Die archaische Welt des Fußballs "Bist du schwul, bist du pfui!"

In der Arena der Männlichkeit: Wie der Fall Amerell die moralische Leere, den Materialismus und die fehlende Ethik im Fußball offenbart. Ein Essay von Adrian Lobe

Fußball: Es scheint, als befänden wir uns in einem anachronistischen Raum, einer Arena des Kräftemessens mit einem informellen, machistischen Regelwerk

Fußball: Es scheint, als befänden wir uns in einem anachronistischen Raum, einer Arena des Kräftemessens mit einem informellen, machistischen Regelwerk

"Amerell vs. Kempter" – so titeln die Gazetten des Landes in lakonischer Knappheit den Konflikt zwischen DFB-Funktionär Manfred Amerell und Bundesliga-Schiedsrichter Michael Kempter. Als ginge es um ein Box-Duell. Nur einer kann gewinnen – diese Botschaft klingt im Subtext mit. Sie ist symptomatisch für die raue Welt des Fußballs, in der Tugenden wie Härte, Robustheit und Siegeswillen dominant sind.

Die schmutzige Schlammschlacht wirft ein Schlaglicht auf Homosexualität im Fußball. Noch immer ist es ein Tabuthema. Keiner traut sich, offen darüber zu reden. Schwul zu sein gilt als Fauxpas, als No-go, als etwas absolut Undenkbares.

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Es ist schon ein wenig grotesk: Da regieren in Berlin und Hamburg zwei bekennende homosexuelle Oberbürgermeister, erfolgreiche Entertainer wie Hape Kerkeling stehen zu ihrer Neigung, und auch Vizekanzler Guido Westerwelle ist schwul. Die sexuelle Vorliebe wird ihnen nicht als Malus attestiert, ganz im Gegenteil: Das öffentliche Bekenntnis von Klaus Wowereit etwa machte ihn zu einem populären Politiker der Berliner Bühne. Was er beruflich und privat tut, wird stets getrennt. Dieser Umgang zeugt nicht nur von politischem Feingespür, sondern auch von einem egalitären Geschlechterverständnis, wie es einer modernen, aufgeklärten Gesellschaft angemessen ist.

In Deutschland sind gleichgeschlechtliche Ehen gesetzlich anerkannt und heterosexuellen Lebensgemeinschaften gleichgestellt (Ausnahme: Adoption). Auch gesellschaftlich findet Homosexualität Akzeptanz. Freilich gibt es hie und da konservative Flecken auf der Landkarte, wo gleichgeschlechtliche Partnerschaften (noch) auf Vorbehalte stoßen. Generell ist aber zu konstatieren, dass das Thema offen angegangen wird und längst nicht mehr den "Igitt-Stempel" an sich trägt, wie es vor Jahrzehnten noch der Fall war.

Umso mehr verwundert es, dass Homosexualität im Fußball des 21. Jahrhunderts tabuisiert, ja skandalisiert wird. Woher rührt die ablehnende, mancherorts zum Teil feindliche Haltung gegenüber Schwulen?

In erster Linie hängt es damit zusammen, dass in den Fußballstadien der Republik andere Gesetze herrschen. Das mag floskelhaft klingen – es ist aber soziologisch belegt, dass in der Welt des runden Leders eigene Codes herrschen, spezielle Umgangsformen, die jeder gesellschaftlichen Gruppe zu eigen sind. Und in der Gruppe Fußball wird das Attribut Schwulsein als Stigma benutzt, um andere zu diffamieren. Man stellt es auf eine Ebene des Ruchbaren – auch um sich davon abzugrenzen.

Wenn Sprechchöre wie "Schwule Sau", herausgegrölt aus Tausenden Kehlen, durchs Stadion hallen, tritt ein Peinigungseffekt ein, der dem Betroffenen Schamgefühle suggerieren soll. Eine bizarre Erziehungsmaßnahme, mit der infamen Botschaft: "Bist du schwul, bist du pfui!" Der Torwart, der mit einem rosafarbenen Trikot aufläuft, muss sich Skandierungen wie "Da steht ein Schwuler im Tor!" gefallen lassen.

Nirgendwo sonst in der Gesellschaft wird es toleriert, wenn andere Menschen aufs Übelste beschimpft werden. Im Fußball hingegen wird keiner dumm angeschaut, wenn er infernalische Hassgesänge anstimmt und dem Gegner wünscht, er möge in der Hölle schmoren. Oder eben Spieler als "Schwuchtel" verunglimpft. Derlei Despektierlichkeiten gehören zum Repertoire großer Teile des Publikums.

Der Grund dafür, dass die Uhren im Fußball sprichwörtlich anders ticken, liegt darin, dass der Sport in eine vormoderne, gar urzeitliche Umgebung eingebettet ist. Motto: Der Stärkere behält die Oberhand, der Schwächere verliert. Ein Nullsummenspiel. Gefragt sind Fußballer mit "Eiern" (Oliver Kahn). "Fußball ist echter Männersport, und nichts für Tunten", sagte einmal der ehemalige Hertha-Profi Axel Kruse. Der Mann als Alpha-Tier, der sich tollkühn und kampfesmutig in den Ring stürzt – so betrachten sich die Sportler selbst, und so wollen sie die Zuschauer sehen.

Schwächen, Sorgen und Sentimentalitäten passen nicht ins Gefüge. Und in der Tat entspringt es ein wenig tradierten Männlichkeitsritualen, wenn Fußballer den Gegner niederbrüllen, Kopf an Kopf in Stiermanier Kräfteverhältnisse ausloten und sich dann als Helden feiern lassen. Die Schlachtrufe aus dem Publikum bilden dabei den Rahmen des archaisch anmutenden Schauspiels.

Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass das Fußballstadion die Funktion eines Ventils erfüllt: Fans können Dampf ablassen, sich Luft verschaffen von Demütigung im Beruf oder Alltag. Was man an Stress mit dem Chef oder der Frau nicht richtig verarbeitet hat, brüllt man im Stadion eben hinaus. Dass es mitunter derb und rustikal zugeht, entspricht dem Bild von Mannhaftigkeit. "Fußball ist das letzte Reservat echter Männlichkeit", sagt die Kulturwissenschaftlerin Tatjana Eggeling.

Es scheint, als befänden wir uns in einem anachronistischen Raum, einer Arena des Kräftemessens mit einem informellen, machistischen Regelwerk. Die offiziellen Regularien sind nur eine vordergründige Fassade, Gleichheit vorzugaukeln. In Wahrheit ist die Welt des Fußballs in höchstem Maße materialisiert und moralentleert – es fehlt ein ethischer Unterbau. Wenn Sieg oder Niederlage über millionenschwere Preisgelder entscheiden, bleiben Werte wie Maßhalten, Gleichberechtigung oder Toleranz oft auf der Strecke.

Und in dem kraftmeierischen, vor Männlichkeit strotzenden Mikrokosmos haben homosexuelle Eigenschaften schlicht keinen Platz. Allein, mit ihnen zu kokettieren, wie es beispielsweise Englands Fußballstar David Beckham abseits des Fußballplatzes tat – für ihn wurde eigens das Label "metrosexuell" erfunden –, stellt einen Drahtseilakt dar. Vermeintlich weiche Neigungen gelten als erfolgsmindernd, als undizipliniert und mädchenhaft. Nur der hartgesottene, standhafte Profi kann Erfolg haben – das ist noch immer die trügerische Idealvorstellung, die den Sport prägt.

Demgegenüber gelten Schwule als Weicheier, Leidige und Sonderlinge. Das Zerrbild wird bei jeder Schmähung perpetuiert. Und darauf werden Hassmotive projiziert, dergestalt, dass sich dieses Zerrbild verfestigt und zum regelrechten Stigma mutiert. Homosexualität wird als Schwäche ausgelegt, die einem unabwendbar anhaftet. Sich ihrer zu entledigen? Undenkbar!

Da passt es nur zu gut, dass Ober-Macho Rudi Assauer, einst in Diensten des FC Schalke 04, vor wenigen Tagen schwulen Fußballern riet, sich einen anderen Job zu suchen. Assauer weiß: "Im Fußball funktioniert das nicht. Die, die sich outen, werden plattgemacht. Von ihren Mitspielern und von den Leuten im Stadion. Diese Hetzjagd sollte man ihnen ersparen." Es ist schon erstaunlich, dass ein ehemaliger Bundesligamanager sich zu solchen Aussagen versteigt. Gleichzeitig offenbart es aber auch, wie es um die Binnenstruktur des Fußballs bestellt ist.

Nimmt man die Zahl der Homosexuellen in der Gesellschaft – Schätzungen zufolge rund fünf Prozent – zum Maßstab, müsste es allein in der Bundesliga rund 40 schwule Fußballprofis geben. Outen möchte sich jedoch niemand – zu groß ist die Furcht, beim nächsten Spiel verhöhnt zu werden.

Aus Angst vor bösen Schmähungen und üblen Hetzkampagnen ist das knallharte Geschäft umgeben von einer Omertà, einer Mauer des Schweigens. "Wenn niemand etwas sagt, schweige ich auch" – dieses Credo lastet bleischwer über der abgeschotteten Welt des Fußballs. Denn auch innerhalb des Fußballzirkus erwächst Druck: Keiner weiß, wie Fans, Betreuer oder Mannschaftskollegen reagieren würden, wenn sich ein Profi offen zu seiner Homosexualität bekennt. Vermutlich drohten dumme Sprüche, Mobbing, im schlimmsten Fall Isolation.

Vor diesem Hintergrund ist es nur logisch, dass die Angst vor dem ersten Schritt umhergeistert. Zwar könnten dem ersten Coming-out viele andere folgen. Doch derzeit scheint die Zeit dafür nicht reif. Zumindest noch nicht.

 
Leser-Kommentare
    • gorgo
    • 17.03.2010 um 14:49 Uhr

    Ich finde, man kann die beobachteten Verhältnisse auch für den nur mühsam unter dem Deckel zu haltenden Machismus und Rassismus sowie für die nur mit ausgeklügelter Überwachung zu kanalisierende Gewalt im Fußball anführen.

    Es geht in all diesen Fällen darum, dass eine Minderheit eine Mehrheit mit Machtspielen lenkt und erpresst: Geschaffen wird ein "Innen" der Überlegenen und der Dazugehörigkeit auf Kosten von Dritten - und damit eine "Masse", die nicht über echte Gemeinsamkeit, sondern über Ausgrenzungsgefahr, d.h. bei Strafe der Verächtlichmachung wunderbar zusammengeschweißt wird - erregender Nervenkitzel und emotionale "Befreiung" im kollektiven "Sieg" inklusive.

    Lässt sich eine Mehrheit von "eigentlich" friedlichen, toleranten Fußballfans von einer verhältnismäßig kleinen Meute von Alpha-Meinungsmachos einschüchtern? Ich fürchte allerdings, sich gegen diese Verhältnisse nicht aktiv zu wehren ist Voraussetzung dafür, dieses sehr genußvolle männliche und weibliche (nicht vergessen!) Mit-läufertum überhaupt zu genießen - vermutlich die eigentliche Attraktion für viele: Für Momente unhinterfragbar dazugehören, sich stark und vor allem "stärker als..." zu fühlen... So schnell wird die Schwulenfeindlichkeit wohl nicht verschwinden...

    • ab85
    • 17.03.2010 um 14:49 Uhr

    wie sieht es aus mit homosexualität im frauenfußball? dazu wird im artikel leider keine stellung bezogen.

  1. 'Woher rührt die ablehnende, mancherorts zum Teil feindliche Haltung gegenüber Schwulen?' fragt der Autor.
    Eine Antwort darauf: aus Artikeln wie diesem, unter anderem. Was für ein Bild von Homosexuellen wird hier denn transportiert? Mit rosa Wattebäuschchen werfende Fummeltrinen? Jungejunge, lieber Adrian Lobe, da darf ich Ihnen aber mitteilen, daß es reichlich Homosexuelle gibt, die an Kerligkeit die meisten Heteros aber ganz mühelos in den Schatten stellen.

    Nach meinem Eindruck liegt der Grund für das no-go von Homosexualität im Fußball vor allem darin, daß sich beim Fußball doch tatsächlich mal Männer in aller Öffentlichkeit umarmen. Und es offenbar reichlich heterosexuelle Männer für nicht mit Ehre, Männlichkeit, Heterosexualität vereinbar halten, wenn sich darunter etwa Homosexuelle befänden und sie selbst in den Verdacht der Homosexualität gerieten. Es ist nun fast rührend, wie überaus ängstlich viele Heteromänner hier sind - durch Umarmungen wurde aber meines Wissens auch noch niemand 'homosexualisiert'.

    Irgendwann wird sich aber wohl mal eine Gruppe mutiger homosexueller, vermutlich ganz besonders kerliger Profifußballer outen, vielleicht werden es auch Ex-Profis sein. Und dann wird wohl ganz allmählich ein weiteres Vorurteil der Geschichte angehören, zugunsten aller, auch der Heteromänner.

    • Ailis
    • 17.03.2010 um 15:10 Uhr

    Leider ist es mitnichten so, dass bei gleichgeschlechtlichen Partnerschaften "nur" das Adoptionsrecht noch nicht dem heterosexueller Ehen angeglichen wurde. Auch steuerlich stehen sich gleichgeschlechtliche Paar immer noch schlechter. Ich finde, das sollte hier nicht unter den Tisch fallen, auch wenn es nur in zweiter Linie mit dem eigentlichen Thema zu tun hat.
    Im Übrigen ist es mir ebenfalls negativ aufgefallen, dass Lesben im Frauenfußball in diesem Artikel völlig außen vor bleiben.

  2. erscheint mir mittlerweile in allen Lebensbereichen doch extrem überbewertet.
    Na ja, vermutlich auch nur eine Art "Mode" ...

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    • Ailis
    • 17.03.2010 um 16:38 Uhr

    @a.vatter

    Was hat denn Homosexualität bitteschön mit Mode zu tun? Dass es in allen Bereichen immer noch diskutiert werden muss zeigt doch nur, dass es immer noch Diskussionsbedarf gibt und leider immer noch einige gleicher sind als andere.
    Schön, wenn man das so abtun kann, weil es einen nicht betrifft, aber solange wir die Ergänzung in Artikel 3 GG nicht durch haben, gibt es hier immer noch Menschenrechte, die nicht für alle gelten.
    Skandalös in einem westlichen, angeblich zivilisierten und aufgeklärten Land.

    • Ailis
    • 17.03.2010 um 16:38 Uhr

    @a.vatter

    Was hat denn Homosexualität bitteschön mit Mode zu tun? Dass es in allen Bereichen immer noch diskutiert werden muss zeigt doch nur, dass es immer noch Diskussionsbedarf gibt und leider immer noch einige gleicher sind als andere.
    Schön, wenn man das so abtun kann, weil es einen nicht betrifft, aber solange wir die Ergänzung in Artikel 3 GG nicht durch haben, gibt es hier immer noch Menschenrechte, die nicht für alle gelten.
    Skandalös in einem westlichen, angeblich zivilisierten und aufgeklärten Land.

    • mhmmmm
    • 17.03.2010 um 15:45 Uhr
    6. Wayne

    Wen interessiert es denn bitte, ob Fußballer schwul sind oder nicht. Wollen Sie das auch von Ihrem Bankberater oder Kassiererin an der Supermarktkasse wissen?
    Wie Komentar 3 schon ganz richtig festgestellt hat, werden hier mal wieder nur Vorurteile transportiert und darauf ne Argumentation aufgebaut. Fußballer transportieren männliche Ideale, wer dannach mit wem knutscht ist doch völlig nebensächlich. Außerdem, wenn jemand als Schwucktel beschipft wird, wird er das aufgrund der Abwesendheit ebendieser männlichen Eigenschaften. Das hat aber nichts mit der Sexualität zu tun, sondern nur scheinbar, da Homosexuellen diese abgesprochen werden dank der medialen Verniedlichung dieses Themas.

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    • Timo K
    • 18.03.2010 um 2:05 Uhr

    Schwuchtel hat schon lange nichts mehr mit Homosexualität zu tun. Schwul ebensowenig. Dazu gibt's ne schöne Southparkfolge, in der die vier jungs gar nicht verstehen können, dass die Erwachsenen sich so über das Wort fag aufregen, weil sie es selbst vollkommen losgelöst vom sexuellen Kontext benutzen.

    • Timo K
    • 18.03.2010 um 2:05 Uhr

    Schwuchtel hat schon lange nichts mehr mit Homosexualität zu tun. Schwul ebensowenig. Dazu gibt's ne schöne Southparkfolge, in der die vier jungs gar nicht verstehen können, dass die Erwachsenen sich so über das Wort fag aufregen, weil sie es selbst vollkommen losgelöst vom sexuellen Kontext benutzen.

  3. [Verzichten Sie bitte auf Kommentare sowie Ausdrucksweisen, die als homophob verstanden werden können, da wir diese in unseren Foren nicht dulden. Danke, die Redaktion/vv]

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    Darf ich die Redaktion submissest ersuchen mit mitzuteilen, was an meinen Worten "homophob" war.

    Darf ich die Redaktion submissest ersuchen mit mitzuteilen, was an meinen Worten "homophob" war.

  4. Schade, dass die offensichtliche Unkenntnis des Autors über das Thema zu so einem seichten Artikel führt, der Geschlechterstereotypen einfach nur reproduziert. Weder sind alle (öffentlich) heterosexuellen Fußballer die klassischen Muskelmacker - man denke an Klose, Beck oder Mertesacker - noch sind Homosexuelle alle tuntige Handtäschchenschwenker. Und ob nun tatsächlich 5% der Profis homosexuell sind, darf nach einer für eine Profikarriere notwendigen jahrelangen Tour durch ein absolut heterosexualisiertes Feld vielleicht doch bezweifelt werden. Diejenigen der 5%, die keine Lust auf ein Doppelleben haben, hören wahrscheinlich schon viel früher auf. Wahrscheinlich sind auch nicht 95% der Darsteller in Travestie-Shows Heterosexuelle, nur weil es angeblich so viele Heteros in der Gesamtbevölkerung gibt.

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