US-Schwimmerin Dara Torres "Ich war total verängstigt"

Sie ist 42, vierfache Olympiasiegerin und will 2012 in London starten. Im Interview erklärt Dara Torres, warum sie sich ihr Schienbein durchsägen ließ.

Dara Torres während eines Pressetermins im August 2008

Dara Torres während eines Pressetermins im August 2008

Boston, Brigham Women´s Hospital, 16. Stock, Zimmer 91d: Auf einem großen Tisch stehen fünf riesige Blumensträuße, auf dem Nachtschrank stapeln sich DVDs und Zeitschriften, im Bett liegt Dara Torres. Das linke Bein der 42-jährigen US-Schwimmerin ist verbunden und auf einer beweglichen Schiene fixiert. Ein kleiner Elektromotor treibt die Vorrichtung an, durch die das Bein langsam gebeugt und gestreckt wird. Torres hat sich vor einer Woche ihr Schienbein gebrochen, genauer: Sie hat es sich brechen und versetzen lassen, damit sich um ihre von Arthritis befallene Kniescheibe eine neue Knorpelschicht bilden kann. Denn sie will 2012 in London zum sechsten Mal bei Olympischen Sommerspielen starten. Das erste Gold gewann sie 1984. Während Torres sämtliche US-Medien mied, gab sie 48 Stunden nach ihrer Operation am Krankenbett ZEIT ONLINE ein Exklusiv-Interview.

ZEIT ONLINE: Dara Torres, wie geht es Ihnen nach der Operation?

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Dara Torres: Es geht mir ganz gut. Ich habe noch einige Schmerzen, die ersten 24 Stunden waren schlimm. Denn die Schmerzmittel habe ich sofort wieder erbrochen. So was habe ich vorher noch nicht erlebt.

ZEIT ONLINE: Welche Verletzung haben Sie genau?

Torres: Ich habe links einen Knorpelschaden, genauer: Ich habe überhaupt keinen Knorpel mehr unter meiner Kniescheibe. Bereits nach den Sommerspielen in Peking hatte ich Knieschmerzen, und innerhalb von zehn Monaten ist der Knorpel komplett zurückgegangen. Damit sich jetzt neuer Knorpel bilden kann, musste mein Schienbein durchgesägt werden, um etwas Raum im Knie zu schaffen und die Kniescheibe zu entlasten. Die Operation hat dreieinhalb Stunden gedauert, und die Regeneration wird sogar zwischen einem und anderthalb Jahren in Anspruch nehmen. Aber ich wollte 2010 ohnehin pausieren, daher ist das nicht so schlimm.

ZEIT ONLINE: Ist das kaputte Knie das Ergebnis von mehr als 25 Jahren Leistungssport?

Torres: Ich denke, es ist zum einen genetisch bedingt. Meine Mutter hat ein künstliches Knie, meine Schwestern und mein Bruder hatten ebenfalls Knieprobleme. Und der Rest sind sicher Abnutzungserscheinungen durch jahrelanges Krafttraining.

ZEIT ONLINE: Was haben Sie gedacht, als Ihr Doktor sagte, dass Ihr Schienbein durchgesägt werden muss?

Torres: Das Erste, was ich meinen Doktor gefragt hatte, war, ob diese Operation wirklich notwendig ist. Er meinte nur, dass sie absolut notwendig sei. Daraufhin habe ich gesagt: Dann lassen Sie uns loslegen! Doch für mich war viel erschreckender gewesen, als der Arzt mir nach der Operation die Röntgenaufnahmen zeigte und ich herausfand, wie sehr mein Knie verletzt war. Ich wusste, dass das Gelenk kaputt ist, denn ich hatte täglich Schmerzen. Aber ich hatte keine Ahnung, dass das Knie total zerstört war. Und der Doktor war sogar überrascht, dass ich im Sommer noch bei der Weltmeisterschaft in Rom geschwommen bin.

ZEIT ONLINE: Was fühlt man, wenn man sich freiwillig so etwas antun lässt?

Torres: Als ich über die Operationsmethode Näheres las, wurde ich panisch. Schienbein durchsägen, Kniescheibe anheben – ich war total verängstigt. Aber wissen Sie, was das Schlimmste für mich ist?

ZEIT ONLINE: Was?

Torres: Dass ich ganz viel Geduld haben und genau den Anweisungen des Doktors folgen muss. Das wird sehr hart für mich, weil ich ein fast schon hyperaktiver Mensch bin, der immer seinem Zeitplan voraus ist. Aber diesmal muss ich mich wirklich gedulden, denn es dauert rund neun Monate, bis sich neuer Knorpel gebildet haben wird. Aber ich kann vermutlich in drei Wochen bereits mit leichtem Aquajogging beginnen.

ZEIT ONLINE: Und das alles, weil Sie 2012 in London dabei sein wollen?

Torres: Ausschlaggebend war, dass ich mein Alltagsleben wieder haben wollte. Ich konnte vor Schmerzen nicht mehr in die Knie gehen oder Treppen steigen. Schwimmen ist sekundär. Aber ich möchte zumindest gerne in einem Jahr die Option haben, mich auf London vorbereiten zu können.

ZEIT ONLINE: Sie haben an fünf Sommerspielen teilgenommen (1984, 1988, 1992, 2000, 2008), elf Olympische Medaillen gewonnen, davon viermal Gold. Warum tun Sie sich das alles noch an und wollen als 45-Jährige in London gegen Kontrahentinnen schwimmen, die Ihre Töchter sein könnten?

Torres: Ich liebe Schwimmen, und ich liebe den Wettkampf. Und warum sollte ich nicht gegen die Kids antreten, solange es mir möglich ist und ich mit denen mithalten kann? Ich denke, es kommt nicht aufs Alter an, sondern darauf, ob ich noch gut genug bin.

Dara Torres nach der OP

Dara Torres nach der OP

ZEIT ONLINE: Was passiert, wenn Ihnen der Doktor in einem Jahr sagt, dass Ihr Knie trotz aller Disziplin nicht mehr für den Leistungssport geeignet ist?

Torres: Daran denke ich gar nicht, sonst würde ich mich nur verrückt machen.

ZEIT ONLINE: Wie beurteilen Sie angesichts der Verletzung Ihren achten Platz über die 50 Meter Freistil bei der WM in Rom?

Torres: Ich wusste bereits vorher, dass ich aufgrund meiner Knieprobleme nicht in Bestform war und nicht das nötige Beintraining absolvieren konnte. Ich wollte trotzdem mein Bestes geben. Letztlich war das Ergebnis in Ordnung. Ich bin die Achtschnellste der Welt – und das mit 42 Jahren. Aber gegen Weltmeisterin Britta Steffen und ihren Weltrekord hätte ich ohnehin keine Chance gehabt. Sie ist einfach eine unglaubliche Athletin, ihre Zeit wird lange unschlagbar sein.

Mit dem Zweifel im Wasser

Der Zweifel schwimmt mit Dara Torres. Die Frage nach ihrem Alter muss sie mindestens so oft beantworten wie die nach Doping. Wie kann es sein, dass sie heute schneller schwimmt als vor zwanzig Jahren, dass eine Frau, die die 40 überschritten hat, Gegnerinnen abhängt, die ihre Töchter sein könnten?, hieß es, als Torres im August 2007 bei den nationalen Titelkämpfen über 50 Meter Freistil US-Rekord schwamm. Und als sie sich im Sommer 2008 als US-Meisterin über die 50 und die 100 Meter Freistil für ihre fünften Olympischen Spiele qualifizierte, wuchs die Skepsis. In Peking war sie der Deutschen Britta Steffen über 50 Meter Freistil nur um eine Hundertstelsekunde unterlegen.

Nachgewiesen ist nichts, und Torres geht inzwischen offensiv mit der Skepsis um. Vor Peking 2008 wurde sie Mitglied des "Project Believe" der nationalen Anti-Doping-Agentur USADA. Sie gab zusätzliche Urinproben ab und ließ sich Blut abnehmen, das jetzt gelagert wird und in Zukunft auf menschliche Wachstumshormone kontrolliert werden kann. Allerdings wurde auch mit Jahren Verspätung bekannt, dass Torres vor Sydney 2000 keine Doping-Tests machen musste.

Ihre Leistungen führt die 42-Jährige auf ihr spezielles Training zurück. Die Millionärstochter leistet sich zwei Masseure, zwei Physiotherapeuten sowie neben ihrem deutschen Coach Michael Lohberg mehrere Spezialtrainer.

ZEIT ONLINE: Wie ist Ihr Verhältnis zu Steffen, die Ihnen ja in Peking Gold über die 50 Meter Freistil um eine Hundertstel weggeschnappt hat?

Torres: Ich freue mich immer, wenn ich sie sehe und gegen sie schwimmen kann. Ich finde sie noch immer zurückhaltend, allerdings mittlerweile nicht mehr so schüchtern wie noch vor ihren beiden Olympiasiegen.

ZEIT ONLINE: Britta Steffen wurde am 16. November 1983 geboren. Wissen Sie in etwa, was Sie damals gemacht haben?

Torres:Da war ich 17 Jahre alt und habe mich auf die Olympischen Spiele ein Jahr später in Los Angeles vorbereitet, wo ich meine erste Goldmedaille gewann.

ZEIT ONLINE: Welche Unterstützung bekommen Sie derzeit von Ihrem deutschen Trainer Michael Lohberg?

Torres: Er ruft jeden Tag an. Und er wollte natürlich auch gleich wissen, wie lange ich ausfalle. Als ich ihm sagte, dass es mindestens ein Jahr sein wird, war er zunächst erschrocken. Ich meinte nur: Michael, wir haben dann immer noch fast zwei Jahre zur Vorbereitung auf London, das wird schon.

Die Fragen stellte Heiko Oldörp.

 
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