Contra TechnikDer Fußball braucht kein Update

Technischer Fortschritt ist in vielen Lebensbereichen wichtig. Der Fußball jedoch lebt von seinen Fehlern und braucht nicht mehr Technik, kommentiert Steffen Dobbert von 

Zwei Anhänger der irischen Nationalmannschaft: Verärgert über eine Fehlentscheidung des Schiedsrichters und dennoch weiterhin Fan

Zwei Anhänger der irischen Nationalmannschaft: Verärgert über eine Fehlentscheidung des Schiedsrichters und dennoch weiterhin Fan  |  © Stu Forster/Getty Images

Um zu verdeutlichen, weshalb jegliche Technologisierung in diesem Spiel grober Schwachsinn wäre, sollen die Gedanken für den Moment nur dem Fußball gelten. Da kommen die Bilder: Thomas Helmer, der ein Phantomtor für den FC Bayern schießt. Diego Maradona, dieses Schlitzohr, der 1986 der beste Spieler der Welt und Dank einer Fehlentscheidung auch Weltmeister wird. Thierry Henry, durch dessen Hand-Tor alle Iren die WM in Südafrika mit Zorn verfolgen werden. Und natürlich Wembley. Es genügt das Wort eines Stadions, um das Debatten- und Bierabend-Potential des Fußballs ins Gedächtnis zu rufen. Allen Fehleinschätzungen, allen Schiedsrichtern, die unabsichtlich daneben lagen, sei Dank!

Die Fifa-Entscheidung

Keine Torkameras, kein Chip im Ball - die obersten Regelhüter des Fußball-Weltverbandes haben technischen Hilfsmitteln im Fußball eine klare Absage erteilt. Am 6.3.2010 entschied das International Football Association Board (IFAB), dass Technologie aus dem Spiel herausgehalten werden müsse. Den Funktionären wurden zwei Entwicklungen vorgestellt: Ein Chip, der signalisiert, wenn der Ball die Torlinie überquert und das sogenannte Hawkeye, eine Torkamera. Beide konnten laut Fifa nicht überzeugen. Die Weltverband erklärte die Diskussion damit für beendet. Über die Zukunft der stattdessen testweise eingeführten Torrichter soll im Mai entschieden werden.

Louis van Gaals Visionen

Bayerns Coach Louis van Gaal empörte sich über die Entscheidung der Fifa. "Es ist das Wahnsinn, dass wir das nicht verwenden." sagte er. Aber van Gaal geht noch weiter. Er plädiert ebenfalls dafür, die Linienrichter abzuschaffen und eine elektronische Seitenlinie einzuführen. Kamera sollen alle Abseitsentscheidungen treffen. Dazu wünscht sich van Gaal "Einschüsse" satt Einwürfe und ein "Gladiatorenspiel", bei dem die Mannschaften in eine eventuellen Verlängerung alle fünf Minuten einen Spieler aus der Partie nehmen müssen. Das sei gerechter als eine Elfmeter-Lotterie.

Der Chip

Der Chip im Ball erkennt, ob ein Tor gefallen ist. Dazu wird durch Kabel im Strafraum ein Magnetfeld erzeugt, hinter der Torlinie ein zweites. Wenn der Ball die Torlinie überquert hat, empfängt der Schiedsrichter einige Zehntelsekunden später ein entsprechendes Signal auf einer Art Funkuhr. Zur Klub-WM 2007 in Japan wurde das System bereits erfolgreich getestet.

Aber warum eigentlich? Wieso 22 Menschen einem Ball hinterherhecheln, ließe sich noch mit Argumenten der Leibesertüchtigung begründen. Aber warum sind Millionen Menschen davon fasziniert, den Hinterherhechelnden zuzuschauen?

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Ein Duell zweier Fußballteams knistert vor Spannung. Bis zur letzten Sekunde ist sein Ausgang ungewiss. Fußball ist das Allgemeinstiftende. Und das liegt – wie es so phrasenhaft wie schön heißt – an den vielen Geschichten, die der Fußball schreibt.

Jede Entscheidung, die der Schiedsrichter trifft, ist eine Entscheidung zwischen zwei vermeintlichen Fehlentscheidungen. Entweder pfeifen die BVB-Fans oder die Schalker buhen im Chor. Ein Fußballspiel kann ein Katalysator der Emotionen sein. Nackt hüpfende Jugendliche, heulende Mädchen oder singende alte Männer. Wenn es keine Fehlentscheidungen mehr gäbe, wäre dieses Spiel langweilig.

Keine Torkameras, kein Chip im Ball, kein Videobeweis: Der Fußball braucht kein Update, er ist so beliebt, weil seine Entscheidungen nicht eindeutig sind. Felix Magath, Ralf Rangnick, Louis van Gaal mögen ehrgeizige Fußballlehrer sein. Ihren Professionalisierungsdrang und ihre Forderungen nach mehr Technik auf dem Rasen in allen Ehren. Aber, auch wenn es inzwischen um Millionengehälter geht, niemand sollte vergessen, dass es um ein Spiel geht.

Ein wichtiger Zweck des Fußballs ist es, seine Zuschauer zu unterhalten. Den meisten Stadionbesuchern schmeckt die Wurst vor dem und das Bier nach dem Spiel gerade deshalb so gut, weil sie dabei über die jüngsten Fehlentscheidungen streiten. Bei aller Technikliebe in anderen Lebensbereichen, diesen Spaß wollen wir uns doch erhalten.

Lesen Sie auch die Meinung von Christian Spiller: Die Fifa hat sich für den Irrtum und gegen die Zukunft entschieden. Doch wo es um Milliarden geht, kann sich der Fußball keine Stammtisch-Romantik mehr leisten

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Leserkommentare
    • Aexl21
    • 09. März 2010 20:23 Uhr

    Das Streiten und Debattieren ist das gemeinschaftsbildende Element im Fußball und macht seine Fazination aus. Allerdings muss sich dieses nicht um ärgerliche Schiedsrichterfehlentscheidungen drehen. Wie Christian Spiller in seinem Artikel sagt, ist es doch wichtiger über das Spiel selbst zu debattieren, über die Fehlentscheidung die der Abwehrspieler in einer bestimmten Situation getroffen hat oder den grandiosen Spielzug des Sturmduos XY.
    Sicherlich gibt es auch genügend hitzige Diskussionen um Schiedsrichterfehlentscheidungen, doch wenn diese wegfallen, dann ist das nur ein Schritt auf dem weg zum faireren und gerechterem Spiel!

    • vopa
    • 10. März 2010 4:00 Uhr

    ... und binden wir doch gleich dem Schiri die Augen zu!

    Ein Verzicht auf diese Hilfsmittel ist ein Verzicht
    auf Gerechtigkeit und Fairneß.

    In unserer Altherrenmannschaft brauchen wir nicht mal einen Schiri,
    aber im Profifußball ist das was anderes.

    • iosono
    • 10. März 2010 8:13 Uhr

    Sorry,aber diese ''Steinzeitromantik'',wo man vor ScwarzWeiss TV gesessen hat-manchmal auch mit Schnee auf der Bildröhre-und sich den Kopf zerbrochen hat ob es nun Faul war oder nicht,passt nicht mehr in die heutige Zeit, wo man mir ein paar Sekunden nach einem ''Delikt'',in Super-Superzeitlupen und in Farbe HD zeigt was da los war.
    Da gibt es nicht mehr viel zu diskutieren wie zu alten Zeiten am Stammtisch in der Kneipe.
    Die meisten Zuschauer sehen die Spiele sowieso zu Hause-vielleicht noch mit Freunden,aber garantiert nicht am Stammtisch in einer verrauchten Kneipe.Davon gibt es prozentual nur noch wenige.
    Es gibt dann immer noch genug Spielraum für ''Interpretationen'' eines Spiels,aber grobe Fehlentscheidungen könnte man vermeiden.
    Übernehmen Sie auch die Verantwortung für Gewaltausbrüche durch grobe Fehlentscheidunngen?Oder die FIFA?Die Welt hat sich geändert-da kann so etwas in der heutigen ''InernetZeit'' schlimme Auswirkungen haben.

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    • iosono
    • 10. März 2010 8:18 Uhr

    so eine miese Orthographie.sorry

    • iosono
    • 10. März 2010 8:18 Uhr

    so eine miese Orthographie.sorry

  1. Ich muss meinen Vorrednern hier Recht geben. Mir geht die Romantisierung von Ungerechtigkeiten furchtbar auf den Keks. Durch Fehlentscheidungen werden Spieler, Fans und Fernsehzuschauer um eine gerechte sportliche Entscheidung betrogen. Das Weiterkommen der Bayern gegen Florenz ist dafür wieder ein leuchtendes Beispiel. Auch die durch Fehlentscheidungen begünstigte Mannschaft wird betrogen, in dem ihr Weiterkommen bzw. Erfolg nicht oder nur eingeschränkt ihrer Leistung zu verdanken ist. Darauf kann man nicht wirklich stolz oder glücklich sein. Louis van Gaal hat das nach dem Hinspiel gegen Florenz richtig erkannt und zu Recht gefordert, dass die technischen Hilfsmittel endlich genutzt werden. Die Argumente gegen diese Hilfsmittel sind schwach und intellektuell nicht ernst zu nehmen.

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    ...kommt aber nicht von "Internet", oder?

    Wie sieht denn bitte eine intelektuelle Begründung für technische Hilfsmittel aus? So wie im "Pro Technik" Kommentar: Weil Skype und Facebook, deswegen bitte auch Chip im Ball?

    Ich finde auch nicht, dass Fehlentscheidungen romantisiert werden sollten oder gar zwei Fehlentscheidungen pro Spiel zur Regel gemacht werden sollten, um Deutsche Stammtische glücklich zu machen. Trotzdem finde ich Fussball ohne Chips reizvoller. Ganz unintellektuell, aber rein emotional begründe ich das so, dass ich gerne mal zu meinem Freund sage: Ja, dass Spiel Spiel hättet ihr gewinnen sollen....oder mich tierisch darüber ärgere, dass mein team aufgrund einer Fehlentscheidung verloren hat, aber meinem Freund gegenüber ganz gönnerhaft zugestehe...naja, dann habt ihr heute halt mal glück gehabt. Bricht sich doch keiner was ab dabei! Für mich ist es ein Spiel....für Vereine vielleicht ein Geschäft. Das ist mir aber schnuppe. Werde mir auch nie Sky bestellen, nur damit mein Verein mehr Geld kassiert.
    Ich bin nicht unbedingt gegen Gentechnik, aber eindeutig gegen

  2. ...kommt aber nicht von "Internet", oder?

    Wie sieht denn bitte eine intelektuelle Begründung für technische Hilfsmittel aus? So wie im "Pro Technik" Kommentar: Weil Skype und Facebook, deswegen bitte auch Chip im Ball?

    Ich finde auch nicht, dass Fehlentscheidungen romantisiert werden sollten oder gar zwei Fehlentscheidungen pro Spiel zur Regel gemacht werden sollten, um Deutsche Stammtische glücklich zu machen. Trotzdem finde ich Fussball ohne Chips reizvoller. Ganz unintellektuell, aber rein emotional begründe ich das so, dass ich gerne mal zu meinem Freund sage: Ja, dass Spiel Spiel hättet ihr gewinnen sollen....oder mich tierisch darüber ärgere, dass mein team aufgrund einer Fehlentscheidung verloren hat, aber meinem Freund gegenüber ganz gönnerhaft zugestehe...naja, dann habt ihr heute halt mal glück gehabt. Bricht sich doch keiner was ab dabei! Für mich ist es ein Spiel....für Vereine vielleicht ein Geschäft. Das ist mir aber schnuppe. Werde mir auch nie Sky bestellen, nur damit mein Verein mehr Geld kassiert.
    Ich bin nicht unbedingt gegen Gentechnik, aber eindeutig gegen

    Antwort auf "Romantisierung"
    • hagego
    • 10. März 2010 15:07 Uhr

    "Wenn es keine Fehlentscheidungen mehr gäbe, wäre dieses Spiel (= Fussball) langweilig." (Zitat Steffen Dobberts im obigen Artikel).

    Was Sie in postmoderner Zeit damit sagen wollen, ahne ich. Aber stimmt das wirklich? War das WM-Endspiel Ungarn vs. Deutschland 1954 langweilig? Nein! War das Rückspiel HSV vs. FC Burnley Anfang der 60er Jahre langweilig? Nein! War das WM-Halbfinalspiel 1970 Italien vs. Deutschland langweilig? Nein! War das Champions League-Finale zwischen Manchester United und Bayern München 1999 langweilig? Ganz im Gegenteil! War das gestrige Champions League-Spiel Florenz vs. Bayern langweilig? Nein!

    In all diesen Beispielen gab es keine gravierenden Fehlentscheidungen und trotzdem waren das keine langweiligen Fussballspiele! Und es wären an dieser Stelle noch viel mehr Spiele erwähnenswert.

    Wenn die These richtig wäre, ein Fussballspiel bezöge seine Spannung nur durch gravierende Fehlentscheidungen, dann müsste man als Lösung in der Mathematik ja behaupten dürfen: 3x3 sei 8. Oder so ungefähr.

    Maradonas "göttliches Handspiel" war eine schlichte Regelwidrigkeit und benachteiligte die englische Mannschaft.

    Das absichtliche (!) Handspiel Thierry Henrys im WM-Qualifikationsspiel brachte die Franzosen im November 2009 auf die Siegerstraße. Irland wurde in einem sehr wichtigen Spiel klar benachteiligt und verpasste die WM in Südafrika.

    Man sollte mal die benachteiligten Spieler und Fans fragen, was sie von diesen krassen Fehlentscheidungen halten!

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    • iosono
    • 10. März 2010 17:58 Uhr

    sie sollten sich noch mal die Finalspiele von 1954 bis 1986 anschauen.Die sind stinklangweilig-wenn sie da nicht über die 90min einschlafen dann alle Achtung..In der Zeit damals vielleicht nicht,aber heute..........langweilig.

    Ist ja auch schneller geworden das Spiel-der Rasen ist tiptop und kurz,die Balljungen wurden eingeführt die sofort reagieren,es wurde der traditionelle Rückpass zum Tormann abgeschafft(unter grossen Schmerzen übrigens der Traditionalisten),Bestimmte Fouls werden schneller und härter bestraft damit es eben nichts zu Fouls kommt und das Spiel nicht unterbrochen wird...........die ganze Zeit verändert sich der Fussball damit die Zuschauer nicht abwandern.Es gibt ne Folge der Simpsons wo sich Homer ziemlich langweilt nach anfänglicher Freude-wird nur quer gespielt während der Reporter ausflippt vor Aufregung......hab Titel vergessen,egal-
    die Sache ist die,das Fussball global mit anderen Sportarten im Wettbewerb steht,und wenn es sich nicht verändert dann bleiben dem Fussball nur noch Traditionalisten-die erklären können soviel sie wollen das es ja ''das Salz in der Suppe ist diese Ungerechtigkeiten im Spiel''
    -aber kaum jemand wird diese Sichtweise übernehmen -schlimmer,Fussball könnte als rückständiges Spiel gelten aus dem letzten Jahrhundert -und ein Image zu reparieren ist teuer.

    • iosono
    • 10. März 2010 17:58 Uhr

    sie sollten sich noch mal die Finalspiele von 1954 bis 1986 anschauen.Die sind stinklangweilig-wenn sie da nicht über die 90min einschlafen dann alle Achtung..In der Zeit damals vielleicht nicht,aber heute..........langweilig.

    Ist ja auch schneller geworden das Spiel-der Rasen ist tiptop und kurz,die Balljungen wurden eingeführt die sofort reagieren,es wurde der traditionelle Rückpass zum Tormann abgeschafft(unter grossen Schmerzen übrigens der Traditionalisten),Bestimmte Fouls werden schneller und härter bestraft damit es eben nichts zu Fouls kommt und das Spiel nicht unterbrochen wird...........die ganze Zeit verändert sich der Fussball damit die Zuschauer nicht abwandern.Es gibt ne Folge der Simpsons wo sich Homer ziemlich langweilt nach anfänglicher Freude-wird nur quer gespielt während der Reporter ausflippt vor Aufregung......hab Titel vergessen,egal-
    die Sache ist die,das Fussball global mit anderen Sportarten im Wettbewerb steht,und wenn es sich nicht verändert dann bleiben dem Fussball nur noch Traditionalisten-die erklären können soviel sie wollen das es ja ''das Salz in der Suppe ist diese Ungerechtigkeiten im Spiel''
    -aber kaum jemand wird diese Sichtweise übernehmen -schlimmer,Fussball könnte als rückständiges Spiel gelten aus dem letzten Jahrhundert -und ein Image zu reparieren ist teuer.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Technik | Fußball | Bundesliga | Diego Maradona | FC Bayern München | FC Schalke 04
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