FC Bayern München Neues Personal, altes Prinzip

Standards und taktische Fouls: Der FC Bayern attackiert den Stil des Pokal-Gegners Schalke 04. Und lenkt damit von eigenen Schwächen ab.

Es hat schon eine Weile gedauert, bis sich Christian Nerlinger in den großen Fußstapfen von Uli Hoeneß zurechtgefunden hat. Wenig bis gar nichts war in den ersten Wochen und Monaten vom neuen Sportdirektor des FC Bayern München zu hören, weder in der herbstlichen Krise noch im spätwinterlichen Höhenflug. Doch jetzt, vor den Wochen, die über Wohl und Wehe der Bayern-Saison entscheiden, hat Nerlinger sich ein Herz gefasst. Kurz vor der DFB-Pokal-Halbfinalbegegnung am Mittwoch (20.30 Uhr, im Live-Blog) beim FC Schalke 04 attackierte Nerlinger den ehemaligen Bayern-Trainer Felix Magath.

Dem "Münchner Merkur" sagte Nerlinger, das Spiel der Schalker sei "von zwei Stilmitteln" geprägt: "Bei Standards sind sie höllisch gefährlich. Und das zweite Stilmittel sind taktische Fouls." Das sei allerdings nicht seine Vorstellung von Fußball. "Es sollte einfach nicht das Stilmittel einer Mannschaft sein, so Fußball zu spielen", erklärte Nerlinger. "Das kann nicht das Ziel dieses Sports sein. Das ist eine Politik, eine Philosophie, die den Fußball einfach nicht weiterbringt."

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Mit diesen Äußerungen folgt Nerlinger einem alten Prinzip der Öffentlichkeitsarbeit beim FC Bayern: Gewinnt die Mannschaft in Serie, sparen die Verantwortliche nicht mit Selbstkritik. Läuft es aber gerade mal miserabel, wird das Team kollektiv stark geredet und der Gegner verbal angegriffen. Und jetzt, da es in allen drei Wettbewerben in die entscheidende Phase geht, hat van Gaals Mannschaft fußballerische Rückschritte gemacht. Niederlagen gegen Frankfurt und Florenz, ein äußerst mühsamer Heimsieg gegen den Abstiegskandidaten Freiburg, vor der Brust Mannschaften wie Schalke, Stuttgart, Manchester United und Leverkusen – da muss man sich schon ein bisschen stark reden. Nationalspieler Bastian Schweinsteiger wollte sogar einen positiven Effekt der 1:2-Niederlage gegen die Eintracht erkannt haben: "Vielleicht ist es gar nicht so schlecht, dass wir in Frankfurt einen Dämpfer bekommen haben. Man nimmt viel Wut aus so einer Niederlage mit."

Wut allein allerdings wird den Münchnern heute nicht reichen. Die Abwehr wackelt, dem Mittelfeld fehlt ohne Franck Ribéry und mit dem nicht immer fitten Arjen Robben Esprit. Van Gaals Alternativen auf der Bank sind übersichtlich, und vor allem in der Defensive sollte sich nun besser niemand mehr verletzen.

Nerlingers Attacke lenkt von diesen Baustellen ab. Man müsse "Felix Magath ein Kompliment machen, was er und seine Spieler leisten", sagte er. "Wir beim FC Bayern wollen einen anderen Fußball spielen." Vor dem Pokal-Halbfinale sieht er die Schiedsrichter in der Pflicht: "Sie gehen sehr milde damit um. Jeder Spieler darf drei, vier taktische Fouls machen, ehe mal Gelb gezückt wird." Nerlingers Hochrechnung: "Das macht bei einer Mannschaft von zehn Feldspielern bis zu 30, 40 taktische Fouls, und dann ist es für einen Gegner schwer, Druck aufzubauen."

Ganz so ernst wie sein Vorgänger Uli Hoeneß scheint Nerlinger aber noch nicht genommen zu werden. Felix Magath jedenfalls reagierte auf den Angriff aus München sehr gelassen. "Nerlinger hat in fünf Jahren Bundesliga 364 Fouls begangen, so viele wie kein anderer", sagte Magath. "Er muss also Experte sein."

 
Leser-Kommentare
    • baku
    • 24.03.2010 um 14:26 Uhr

    anwenden, die, wenn sie ihre meisten gegner spielen lassen würde, manchmal wohl zweistellig vom rasen trotten müsste. dürfte ein ballack beispielsweise nicht mehr so zur sache gehen, wäre er sicher um 50% seiner fußballerischen effektivität beraubt, nein, so war es sicher nicht gemeint. nein, gemeint waren die mannschaften die gegen den fc bayern antreten und sich erdreisten, deren must-win tolleranz anzuzweifeln. eine derart unfertige persönlichkeit ist immer ein ärgernis in so einem amt, die nackte hilflosigkeit den kleinen uli zu geben und in seiner langweiligkeit kaum zu überbieten, aber vielleicht wird man so irgendwann noch dfb präsident.

  1. Felix Magath hat darauf wie folgt geantwortet: "Nerlinger hat in fünf Jahren Bundesliga 364 Fouls begangen. So viele wie kein anderer. Er muss also Experte sein."
    Nerlinger stand in insgesamt 224 Bundesligaspielen auf dem Platz (lt. meiner Recherche).
    Davon ausgehend daß er immer durch gespielt hat, ergibt sich somit eine Quote von 1,63 Fouls pro Spiel. Dafür hat er insgesamt eine gelb/rote und 55 gelbe Karten bekommen.
    Wenn er damit an der Spitze der Foulspieler steht, zweifle ich Magath´s Aussage hiermit offiziell an.
    Nichts desto trotz war die Erwiderung natürlich vom Feinsten und zeigt, daß Uli seine Nachfolge im wahrsten Sinn des Wortes "geregelt" hat oder als Souffleuse im Hintergrund immer noch aktiv ist ;-).
    Und ganz zum Schluss zahle ich 3€ ins virtuelle Phrasenschwein:
    "Wahrheit is auf´m Platz"

  2. Tatsächlich scheint die Angabe Magaths korrekt zu sein. Die Zahl scheint der Datenbank des Statistik-Dienstes Impire entnommen zu sein und bezieht sich nicht auf die komplette Karriere Nerlingers, sondern nur auf den Zeitraum zwischen 1993 und 1998. In dieser Zeit machte er 156 BL-Spiele für den FC Bayern. Der entstehende Schnitt scheint zwar immer noch recht niedrig, aber wer weiss schon, welche Herangehensweise eine solche Datenbank hat. Immerhin reichte es für einen sehr netten Konter.

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