Contra Technik : Der Fußball braucht kein Update

Technischer Fortschritt ist in vielen Lebensbereichen wichtig. Der Fußball jedoch lebt von seinen Fehlern und braucht nicht mehr Technik, kommentiert Steffen Dobbert
Zwei Anhänger der irischen Nationalmannschaft: Verärgert über eine Fehlentscheidung des Schiedsrichters und dennoch weiterhin Fan © Stu Forster/Getty Images

Um zu verdeutlichen, weshalb jegliche Technologisierung in diesem Spiel grober Schwachsinn wäre, sollen die Gedanken für den Moment nur dem Fußball gelten. Da kommen die Bilder: Thomas Helmer, der ein Phantomtor für den FC Bayern schießt. Diego Maradona, dieses Schlitzohr, der 1986 der beste Spieler der Welt und Dank einer Fehlentscheidung auch Weltmeister wird. Thierry Henry, durch dessen Hand-Tor alle Iren die WM in Südafrika mit Zorn verfolgen werden. Und natürlich Wembley. Es genügt das Wort eines Stadions, um das Debatten- und Bierabend-Potential des Fußballs ins Gedächtnis zu rufen. Allen Fehleinschätzungen, allen Schiedsrichtern, die unabsichtlich daneben lagen, sei Dank!

Aber warum eigentlich? Wieso 22 Menschen einem Ball hinterherhecheln, ließe sich noch mit Argumenten der Leibesertüchtigung begründen. Aber warum sind Millionen Menschen davon fasziniert, den Hinterherhechelnden zuzuschauen?

Ein Duell zweier Fußballteams knistert vor Spannung. Bis zur letzten Sekunde ist sein Ausgang ungewiss. Fußball ist das Allgemeinstiftende. Und das liegt – wie es so phrasenhaft wie schön heißt – an den vielen Geschichten, die der Fußball schreibt.

Jede Entscheidung, die der Schiedsrichter trifft, ist eine Entscheidung zwischen zwei vermeintlichen Fehlentscheidungen. Entweder pfeifen die BVB-Fans oder die Schalker buhen im Chor. Ein Fußballspiel kann ein Katalysator der Emotionen sein. Nackt hüpfende Jugendliche, heulende Mädchen oder singende alte Männer. Wenn es keine Fehlentscheidungen mehr gäbe, wäre dieses Spiel langweilig.

Keine Torkameras, kein Chip im Ball, kein Videobeweis: Der Fußball braucht kein Update, er ist so beliebt, weil seine Entscheidungen nicht eindeutig sind. Felix Magath, Ralf Rangnick, Louis van Gaal mögen ehrgeizige Fußballlehrer sein. Ihren Professionalisierungsdrang und ihre Forderungen nach mehr Technik auf dem Rasen in allen Ehren. Aber, auch wenn es inzwischen um Millionengehälter geht, niemand sollte vergessen, dass es um ein Spiel geht.

Ein wichtiger Zweck des Fußballs ist es, seine Zuschauer zu unterhalten. Den meisten Stadionbesuchern schmeckt die Wurst vor dem und das Bier nach dem Spiel gerade deshalb so gut, weil sie dabei über die jüngsten Fehlentscheidungen streiten. Bei aller Technikliebe in anderen Lebensbereichen, diesen Spaß wollen wir uns doch erhalten.

Lesen Sie auch die Meinung von Christian Spiller: Die Fifa hat sich für den Irrtum und gegen die Zukunft entschieden. Doch wo es um Milliarden geht, kann sich der Fußball keine Stammtisch-Romantik mehr leisten

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Kommentare

12 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

s, Christian Spiller

Das Streiten und Debattieren ist das gemeinschaftsbildende Element im Fußball und macht seine Fazination aus. Allerdings muss sich dieses nicht um ärgerliche Schiedsrichterfehlentscheidungen drehen. Wie Christian Spiller in seinem Artikel sagt, ist es doch wichtiger über das Spiel selbst zu debattieren, über die Fehlentscheidung die der Abwehrspieler in einer bestimmten Situation getroffen hat oder den grandiosen Spielzug des Sturmduos XY.
Sicherlich gibt es auch genügend hitzige Diskussionen um Schiedsrichterfehlentscheidungen, doch wenn diese wegfallen, dann ist das nur ein Schritt auf dem weg zum faireren und gerechterem Spiel!

Jau: Machen wir den Fußball noch spannender...

... und binden wir doch gleich dem Schiri die Augen zu!

Ein Verzicht auf diese Hilfsmittel ist ein Verzicht
auf Gerechtigkeit und Fairneß.

In unserer Altherrenmannschaft brauchen wir nicht mal einen Schiri,
aber im Profifußball ist das was anderes.

Der Fußball jedoch lebt von seinen Fehlern ?

Sorry,aber diese ''Steinzeitromantik'',wo man vor ScwarzWeiss TV gesessen hat-manchmal auch mit Schnee auf der Bildröhre-und sich den Kopf zerbrochen hat ob es nun Faul war oder nicht,passt nicht mehr in die heutige Zeit, wo man mir ein paar Sekunden nach einem ''Delikt'',in Super-Superzeitlupen und in Farbe HD zeigt was da los war.
Da gibt es nicht mehr viel zu diskutieren wie zu alten Zeiten am Stammtisch in der Kneipe.
Die meisten Zuschauer sehen die Spiele sowieso zu Hause-vielleicht noch mit Freunden,aber garantiert nicht am Stammtisch in einer verrauchten Kneipe.Davon gibt es prozentual nur noch wenige.
Es gibt dann immer noch genug Spielraum für ''Interpretationen'' eines Spiels,aber grobe Fehlentscheidungen könnte man vermeiden.
Übernehmen Sie auch die Verantwortung für Gewaltausbrüche durch grobe Fehlentscheidunngen?Oder die FIFA?Die Welt hat sich geändert-da kann so etwas in der heutigen ''InernetZeit'' schlimme Auswirkungen haben.

Romantisierung

Ich muss meinen Vorrednern hier Recht geben. Mir geht die Romantisierung von Ungerechtigkeiten furchtbar auf den Keks. Durch Fehlentscheidungen werden Spieler, Fans und Fernsehzuschauer um eine gerechte sportliche Entscheidung betrogen. Das Weiterkommen der Bayern gegen Florenz ist dafür wieder ein leuchtendes Beispiel. Auch die durch Fehlentscheidungen begünstigte Mannschaft wird betrogen, in dem ihr Weiterkommen bzw. Erfolg nicht oder nur eingeschränkt ihrer Leistung zu verdanken ist. Darauf kann man nicht wirklich stolz oder glücklich sein. Louis van Gaal hat das nach dem Hinspiel gegen Florenz richtig erkannt und zu Recht gefordert, dass die technischen Hilfsmittel endlich genutzt werden. Die Argumente gegen diese Hilfsmittel sind schwach und intellektuell nicht ernst zu nehmen.

"Intelektuell"...

...kommt aber nicht von "Internet", oder?

Wie sieht denn bitte eine intelektuelle Begründung für technische Hilfsmittel aus? So wie im "Pro Technik" Kommentar: Weil Skype und Facebook, deswegen bitte auch Chip im Ball?

Ich finde auch nicht, dass Fehlentscheidungen romantisiert werden sollten oder gar zwei Fehlentscheidungen pro Spiel zur Regel gemacht werden sollten, um Deutsche Stammtische glücklich zu machen. Trotzdem finde ich Fussball ohne Chips reizvoller. Ganz unintellektuell, aber rein emotional begründe ich das so, dass ich gerne mal zu meinem Freund sage: Ja, dass Spiel Spiel hättet ihr gewinnen sollen....oder mich tierisch darüber ärgere, dass mein team aufgrund einer Fehlentscheidung verloren hat, aber meinem Freund gegenüber ganz gönnerhaft zugestehe...naja, dann habt ihr heute halt mal glück gehabt. Bricht sich doch keiner was ab dabei! Für mich ist es ein Spiel....für Vereine vielleicht ein Geschäft. Das ist mir aber schnuppe. Werde mir auch nie Sky bestellen, nur damit mein Verein mehr Geld kassiert.
Ich bin nicht unbedingt gegen Gentechnik, aber eindeutig gegen