Unsere Sporthelden 2009 Stadionbauer, WM-Maskottchen und eine Papierkugel

Die Sportler des Jahres werden gewöhnlich nach objektiven Kriterien wie Medaillen oder Titeln ausgesucht. Die Wahl unserer Helden 2009 erfolgte eine Spur subjektiver.

Philipp Lahm

Philipp Lahm zeigte Courage, als er die Vereinspolitik des FC Bayern kritisierte

Philipp Lahm zeigte Courage, als er die Vereinspolitik des FC Bayern kritisierte

Philipp Lahm hat sich gewandelt. Er ist nicht mehr der liebe, nette Philipp, den man gerne in den Arm nehmen und knuddeln würde. Er ist zur anerkannten Spielerpersönlichkeit gereift, die nicht davor zurückscheut, andere zu kritisieren. Selbst wenn es seinen Arbeitgeber FC Bayern München betrifft. Lahm hat Courage bewiesen, das öffentlich auszusprechen, was viele bloß dachten: Der FC Bayern hat keine Spielphilosophie, hinter den Spielerverpflichtungen ist kein System zu erkennen, und die häufigen Trainerwechsel verunsichern die Mannschaft. Selbst so meinungsfreudige Spieler wie Stefan Effenberg oder Oliver Kahn hätten sich zu ihrer aktiven Zeit nicht getraut, die mächtigen Vereinsbosse Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge herauszufordern. Die meisten Fußballprofis kuschen lieber, als den Mund aufzumachen. Philipp Lahm hat bewiesen, dass der mündige Spieler nicht nur in der Theorie existiert.

Britta Steffen

Die Heldin von Rom: Britta Steffen gewann zwei WM-Titel in Weltrekordzeit

Die Heldin von Rom: Britta Steffen gewann zwei WM-Titel in Weltrekordzeit

Britta Steffen ist bekannter als sie denkt. Als sie im Januar 2009 im eleganten, eng anliegenden Abendkleid bei Wetten dass auf der Couch saß, beugte sich Tom Cruise zu ihr herüber und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Der US-Schauspieler sagte der Berlinerin, dass er ihre Rennen bei den Olympischen Spielen in Peking im Fernsehen verfolgt hat. "Der kannte mich! Damit hätte ich nicht gerechnet", wundert sich die Schwimm-Olympiasiegerin. Trotz ihrer großen Erfolge nimmt sich die Studentin nicht so wichtig. Statt von Talkshow zu Talkshow zu tingeln und ihre Vermarktung voranzutreiben, konzentriert sie sich lieber auf ihr Studium und das Schwimmen. Mit Erfolg: Nach dem famosen Olympia-Jahr legte sie 2009 bei der Schwimm-WM in Rom nach. Sie gewann die Goldmedaille über 50 und 100 Meter Freistil jeweils in Weltrekordzeit. Britta Steffen ist mit ihren 26 Jahren nicht am Ende ihrer Karriere, hat aber schon jetzt mehr gewonnen als die deutsche Schwimm-Ikone Franziska van Almsick.

Markus Babbel

Ein tragischer Held: Markus Babbel beweist in der Niederlage Größe und Stil

Ein tragischer Held: Markus Babbel beweist in der Niederlage Größe und Stil

Markus Babbel ist ein tragischer Held. Er ist verantwortlich für die beste Rückrunde in der Geschichte des VfB Stuttgart. Er trägt jedoch auch Mitschuld an der schlechtesten Hinrunde seit zweiundvierzig Jahren. Dennoch überwiegen die Glücksmomente, die Babbel dem VfB und seinen Fans gebracht hat. Seine offene, ehrliche und positive Art wirkte vitalisierend auf die verzagte Mannschaft, die unter seinem Vorgänger Veh ins Mittelmaß abgerutscht war. Babbel galt als Spielerversteher, der auf die Selbstverantwortlichkeit der Profis setzte – gedankt haben sie es ihm nicht. Guten Stil bewies Babbel bei seinem Abschied. Er brachte Verständnis für die Entscheidung auf, ihn zu entlassen. Er bedankte sich beim Verein und den Journalisten für die gute Zusammenarbeit. Vor allem aber betätigte er sich als Mahner, der die Diskussion um Moral und Anstand nach dem Tod von Robert Enke als Heuchelei entlarvte. Adressat seiner Kritik waren einige Stuttgarter Fans, die versucht hatten, den Mannschaftsbus zu stürmen und seine Spieler mit Beleidigungen und Morddrohungen verängstigt hatten. Markus Babbel kann sich nun in Ruhe von den aufreibenden Wochen und Monaten in Stuttgart erholten und ohne Belastung seine Trainerlizenz erwerben. Danach werden wir ihn in der Bundesliga gewiss wiedersehen.

Berlino (Maskottchen der Leichtathletik-WM)

Das WM-Maskottchen Berlino übt sich in Siegerposen mit Usain Bolt

Das WM-Maskottchen Berlino übt sich in Siegerposen mit Usain Bolt

Der heimliche Held der Leichtathletik-WM in Berlin war Berlino, das Maskottchen. Der gemütliche Bär erfreute die Zuschauer und besonders die Athleten. Immer wenn es einen Medaillengewinner zu feiern galt, tauchte plötzlich Berlino auf und stürzte sich ins Getümmel. Er schmuste mit Robert Harting, führte ein Tänzchen mit Steffi Nerius auf und übte Siegerposen mit Usain Bolt. Der Superstar aus Jamaika bekannte freimütig: "Berlino und ich sind Freunde geworden. Wir haben die Telefonnummern getauscht." Selbst die Engländer fanden den Bären mit dem riesigen Kopf richtig gut. Die Zeitung Observer kürte Berlino jüngst zum Maskottchen des Jahres. Wir finden: eine gute Wahl.

Horst Hrubesch

Horst Hrubesch gewann mit der U-21-Nationalmannschaft den EM-Titel

Horst Hrubesch gewann mit der U-21-Nationalmannschaft den EM-Titel

Bis vor einem halben Jahr war Horst Hrubesch aus der Ferne betrachtet noch der kantige Eisenschädel, der als Spieler Kopfballtore im Akkord erzielte und als Assistent unter dem einstigen Bundestrainer Erich Ribbeck eine Partie "Paroli laufen lassen wollte". Eine großartige Trainerkarriere schien dem Angelfreund und Pferdeliebhaber nicht beschieden. Hrubesch galt als Auslaufmodell und einer der Ersten, den Jürgen Klinsmann bei seinen Reformarbeiten im DFB aussortieren würde. Doch es kam anders: Seitdem er im vergangenen Jahr von Dieter Eilts die U-21-Nationalmannschaft übernommen hatte und diese zum EM-Titel führte, erscheint Hrubesch in einem anderen Licht. Plötzlich wird der frühere HSV-Stürmer als väterlicher Freund der Spieler bezeichnet, die zu ihm aufschauen. Er wird für seine Gradlinigkeit gelobt, als einer, der die Dinge einfach anpackt. Trotz der Lobeshymnen bleibt Hrubesch bescheiden, er hält sich im Hintergrund, Profilierungssucht ist ihm fremd. Seine unaufgeregte, ehrliche Art macht ihn sympathisch. Als Spieler war der Europameister von 1980 ein Spätstarter. Als Trainer verhielt es sich genauso. Erst im dritten Jahrzehnt seiner Trainerlaufbahn erhält er den Lohn seiner Arbeit. Er wurde mit dem erstmals vergebenen Trainerpreis des Deutschen Fußball-Bundes ausgezeichnet.

Felix Magath

Felix Magath wurde 2009 mit Wolfsburg Deutscher Meister. Mit Schalke ist er schon wieder erfolgreich

Felix Magath wurde 2009 mit Wolfsburg Deutscher Meister. Mit Schalke ist er schon wieder erfolgreich

"Alles, was er anfasst, wird zu Gold", wird sonst nur über Franz Beckenbauer gesagt. Das Gleiche scheint jedoch auch für Felix Magath zu gelten. Erst führte er den Provinzclub VfL Wolfsburg in der abgelaufenen Saison sensationell zur Meisterschaft. Er holte aus einer Mannschaft mit größtenteils unbekannten Spielern das Maximum heraus. Auf dem Höhepunkt des Erfolges verließ er Wolfsburg und ging zum FC Schalke 04 – einem Verein mit hohen Ansprüchen, aber auch Führungsschwäche und großen Finanzproblemen. Kaum übernahm Magath den Posten des Trainers und Managers, stellten sich die ersehnten Erfolge ein. Das Team, dem die Experten vor der Saison die Meisterschaftsreife absprachen, spielt in der Vorrunde in der Spitzengruppe mit. Das ist beachtlich, wurde die Konzentration auf das Sportliche doch immer wieder von Nachrichten über das Schalker Finanzchaos gestört. Doch Magath strahlte selbst in dieser angespannten Atmosphäre Ruhe und Gelassenheit aus. Bei seinem Amtsantritt bat er um vier Jahre Zeit, den Titel nach Gelsenkirchen zu holen. Vielleicht schafft er es schon früher. Zuzutrauen wäre es ihm.

Papierkugel aus dem Uefa-Cup-Halbfinale Hamburg-Bremen

Dem HSV-Verteidger Michael Gravgaard kommt ein Papierball in die Quere

Dem HSV-Verteidger Michael Gravgaard kommt ein Papierball in die Quere

Im Rückspiel des Uefa-Cup-Halbfinales zwischen dem Hamburger SV und Werder Bremen sind etwas mehr als achtzig Minuten gespielt. Der HSV-Verteidiger Michael Gravgaard will einen läppischen Zwei-Meter-Pass zu Torwart Frank Rost spielen. Kurz bevor der Däne den Ball trifft, kullert dieser über eine aufs Feld geworfene Papierkugel und verändert leicht die Richtung. Der Ball springt Gravgaard ans Schienbein und von da ins Aus. Es gibt Eckball für Werder Bremen. Diego tritt ihn, die HSV-Abwehr kann den Ball nicht weit genug klären und Frank Baumann köpft das vorentscheidende 3:1 für die Bremer. Ein zusammengeknülltes Stück Papier trug dazu bei, dass der HSV nicht ins Uefa-Cup-Finale einzog. Wie heißt es im Fußball immer: Kleinigkeiten entscheiden. Diese komische Nummer ist für den Hamburger nur schwer zu verdauen, zumal die Kugel aus ihrer Kurve geworfen wurde. In Bremen erlangte das Papierknäuel Kultstatus. Ein Bremer Fan ersteigerte das gute Stück für 4510 Euro und vermachte es dem Werder-Museum Wuseum.

Fans von Union Berlin

Die Fans von Union Berlin opferten ihre Freizeit und renovierten die "Alte Försterei"

Die Fans von Union Berlin opferten ihre Freizeit und renovierten die "Alte Försterei"

Die Fans von Union Berlin haben dafür gesorgt, dass ihr Verein weltweites Interesse weckte. Reporter aus Italien, Spanien, der Ukraine und sogar Japan berichteten über den Fußball-Zweitligsten aus dem Berliner Stadtteil Köpenick. Was war geschehen? In einer wohl einmaligen Aktion renovierten rund 2000 Anhänger über ein Jahr lang das Stadion und retteten die "Alte Försterei" vor der Schließung. Die 40.000 Arbeitsstunden stehen für einen Wert von zwei Millionen Euro, den der Verein und die Stadt niemals hätten stemmen können. Bei sengender Hitze oder 10 Grad minus – die Fans opferten ihren Urlaub und baggerten, hämmerten, sägten und malerten, damit das Stadion den Auflagen der Deutschen Fußball-Liga entsprach. Geld bekamen sie nicht dafür. Manchmal kam es vor, dass der Union-Präsident Dirk Zingler vorbeikam und eine Kiste Bier mitbrachte. Das Gefühl, ein Teil der Union-Familie zu sein und seinen Teil zum Gelingen beigetragen zu haben, war für die Fans Lohn genug. "Es ist sensationell und phänomenal, was unsere Fans hier in den zurückliegenden zwölf Monaten geleistet haben. Man kann es kaum in Worte fassen", sagte Sportdirektor Christian Beeck.

Bernd Schneider

Der "weiße Brasilianer" Bernd Schneider verabschiedet sich vom Fußball

Der "weiße Brasilianer" Bernd Schneider verabschiedet sich vom Fußball

Bernd Schneider verkörperte die Lust am Spiel, der Ball war sein Freund. Ein Jammer, dass der 35-Jährige in diesem Jahr wegen einer Rückenverletzung seine Karriere beenden musste. Sein früherer Leverkusener Mitspieler Emerson nannte ihn einst den "weißen Brasilianer". Sonst hieß Schneider mit Spitznamen "Schnix", weil er so gut schnixeln (thüringisch: gut mit dem Ball umgehen) konnte. Schneider war ein Star auf dem Platz, abseits ließ er es lieber ruhig angehen. Wann immer er in seine Heimat Jena kam, pokerte er bei Bier und Zigaretten mit seinen alten Kumpels oder ging mit ihnen schnixeln. Ohne Fußball kommt Schneider nicht aus – selbst im Urlaub nicht. Das beweist die schöne Geschichte aus dem Jahr 2005. Der Nationalspieler lag am Strand und langweilte sich. Da traf es sich gut, dass in seiner Nähe ein paar Engländer Fußball spielten. Er ging hin und fragte, ob er mitkicken dürfte. Die Briten willigten ein, ohne zu wissen, dass sie es mit einem WM-Finalisten zu tun hatten. Schneider war es egal, ob er nun mit Profis oder ein paar Hobbykickern bolzte. Ihm ging es nur darum, endlich wieder den Ball streicheln zu dürfen.

Steffi Nerius

Steffi Nerius gewinnt kurz vor ihrem Karriereende WM-Gold im Speerwerfen

Steffi Nerius gewinnt kurz vor ihrem Karriereende WM-Gold im Speerwerfen

"Das ist der größte Moment in meinem Leben", sagte Steffi Nerius an jenem Dienstagabend im August, als sie den Speer weiter als alle ihre Konkurrentinnen schleuderte und Gold bei der Leichtathletik-WM in Berlin gewann. Die 37-Jährige verwirklichte sich einen Lebenstraum: Ihre Karriere als Weltmeisterin zu beenden. Um die erste deutsche Goldmedaille bei den Titelkämpfen zu würdigen, wurde Bundeskanzlerin Angela Merkel extra mit dem Hubschrauber eingeflogen. "Im Namen der 80 Millionen Menschen in Deutschland gratuliere ich", sagte die Kanzlerin bei der Feier im WM-Club des deutschen Teams.

Bis zu ihrem Glückstag im August hatte Nerius ein Abo auf Bronze. 2003, 2005 und 2007 wurde sie WM-Dritte. Bei den Olympischen Spielen 2004 gewann sie immerhin die Silbermedaille. Die Goldmedaille von Berlin krönte eine ereignisreiche Laufbahn. "Man sollte aufhören, wenn es am schönsten ist", sagte Nerius, die nun in Leverkusen einem 40-Stunden-Job als Trainerin im Behindertensport nachgeht.

 
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