Der Fall Pechstein Gutachter Dame: "Die Epo-Gen-Variante ist bewiesen"

Christof Dames Gutachten soll Claudia Pechstein vom Dopingvorwurf freisprechen. Der Forscher betont aber auch, dass sein Befund Blutdoping nicht ausschließt. Ein Interview

Claudia Pechstein hofft, durch ein medizinisches Gutachten die Dopingvorwürfe ausräumen zu können

Claudia Pechstein hofft, durch ein medizinisches Gutachten die Dopingvorwürfe ausräumen zu können

Frage: Herr Dame, Ihr medizinisches Gutachten soll die Eisschnellläuferin Claudia Pechstein vom Dopingvorwurf freisprechen. So erhofft sie es sich zumindest. Am 5. November soll das Urteil kommen. Entlastet Ihr Gutachten Claudia Pechstein?

Christof Dame: Ob und wie der Internationale Sportgerichtshof meinen Befund bewertet, weiß ich nicht. Da lasse ich mich überraschen. Die molekular-genetische Diagnostik wird über die Bundespolizei, den Dienstherrn von Frau Pechstein, abgerechnet; es ist ein ärztlicher Befund. Ich habe eine klare Fragestellung bekommen und sie streng wissenschaftlich bearbeitet.

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Christof Dame, 42

Dame ist Professor und Oberarzt für Pädiatrie mit Schwerpunkt Neonatologie an der Charité in Berlin und forscht seit vielen Jahren über das Epo-Gen. Er legt Wert darauf, dass seine Studie nicht von Claudia Pechstein, sondern von der Bundespolizei in Auftrag gegeben worden sei. Die Bundespolizeit ist der Dienstherr von Pechstein.

Frage: Sie haben in Ihrem Gutachten eine zweifache Mutation ihres Epo-Gens festgestellt. Was bedeutet das?

Dame: Ich nenne es eine Variante ihres Epo-Gens, denn es verbirgt sich dahinter keine Krankheit. An zwei genregulierenden Stellen habe ich Varianten gefunden, die so wirken können, dass der Schalter zur körpereigenen Produktion von Erythropoietin leichter umgelegt werden kann. Diese Varianten sind von Vater und Mutter zu gleichen Teilen vererbt.

Frage: Kann das die Erklärung für die erhöhten Retikulozytenwerte sein, deretwegen Pechstein gesperrt worden ist?

Dame: Alle Daten sprechen dafür, dass es unter bestimmten Bedingungen, etwa starker Belastung, zu erhöhter Epo-Produktion und damit zu erhöhten Retikulozyten kommt. Die experimentelle Beweisführung ist aber noch unvollständig

Frage: Wie könnte Claudia Pechstein diesen Beweis erbringen?

Dame: Dass es überhaupt Varianten im Epo-Gen gibt, weiß man erst seit 2008. Und jetzt haben wir bei Frau Pechstein den ersten Fall einer Epo-Gen-Variante im Leistungssport. Wir können also noch nichts darüber sagen, wie verbreitet die Variante bei gesunden Erwachsenen und bei Sportlern in Ausdauerdisziplinen ist. Das erfordert gezielte Untersuchungen. Man müsste wohl zwei Jahre forschen und einen knapp sechsstelligen Betrag aufwenden.

Frage: Den Einzelfall zu betrachten hilft Claudia Pechstein also nicht?

Dame: Die Epo-Gen-Variante ist bewiesen. Aber wir hätten auch keine besseren Daten, wenn wir sie noch ein paar Wochen länger beobachten würden.

Frage: Können Sie auf der Grundlage Ihrer Studie Doping ausschließen?

Dame: Die Frage nach Doping ist mir nie gestellt worden. Sie können meinen Befund nicht nehmen, um Blutdoping auszuschließen, sondern nur um die Hinweise auf eine Blut-Anomalie zu untermauern.

Die Fragen stellte Friedhard Teuffel.

Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 28.10.2009

 
Leser-Kommentare
  1. Sollte es tatsächlich so sein, daß sie Trägerin einer Epo-Gen-Variante ist, die diesen Test als nicht 100%ig wasserdicht erscheinen lässt, darf dieser nicht als Beweis dienen. Damit ist sie als nicht gedopt zu betrachten, unschuldig und somit vom erhobenen Vorwurf freizusprechen. Leider büsst sie jedoch auch für seitherige Dopingverleugnungen anderer Sportler(innen), die sich dann doch als unwahr heraus stellten. In einem anderen Zusammenhang (Harry Wörz) sprach eine Gerichtsreporterin davon, daß es für sie zwei Arten von Unschuldsbeteuerungen gibt. Die eine überzeugt durch die Entschlossenheit, mit der gegen den Verdacht angegangen wird. Die andere ist gekennzeichnet davon, daß der Angeklagte glaubt, ihm sei nichts nachzuweisen. Bitte Claudia, lass die Vorwürfe an Ersterem zerschellen und leite diese Energie zukünftig wieder in deine Kufen. Ich weiss sonst nicht mehr, an was ich am Hochleistungssport noch glauben soll.

  2. Glauben Sie doch einfach an das hier:
    http://www.spiegel.de/spi...

    Nachdem ich diesen Artikel gelesen habe, glaube ich dem Hochleistungssport sowieso nicht mehr. Außerdem gibt es sinnvolleres im Leben als immer nur schneller, weiter und nebenbei immer mehr Geld zu verdienen. Zum Beispiel zu versuchen, die Probleme dieser Welt zu lösen und die werden durch die Leistungssportler nicht weniger. Nicht, dass ich etwas dagegen hätte, wenn Sport betrieben wird, aber Profisport ist schon etwas fraglich, wobei natürlich andere Berufe nicht unbedingt sinnvoller sind. Doping ist aber leider auch ein Auswuchs dieses Sport-Hypes. Ich gucke mir auch noch ganz gerne Sport im Fernsehen an, allerdings war bei der letzten Olympiade bei jedem Wettkampf immer der Doping Gedanke im Hinterkopf dabei und das man diesen Wahnwitz ja durch sein Zuschauen unterstützt. Die Fernsehsender sollten mal mutig sein und Behindertensport oder so etwas übertragen, um mal diesem Leistungswahn etwas entgegenzusetzen.

    Und in Bezug auf die Unschuldsbeteuerungen. Leider ist es doch immer so dass die meisten Sportler in die Offensive gehen, weil das der einzige Weg ist ihr Gesicht nach außen hin zu wahren und es geht vor allem auch um viel Geld.

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  • Quelle ZEIT ONLINE, Tagesspiegel
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