Olympia-Bewerbung München Olympische Spiele, für immer in der Schweiz

Was ist der flüchtige Ruhm Olympischer Spiele wert? Nicht viel angesichts von Umweltschädigung, Geldverbrennung und Kommerz, befürchten die Kritiker von München 2018.

Werbung für die Olympischen Spiele in München: Die Plakate werden schon geklebt

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Die Forderung klingt absurd, aber nur auf den ersten Blick. "Gebt Olympia eine Heimat", schrieb der Amerikaner Charles Banks-Altekruse in einem Gastbeitrag für die New York Times. Der einstige Ruderer und heutige Unternehmer beschrieb das Leitmotiv von Pierre de Coubertin, dem Schöpfer der Neuzeitspiele, als ehrenwert, aber unzeitgemäß. Die Rotation der Gastgeberrolle symbolisiere Friedensförderung und Völkerverständigung, aber auch zunehmend Umweltschädigung, Geldverbrennung, Kommerz, Korruption. Sein Wunsch: eine dauerhafte Bühne für die Spiele, am besten die neutrale Schweiz, günstig gelegen, ausgestattet mit Infrastruktur, gesegnet mit einem angenehmen Klima.

Dieses Plädoyer geistert seit Jahrzehnten durch die Geschichte, für die Mehrheit ist es polemisch, für Axel Doering lohnt es sich, darüber zu diskutieren: "Ein paar Medaillen vernebeln alle Sinne, auch Umweltzerstörung und Schulden." Doering, 62 Jahre alt, ist Kreisvorsitzender des Bundes Naturschutz in Garmisch-Partenkirchen. Der pensionierte Förster will mit Gleichgesinnten in Deutschland eine Debatte vertiefen: Was ist der flüchtige Ruhm des olympischen Goldes wert? Welche Langzeitfolgen rechtfertigt ein 16 Tage dauerndes Sportfest?

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"Wir wollen die Winterspiele 2018 in München verhindern", sagt Doering. In Garmisch-Partenkirchen und Oberammergau sollen die Außenstellen für die Schneewettbewerbe entstehen. Die bayrischen Kritiker haben ihrem Netzwerk einen Titel verliehen: Nolympia.

Doering nutzt die Gegenwart für die Zukunft, er wirft einen Blick nach Vancouver, wo vor einer Woche die Winterspiele zu Ende gegangen sind. Auch in der westkanadischen Metropole hatte es weit vor der Vergabe 2003 Proteste gegeben. Würde der Nachlass der Ureinwohner respektiert werden? Sollten die Milliarden nicht besser in Hilfe für die Obdachlosen fließen? Würde das Schneegebiet Whistler durch die Bauten dauerhaft beschädigt sein? "Davon ist nicht mehr viel zu hören", sagt Doering. "Aber glauben Sie mir: In drei, vier Wochen sieht das anders aus." Er spricht das Gold des Eishockeyteams an, das ganz Kanada in einen Rausch versetzt hat. Hunderttausende, meist rot kostümiert, lagen sich in den Straßen Vancouvers in den Armen, sogar in Toronto oder Montreal, im Osten Kanadas.

In einem Einwandererland mit vielen ethnischen und religiösen Gemeinschaften scheint nur Sport diese Identität stiftende Kraft entfalten zu können. Es ist die positive, unvergessliche Wirkung Olympias – aber ist sie die Entdeckung von Party und Patriotismus auch so nachhaltig wie Umweltzerstörung und Verschuldung? Axel Doering: "Plötzlich soll es in Vancouver keine Obdachlosen mehr geben? Das ist absurd."

Je weiter die Spiele zurückliegen, desto mehr widmen sich auch die kanadischen Zeitungen den kritischen Inhalten. Zum Beispiel den Sommerspielen 1976 in Montreal. Die Kosten, die um 400 Prozent gestiegen waren, trieben die Stadt fast in den Ruin, erst vor drei Jahren hatte der Steuerzahler die Schulden abgezahlt. Ähnlich verlief die Kostenexplosion der Sommerspiele 2004 in Athen, sie dürfte ihren Teil zur aktuellen Finanzkrise Griechenlands beigetragen haben. Auch die Sommerspiele 2012 in London und die Winterspiele 2014 im russischen Sotschi werden teurer als erwartet. Ganz zu schweigen von den 40 Milliarden Dollar, die Peking für den Sommer 2008 investiert haben soll. Trotz dieser historischen Abschreckung bleibt das Interesse an Olympia ungebrochen.

In Vancouver warben neben den Sportfunktionären Innenminister Thomas de Maizière, Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg und Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer für die Münchner Bewerbung. Sie zogen eine rosarote Wolke durch die Stadt, auf einem bayrischen Abend gab es bayrische Schuhplattler, bayrisches Essen, bayrisches Bier. Die Politiker versprachen, dass München eine Leichtigkeit erzeugen könne wie Vancouver. Oder wie Sydney 2000. Sie hoben die Gastfreundschaft hervor, das organisatorische Talent, die touristische Werbung. Und die Sommerspiele 1972, die München über Jahrzehnte geprägt haben, zum Beispiel durch den U-Bahn-Bau. In allen Punkten dürften sie Recht haben – auf kritische Argumente schien niemand eingehen zu wollen.

Münchens Oberbürgermeister Christian Ude reduzierte die Gegenwehr auf den Reflex einer schreckhaften Mediengesellschaft. Sind Deutschlands Entscheidungsträger nicht fähig zu einer ausgewogenen Debatte über die öffentliche Rolle des Sports? In einem Land, dessen Regierung in diesem Jahr mehr als 200 Millionen Euro in Sport investiert. In einem Staat, in dem rund 1000 Athleten von Bundeswehr, Polizei, Zoll und Feuerwehr alimentiert werden. Die Münchner werden nie genau beziffern können, wie viel Steuergeld Olympia an direkten und indirekten Leistungen kosten würde. Wahrscheinlich würden es wie in Vancouver etwa vier Milliarden Euro sein, mindestens.

Axel Doering und viele Bauern wollen die Weideflächen in Garmich nicht hergeben, da sie nach Olympia nicht regenerierbar seien. "Unsere Wiesen sind über Jahrhunderte gewachsene Schätze", sagt er. "Danach wären sie Durchschnitt."

In Oberammergau, wo 2018 Biathlon stattfinden soll, denken sie mit Grauen an die schmelzenden Gletscher. Die Vereinigung Nolympia fühlt sich von den Bewerbern nicht ernst genommen. "Ständig werden Pläne umgeworfen, wir sind schmückendes Beiwerk. Das ist die Umkehr von Demokratie", sagt Doering. "Das IOC nimmt sich alle Rechte und wälzt die Verantwortung ab. Am Ende wird unser Tal für ein paar Medaillen betoniert." Sein Netzwerk hat auf einer Internetseite 18 Gründe gegen Olympia notiert. Die Ziele: eine Gegenöffentlichkeit, die in einem bindenden Bürgerentscheid mündet. Laut einer Umfrage der Hochschule München stünden nur 57 Prozent der Bewohner Garmischs hinter einer Bewerbung, das IOC wünscht sich 90 Prozent.

Im Juli 2011 entscheidet das IOC, wo die Winterspiele 2018 stattfinden werden, Münchens Konkurrenten sind Pyeongchang in Südkorea und Annecy in Frankreich. Ein Schweizer Bewerber, der Olympia dauerhaft übernehmen könnte, ist nicht dabei. Noch nicht.

Was heute absurd erscheint, könnte durch den Klimawandel in zwei oder drei Jahrzehnten tatsächlich erwogen werden. Wer hätte vor zehn oder 15 Jahren für möglich gehalten, dass sich Automobilwerke wie BMW oder Toyota wegen Umwelt- und Kostengründen aus der Formel 1 zurückziehen? Die Schweizer Lösung müsse nicht für die Ewigkeit sein, schrieb Charles Banks-Altekruse in der New York Times, aber sie käme einer Temporeduzierung gleich, einer Besinnung. Auf den Sport und den olympischen Gedanken.

 
Leser-Kommentare
  1. die olympische spiele in der schweiz,die bayreuther festspiele in pakistan,die oscar verleihung in timbuktu und das africa cup in sued amerika...klingt eigentlich logisch...

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ...ist ein Vergleich.
    Es geht darum, dass die großen Umwälzungen die entstehen wenn alle vier Jahre irgendwo ein komplettes "olympisches Dorf" und Sportstätten aus dem Boden gestampft werden.
    Die Oscar Verleihung findet wie die Bayreuther Festspiele jedes Jahr an der gleichen Stelle platz. Das Kodak-Theater wird nicht jedes Jahr irgendwo neu aufgebaut ;)
    Fußballstadien stehen in der Regel auch schon.

    Ich finde die Idee des Artikels gut, und unterstütze auch die NOlympia Bewegung.

    ...ist ein Vergleich.
    Es geht darum, dass die großen Umwälzungen die entstehen wenn alle vier Jahre irgendwo ein komplettes "olympisches Dorf" und Sportstätten aus dem Boden gestampft werden.
    Die Oscar Verleihung findet wie die Bayreuther Festspiele jedes Jahr an der gleichen Stelle platz. Das Kodak-Theater wird nicht jedes Jahr irgendwo neu aufgebaut ;)
    Fußballstadien stehen in der Regel auch schon.

    Ich finde die Idee des Artikels gut, und unterstütze auch die NOlympia Bewegung.

    • carol
    • 09.03.2010 um 10:16 Uhr

    endlich wird da mal ein wenig darüber diskutiert.

    seitdem der kalte krieg vorbei ist (1989), hat der leistungssport nicht mehr den stellenwert bei den sportlern. diese "leisten" tolle sportliche höchstleistungen, dessen sinn ich nicht mehr nachvollziehen kann.

    millarden werden für ein paar sportler ausgegeben. und seit Athen verstehe ich die welt nicht mehr. und London hat jetzt schon kaum noch geld um überhaupt was auf die reihe zu bekommen.

    ich hoffe oder vielleicht wird diese idee mit einem austragungsort mal ein wenig ernster genommen.

  2. Richtig, Olympische Spiele stellen dieser Tage, in ihrer modernen Größe, immer eine Zerstörung gewachsener Strukturen dar.

    Dazu kommt noch der finanzielle Unsinn. Bayern alleine hat ja erst gerade wieder mal 10 Mrd. bei der Landesbank und noch mal 4 Mrd. bei Alpe Adria verloren. Da könnte man vier Mrd. - am Ende sind das wie üblich mindestens doppelt so viel - sicher wesentlich besser verwenden.

    Darüberhinaus stellt die weiterführende Frage, ob diese ausufernden Olympischen Siele überhaupt noch zeitgemäß sind und vielleicht doch eher wieder auf ein vernünftiges Maß zurückgestutzt werden sollten.

  3. ...ist ein Vergleich.
    Es geht darum, dass die großen Umwälzungen die entstehen wenn alle vier Jahre irgendwo ein komplettes "olympisches Dorf" und Sportstätten aus dem Boden gestampft werden.
    Die Oscar Verleihung findet wie die Bayreuther Festspiele jedes Jahr an der gleichen Stelle platz. Das Kodak-Theater wird nicht jedes Jahr irgendwo neu aufgebaut ;)
    Fußballstadien stehen in der Regel auch schon.

    Ich finde die Idee des Artikels gut, und unterstütze auch die NOlympia Bewegung.

    Antwort auf "verkehrte welt"
  4. Wieso sollte ein so kleines Land mit erst noch extrem wenig Platz den Olympiaspass der halben Welt finanzieren? Wo sollte man die gigantischen Olympiabauten in der Schweiz überhaupt hinbauen? Falls man es noch nicht bemerkt hat: Die Schweiz finanziert beispielsweise bereits einen schönen Teil der UNO-Infrastruktur - da brauchen die Schweizer das restliche Steuergeld lieber für Dinge, die ihnen auch was nützen, und nicht für schöne Träume und Schäume anderer Nationen. Ausserdem passt ein Anlass wie die Olypischen Spiele überhaupt nicht zur schweizerischen Kultur der Bescheidenheit und Zurückhaltung. Olympische Winterspiele (dauerhaft) in der Schweiz - so eine Schnapsidee. Soll doch Charles Banks-Altekruse diese Gigawahnsinnsanlagen doch in den USA bauen. Olympia passt schliesslich wesentlich besser zur amerikanischen Kultur und Platz genug haben die auf der andern Seite des Teiches ja auch.

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