Für einen kurzen Moment erschrak Andy Murray vor sich selber, als er auf der Videowand hoch oben in der Rod-Laver-Arena eine Zeitlupe von sich sah. Sie zeigte den jungen, blassen Schotten mit der gestutzten Wuschelmähne in Jubelpose, wie er mit martialischem Gebrüll den Mund furchterregend weit aufriss. "Ich wusste gar nicht, dass ich einen so großen Mund habe", scherzte Murray und sorgte für Gelächter unter den 15.000 Zuschauern.

Die Anspannung war abgefallen, Murray hatte seine Halbfinalpartie gegen den Kroaten Marin Cilic bereits gewonnen und das Endspiel der Australian Open erreicht. Seit 33 Jahren hatte es kein Brite mehr so weit bei diesem Turnier geschafft. Ein großer Schritt für Murray, und nur noch einer trennt ihn vom ersten Grand-Slam-Titel seiner Karriere.

Doch der Druck ist enorm für den 22-Jährigen, und obwohl er schon langsam daran gewöhnt ist, fällt es ihm nicht immer leicht, damit umzugehen. Denn dass die Briten seit nunmehr 74 Jahren sehnlichst auf einen neuen Grand-Slam-Sieger warten, bekommt Murray bei jedem der vier großen Turniere aufs Neue zu spüren. Besonders schlimm ist es natürlich in Wimbledon, dem englischen Heiligtum der Traditionalisten. Aber auch als im November erstmals die Weltmeisterschaft der acht besten Profis in London ausgetragen wurde, schienen Murray die großen Erwartungen zu lähmen. Das Halbfinale verpasste der Weltranglistenvierte, doch weit betrüblicher war, dass Murray während dieser Woche im Herbst nicht einmal gelächelt hatte.

Umso deutlicher ist nun die Wandlung in Melbourne. Locker und gut gelaunt sieht man Murray nicht nur beim Training, sondern auch abseits des Platzes. Er wirkt nicht angespannt, sondern konzentriert auf das große Ziel. "Es ist anders als in Wimbledon", sagt Murray, "hier bin ich weit weg und spüre den Druck von außen nicht so sehr. Ich lese keine Zeitungen, sehe kaum fern." Dass Murray die Erwartungen dieses Mal nicht im extremen Maße fühlt, hängt wohl auch damit zusammen, dass er seinem Spiel derzeit völlig vertraut. In den letzten Runden spielte Murray vielleicht so gut wie nie zuvor in seiner Karriere.

Obwohl der spanische Titelverteidiger Rafael Nadal das Viertelfinale aufgeben musste, stand die hochklassige Leistung Murrays dabei außer Zweifel. Lediglich gegen Cilic gab er einen Satz ab, den einzigen bisher im Turnierverlauf. "Ich fühle, dass ich jetzt gut genug spiele, um einen Grand Slam zu gewinnen", sagte Murray so, als wäre er zum ersten Mal tatsächlich davon überzeugt. Seine Zeit scheint gekommen.

Denn als Murray vor 17 Monaten bei den US Open sein erstes Finale erreichte, passierte alles noch ein wenig zu früh und unter schwierigen Umständen. Die Regenfälle in New York bedingten, dass Murray drei Tage hintereinander bis zum Finale spielen musste und dann gegen einen Roger Federer in Bestform als nervöser Herausforderer nichts auszurichten vermochte. In Melbourne indes stehen die Vorzeichen besser, auch wenn es wieder der 15-malige Champion aus der Schweiz ist, der ihm am Sonntag gegenüber steht. Denn Murray hat vor dem Finale zwei Tage frei, Federer nur einen.