dann irgendwann auch mal an die Menschen ohne Rechte... und dann zack! folgt DAS Argument der Berufssportler und Funktionäre schlechthin! Mit dem olymp. Geist schafft man Frieden und Verständigung und der Bau bzw. die Vermarktung der Spiele kommt allen Menschen im Land zugute! Auch den Entrechteten! Da wird Ihre Position gestärkt und ein "Neuanfang" möglich! Aha..... ja ne, is klar!

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    • P4tron
    • 27. Oktober 2009 22:00 Uhr

    Dass die Leute dort kein Gehör finden, stimmt so nicht ganz. Oppositionsführer Kasparow monierte schon vor Jahren das Vorgehen der russischen Regierung und sagte die massenhafte Enteignung durch den Staat voraus. Man muss nur die richtigen Sender einschalten, von denen es in Russland freilich nicht mehr allzuviele gibt. Übrigens geht es hier nicht um irgendeinen Landabschnitt, sondern um Sotschi, den Urlaubsort Nummer 1 auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion. Es liegt also nahe, dass es für Russland nie um die Olympia ging, sondern in Wahrheit um die Wiedererlangung des einst von Jelzin an die Bürger verschenkten sehr teueren und profitablen Landabschnitts.

  5. Ist ja schön, dass Sie wissen wie toll es hier ist, nur könnte man den Fall erst einmal untersuchen. Anschliessend von mir aus auch schreien. Aber sich einfach hinstellen und "Betonwüste" brüllen ist etwas zu einfach.
    Architektonisch ist München übrigens ein Highlight, ebenso wie Peking.

    • P4tron
    • 27. Oktober 2009 22:00 Uhr

    Dass die Leute dort kein Gehör finden, stimmt so nicht ganz. Oppositionsführer Kasparow monierte schon vor Jahren das Vorgehen der russischen Regierung und sagte die massenhafte Enteignung durch den Staat voraus. Man muss nur die richtigen Sender einschalten, von denen es in Russland freilich nicht mehr allzuviele gibt. Übrigens geht es hier nicht um irgendeinen Landabschnitt, sondern um Sotschi, den Urlaubsort Nummer 1 auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion. Es liegt also nahe, dass es für Russland nie um die Olympia ging, sondern in Wahrheit um die Wiedererlangung des einst von Jelzin an die Bürger verschenkten sehr teueren und profitablen Landabschnitts.

    Antwort auf "Nachtrag"

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  • Quelle ZEIT ONLINE, Tagesspiegel
  • Schlagworte Debatte | Geschichte | Grundrecht | Olympia | Opfer | Protest
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