Depressionen Jeder zweite Sportler kämpft mit psychischen Problemen

Tübinger Sportwissenschaftler haben 700 Spitzenathleten befragt. Das Ergebnis: Die Hälfte fühlt sich immer wieder ausgebrannt, jeder fünfte ist gelegentlich depressiv.

Die Slowenin Brigita Langerholc nach einem 800-Meter-Lauf. Einer Studie zufolge erholen sich nicht alle Spitzensportler von den Strapazen ihres Jobs

Die Slowenin Brigita Langerholc nach einem 800-Meter-Lauf. Einer Studie zufolge erholen sich nicht alle Spitzensportler von den Strapazen ihres Jobs

Erkrankungen wie bei dem verstorbenen Fußball-Nationaltorhüter Robert Enke sind im Profisport keine Seltenheit, wie die Universität Tübingen am Dienstag mitteilte. Einer Studie am Institut für Sportwissenschaft zufolge fühlt sich jeder zweite befragte Leistungssportler durch die extremen Anforderungen immer wieder ausgebrannt und kraftlos. Fast ein Drittel der befragten Sportler leide an Schlafstörungen, jeder fünfte klage sogar über gelegentliche Depressionen.

Die Wissenschaftler hatten von 2006 bis 2008 rund 700 Athleten, Trainer und Funktionäre aus Leichtathletik und Handball in biografischen Interviews befragt. Der Deutsche Leichtathletikverband und der Deutsche Handballbund unterstützten die Studie. 

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Die aufgezeigten Probleme würden jedoch "aufgrund der Fokussierung auf die körperliche Leistungsfähigkeit weitestgehend tabuisiert", sagte Professor Ansgar Thiel, einer der Autoren der Untersuchung. Die Jagd nach dem sportlichen Erfolg lasse keinen Platz für Anzeichen von Schwäche. Sobald aber die sportliche Leistung nicht mehr stimme, fielen Athleten in ein tiefes Loch mit teilweise regelrecht traumatischen Folgen.

Die wesentliche Ursache sehen die Forscher im System des Leistungssports. "Die Athleten wollen unbedingt Wettkämpfe bestreiten. Dafür verheimlichen oder ignorieren sie nicht selten Schmerzen und Beschwerden", sagte Thiel. Wenngleich die Trainer grundsätzlich offen für Probleme wären, geben sie sich laut Studie zu schnell zufrieden, wenn ein Athlet sagt, es sei alles in Ordnung.

Zudem übten die Wissenschaftler heftige Kritik an der medizinischen Versorgung vieler Verbände und Vereine. Athleten und Trainer verlangten von den Ärzten vor allem ein "fit machen", kein "gesund machen". In der Leichtathletik sei beispielsweise zu beobachten, dass Athleten so lange ein "Ärztehopping" betrieben, bis sie jemand gesundschreibe oder fit für den Wettkampf mache.

Auch Schmerzmittel seien ein großes Problem im Leistungssport, schreiben die Tübinger Wissenschaftler weiter. Der übermäßige Einsatz von Medikamenten berge die Gefahr, dass Sportler die Warnsignale des Körpers überhören und zu früh wieder ins Training einsteigen könnten. "Das zieht nicht selten regelrechte Verletzungsserien nach sich", sagte Thiel. Athleten und Trainer verdrängten gern alle Gedanken an mögliche Folgeschäden.

In einer Folgestudie wollen die Sportwissenschaftler in den nächsten drei Jahren herausfinden, wie im Nachwuchssport mit der Gesundheit der Athleten umgegangen wird.

 
Leser-Kommentare
  1. ein passenden Artz aussuchen; der Sport ist psychebarometer.

  2. Wissenschaftler. Oder Angestellte. Oder Hausfrau. Das ist nun wirklich kein Problem einer bestimmten Berufsgruppe, sondern ein Problem der momentanen Umstände. Oder es war einfach schon immer so, aber keiner hat darüber geredet - und man definiert als Krankheit, was in einem gewissen Mass normal ist.

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