Vor dem Spiel wird die Halle verdunkelt, Feuerwerk gezündet, das Maskottchen dreht mit ausgebreiteten Armen seine Runden, vom Dach herab hängt ein riesiger Videowürfel. Die Musik, zu der die Mannschaften auflaufen, ist Marke Ballermann. Sie ist so laut, dass sich manch ein Zuschauer Ohropax mitbringt. Hinter dem Tor steht ein Verbotsschild für Stöckelschuhe. So sieht der ehemalige Dorfsport Handball in Hamburg aus. Ein Spektakel.

Selbst gegen den TBV Lemgo, eine Mannschaft aus dem Mittelfeld, kommen mehr als 13.000 Zuschauer zum Tabellenführer HSV – ein Mehrfaches dessen, was dieser Sport in den neunziger Jahren zu zählen hatte. Damals wurden Bundesligaspiele noch in Turnhallen ausgetragen, in der ein paar Stunden zuvor der Sportlehrer die sechste Klasse an der Sprossenwand gequält hatte. Heute messen sich die besten Handballer in der Color Line Arena, in der am nächsten Tag Scooter auftreten wird und bald Chris de Burgh.

Der HSV Hamburg blickt erst auf eine zehn Jahre junge Geschichte zurück. Der Verein übernahm die Lizenz des VfL Bad Schwartau, mit dem er drei Jahre lang eine Spielgemeinschaft führte. 2002 zog er nach Hamburg, weil man dort besser vermarkten kann. Anfangs wurde er im traditionsduseligen Handball als Retortenverein geschmäht, später als Spielzeug des Unternehmers Andreas Rudolph, der den Verein im Jahr 2005 mit Millionen Euro vor der Pleite schützte. 2006 gewann man den Pokal, ein Jahr später den Europapokal der Pokalsieger.

In diesem Jahr will Rudolph mit seinem HSV zum ersten Mal Deutscher Meister werden. Es wäre ein handballhistorisches Ereignis. Bislang kamen die Titelträger des deutschen Handballs aus Gummersbach, Göppingen, Flensburg, Wallau-Massenheim oder Kiel.

"Hamburg ist eine Handballstadt mit Tradition", sagt der Trainer Martin Schwalb, der als Nationalspieler auch die Turnhallenepoche erlebt hat. In der Tat war ein Hamburger Club, der Polizei SV Hamburg, vier Mal bester deutscher Handballverein: in den Jahren 1950-53. In diesem Moment klingt Schwalb wie Dietmar Hopp, wenn der Mäzen das "1899" im Vereinsnamen der TSG Hoffenheim betont.

Doch Verteidigungen dieser Art hat der HSV eigentlich gar nicht mehr nötig. Längst ist der Verein den ursprünglichen Makel losgeworden und Rudolph ein anerkannter Macher, die Szene weiß, dass sie von seinem Engagement profitiert.

So groß war die Chance für den HSV noch nie. Nach dem wichtigen 29:25-Sieg gestern beim Nordderby in Flensburg führt er weiterhin die Tabelle an. Eine gute und teure Mannschaft hat er schon seit Jahren, doch in den vergangenen fünf Jahren war kein Vorbeikommen am übermächtigen THW Kiel. Dieses Jahr sind die Kieler nicht so dominant. Innerhalb der vergangenen zwei Spielzeiten haben sie drei ihrer fähigsten Männer verloren: Trainer Zvonimir Serdarusic, den französischen Rückraum-Star Nikola Karabatic und, als Folge des Bestechungsskandals, Manager Uwe Schwenker.