Olympiasieger Montgomery Volksheld in Pudelmütze

Die Kanadier haben in Jon Montgomery ihren zauseligen Helden der Spiele, und die Stimmung in Whistler ist prächtig. Auch die deutsche Halbzeitbilanz kann sich sehen lassen. Von Christof Siemes

Jon Montgomery feiert mit seiner Mutter (l.) und Freunden die Goldmedaille

Jon Montgomery feiert mit seiner Mutter (l.) und Freunden die Goldmedaille

Halbzeit bei den Spielen. Gelegenheit, sich einen ersten Überblick zu verschaffen. Wie macht man das am besten? Man geht nach oben, ganz oben, zur Roundhouse Lodge, 1850 Meter über dem Meer, 1157 Meter oberhalb von Whistler, wo die Peak-to-Peak-Gondola losfährt, die Weltrekordseilbahn. Über viereinhalb Kilometer führt sie hinüber zu den Blackcomb Mountains, am höchsten Punkt schweben die Kabinen 436 Meter über dem Fitzsimmons Creek. Durch den Glasboden in zwei der Kabinen hat man eine atemberaubend klare Sicht auf die Verhältnisse unten, und dieser Blick zeigt sonnenklar: Wenn das Wetter so bleibt, können diese Spiele nicht mehr scheitern.

Vor der Roundhouse Lodge steht auch Ilannaaq, der Freund, das Wahrzeichen dieser Spiele, ein Inukshuk, ein Wegweiser aus Stein, wie die Inuit ihn benutzen. Sieht aus wie ein steingewordenes Michelinmännchen, aber wie er von dort oben mit ausgebreiteten Armen auf das olympische Treiben im Tal und auf den Hängen blickt, möchte man ihn nachgerade knuddeln. Ringsum strahlen die Berge und Gletscher um die Wette, als bekämen sie Geld dafür. Sollte es je irgendwelche olympischen Probleme gegeben haben – aus Ilannaaqs Perspektive sind das Petitessen.

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Er wachte auch darüber, als am Freitagabend der olympische Geist Whistler endgültig in Besitz nahm. Es war 22.30 Uhr, als Jon Montgomery mit der Blackcomb Excalibur Gondola von der Bob- und Rodelbahn hinab durch die Nacht zu Tal schwebte und sich auf den Village Stroll machte, den Hauptweg durch die Fußgängerzone. Hunderte Menschen hatten ein Spalier gebildet, und begleitet von vier Polizisten ging Montgomery daran, die Parade abzunehmen. Gerade hatte er, der 30-jährige aus Russell, Manitoba, die Goldmedaille im Skeleton gewonnen, der erste Heimsieg in Whistler.

Olympia in Bildern
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"Da kommt er!", schreien die ersten, als er sich im fahlen Licht einer Kamera dem Spalier nähert; vor lauter Abklatschen, Umarmen, fotografiert werden schafft er es fast gar nicht ins Straßenstudio des kanadischen Fernsehens, wo anscheinend seine gesamte Familie inklusive angeheirateter Großtanten auf ihn wartet. Vor lauter Jubel bricht beinahe die Übertragung zusammen; aus dem zauseligen Randsportartenfreak mit der lustigen Pudelmütze ist binnen Kurzem ein Volksheld geworden. Gerade noch hat es Witze gegeben über das kanadische Sportförderprogramm Own the Podium: Wenn Kanada wirklich das Siegertreppchen besitzen wolle, solle es sich besser eins bei den Amerikanern kaufen, der bislang erfolgreichsten Nation dieser Spiele. Aber seit Jon, der menschliche Torpedo, nun auch die olympische Bergstation vergoldet hat, kann Kanada über solche Witze lachen.

Seither ist die Stimmung in der Retortenskistation Whistler noch besser geworden. Der Ort erlebt wie Vancouver, British Columbia, ach was, ganz Kanada sein Sommermärchen im Winter. Auf dem Stroll ist es am Nachmittag, wenn die Skifahrer ihr Tagwerk verrichtet haben, so voll, dass man für den Bummel beinahe eine Nummer ziehen müsste. Brass Bands, Stelzenläufer, Kunsthandwerker, Saufgelage – das ganze Programm. Sogar ein echter Biber wird zur Bespaßung der Massen aufgeboten: Bräsig hockt Buddy auf dem Schoß seines Frauchens, das im gläsernen TV-Studio von Whistler live ein bisschen Nachhilfe in Naturkunde und Umweltschutz erteilt. Der Biber lässt sich derweil den Schwanz kraulen und mümmelt einen Müsliriegel.

Bis hinauf auf die Pisten, über denen Ilanaaq majestätisch thront, ist die Begeisterung geschwappt. Auf jeder Lift- und Gondelstation hängt eine Tafel mit dem olympischen Tagesprogramm und dem kanadischen Medaillenspiegel. An den Helmen zahlreicher Skifahrer flattern Fähnchen mit dem Ahornblatt fröhlich im Abfahrtswind wie weiland bei uns die schwarzrotgoldenen Autoflaggen. Und im Panorama-Restaurant der Roundhouse Lodge hängen in jeder Himmelsrichtung riesige Flachbildfernseher, auf denen zahllose Skifahrer bei der Frühstückspause den Super G der Damen anschauen. Sportlich fair, wie das Publikum hier durchweg ist, gibt es für jede neue Bestzeit Szenenapplaus, egal, ob sie von Maria Riesch, Lindsay Vonn oder schließlich Andrea Fischbacher aufgestellt wird. Selbst als zum wiederholten Mal kanadische Schnellfahrer nach guten Zwischenzeiten am Tor vorbeirasen (diesmal sind es Emily Brydon und Shona Rubens) und den Heimvorteil nicht nutzen können, trübt das die Stimmung nur ein kleines bisschen, etwa so, wie es der Geruch tut, der aus Hunderten zum Ausdünsten geöffneter Skistiefel entweicht.

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