Behinderte in Deutschland Die elitäre Gruppe der Paralympics-Helden

Die Paralympics werden besonders in Deutschland gefeiert. Dabei taugt dieses Event gar nicht als Beispiel für die Akzeptanz von Behinderten, kommentiert W. Weichert

Der Skifahrer und mehrfache Medaillengewinner Gerd Schönfelder (links) freut sich gemeinsam mit Adam Hall und Cameron Rahles-Rahbula

Der Skifahrer und mehrfache Medaillengewinner Gerd Schönfelder (links) freut sich gemeinsam mit Adam Hall und Cameron Rahles-Rahbula

Da rasen Einbeinige oder Beinamputierte und Querschnittgelähmte die Hänge hinunter, querschnittgelähmte Schlittenhockeycracks zaubern mit dem Puck, Blinde und Athleten ohne Arme schießen präzise auf Cent-große Scheiben und treffen besser als die deutschen Olympiabiathleten: Beeindruckende Leistungen und eine große Show! Gerade weil diese außerordentliche Leistungsgala Menschen mit körperlichen Behinderungen abliefern. Stolz können die Athleten auf ihre außergewöhnlichen Leistungen sein und wir darüber, dass wir solche Athleten haben. "Sie dokumentieren damit die Leistungsfähigkeit der Menschen mit Behinderung," so der Chef de Mission Karl Quade. So auch unser Bundespräsident Horst Köhler, der jährlich die behinderten Spitzensportler auszeichnet.

Letztlich können eigentlich alle zufrieden sein: die erfolgreichen Sportler selbst, die ihr Selbstbewusstsein und ihren Stolz zeigen, der erfolgreiche Behindertensportverband, der Staat, die Politik und die Wirtschaft, welche sponsert; und auch die Zuschauer, die das öffentliche und das eigene Interesse an den Behinderten dokumentiert und befriedigt sehen. Doch soll ein Zweifel formuliert werden: Sind diese behinderten Superathleten, diese "Artisten", ihre Karrieren, ihre Behinderungen und ihr Leistungsvermögen und auch ihre Anerkennung typisch für die Behinderten in Deutschland und deren gesellschaftliche Akzeptanz?

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Zwei Dinge fallen auf: Es gewinnen fast immer dieselben, wenige schöpfen viel Ruhm ab.  Bei den deutschen "Legenden" im fortgeschrittenen Sportleralter (fast alle um die 40 Jahre herum) sind das zwischen 10 und 15 Goldmedaillen. Zumeist sind diese Sportler nicht mehr ganz junge Unfallopfer mit "nur" einer einseitigen körperlichen Beeinträchtigung (lediglich insgesamt 2,2 Prozent der Behinderten insgesamt sind Unfallopfer).

Zum andern sind es Menschen, die oft auch schon vor ihrer Sportlerkarriere erfolgreich in Beruf oder Studium waren (viele Studenten und Akademiker); eine leistungsfähige Elite, die gerade über das Besondere ihrer Höchstleistung öffentliche Aufmerksamkeit und Anerkennung erlangt: sie schaffen weit mehr als ein Durchschnittsbürger und fast so viel wie nichtbehinderte Hochleistungssportler. Dies ist eine winzig kleine Gruppe innerhalb der großen Schar deutscher Behinderter, die absolut nicht repräsentativ für die Mehrheit der Jüngeren, zumeist Mehrfachbehinderten ist. Diese Gruppe hat kaum eine Chance mit ihrer Leistung der Öffentlichkeit und meist auch nicht dem sie umgebenden Personenkreis mit interessanten sportlichen oder sonstigen Leistungen zu imponieren.

Nimmt man die wissenschaftlich akzeptierte Definition von Behinderung  ernst – "die dauerhafte und gravierende  Beeinträchtigung der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Teilhabe einer Person" (Wikipedia), dann sind die Paralympiker eigentlich nicht behindert, denn ihnen gelingt ja gerade, trotz ihrer "nur" körperlichen und gut kompensierten Beeinträchtigung, genau diese soziale Teilhabe und Anerkennung, welche die meisten anderen Behinderten nicht haben.

Wer beobachten kann, wie auf dem Spielplatz Kinder und Jugendliche sofort das Spielgerät verlassen, wenn der Behinderte mitspielen will, der weiß, dass soziale Teilhabe in Deutschland für die Mehrzahl der Behinderten nicht gegeben ist. Behinderung wird in Deutschland zumeist als Bedrohung, als Andersartigkeit empfunden, mit der man nicht konfrontiert werden will. Sie ist unheimlich, weil man sie nicht kennt. Woher auch, wenn nur vier Prozent der Schüler mit besonderem Förderbedarf Integrations- und Regelschulen besuchen. Wie sollen unsere Kinder bei dieser Aussonderung Erfahrungen mit Behinderung machen und lernen, mit Andersartigkeit umzugehen?

Willibald Weichert
Doktor Willibald Weichert ist Professor für Erziehungswissenschaft / Sportdidaktik an der Universität Hamburg. Von 1985 bis 1992 leitete er Entwicklungsprojekte für Sport in Südamerika und Afrika. 1992 erlitt sein damals zweijähriger Sohn einen schweren Unfall mit der Folge eines apallischen Syndroms (Hirntot). Durch tägliches Training gelang es Willibald und seiner Frau das Kind entgegen aller Prognosen aus der Bewusstlosigkeit zu bringen. Heute kann Weicherts 20-jähriger Sohn (zwar schwer mehrfachbehindert) wieder laufen und sprechen.

Doktor Willibald Weichert ist Professor für Erziehungswissenschaft / Sportdidaktik an der Universität Hamburg. Von 1985 bis 1992 leitete er Entwicklungsprojekte für Sport in Südamerika und Afrika. 1992 erlitt sein damals zweijähriger Sohn einen schweren Unfall mit der Folge eines apallischen Syndroms (Hirntot). Durch tägliches Training gelang es Willibald und seiner Frau das Kind entgegen aller Prognosen aus der Bewusstlosigkeit zu bringen. Heute kann Weicherts 20-jähriger Sohn (zwar schwer mehrfachbehindert) wieder laufen und sprechen.

Dass da etwas nicht stimmt, konstatiert auch der Fahnenträger der deutschen Paralympiker, der 42-jährige Frank Höfle: "Unsere Gesellschaft ist verkorkst. Selbst wir sind innerhalb der Behinderten noch mal eine elitäre Gruppe. Wo sind bei den Paralympics die geistig Behinderten, wo die Gehörlosen?“ Man könnte fortfahren: Wo ist die Riesenzahl der Mehrfachbehinderten? Wo ist die Mehrzahl der Körperbehinderten, für die eigentlich diese Spiele gedacht sind mit ihren Gleichgewichts- und Koordinationsstörungen? Stimmt eigentlich das Etikett "Paralympics" (von Paralyse = Lähmung) für die Mehrzahl der Teilnehmer, die ja gerade durch hochkomplexe Korrdinationsleistungen beeindrucken? Nein (einmal abgesehen von den Rollstuhlfahrern)! Wo bleiben die anderen Paralytiker?

Warum viele Behinderungsarten und davon betroffene Menschen ausgeschlossen bleiben, hat zwei einfache Gründe: Sie taugen nicht für die ausgewählten olympischen Wettkampfsportarten. Mit ihnen kann man keine Show machen. Zudem haben sie nicht die gesellschaftliche Akzeptanz. Die "Ausgeschlossenen" haben ihre eigenen Spiele, die viel weniger öffentlich wahrgenommenen Special Olympics, die – und das ist das Fatale an dem gesamten System – auch wieder mit einem selektiven Leistungssystem organisiert sind, bei dem auch wieder die Schwächeren unten herausfallen.

Dieser am Wettkampfsport der Nichtbehinderten orientierte Sport in Leistungsklassen passt für die Mehrheit der Behinderten nicht. Gesellschaftlich anerkannte Leistung können diese nicht bringen, deshalb sind sie davon ausgeschlossen und betreiben (wenn überhaupt) ihren Sport vorwiegend in so genannten Integrationsgruppen, in denen sie zumeist nur unter sich sind. Ein beispielhafter Leistungssport mit Behinderten müsste in heterogenen Gruppen mit großen Leistungsunterschieden stattfinden, in welchen nicht die direkte Konkurrenz mit dem Gegner, sondern der Vergleich mit der eigenen Leistung steht. Wie so etwas funktionieren könnte, zeigen die Großveranstaltungen der Nichtbehinderten wie etwa Marathon- oder Triathlon-Rennen, in denen es für die Mehrheit der Sportler nicht aufs Gewinnen, sondern auf das Mitmachen, die Gemeinsamkeit mit Gleichgesinnten und die Herausforderung der eigenen Leistungsfähigkeit ankommt.

Paralympics als beispielhaft für die Akzeptanz von Behinderung in dieser Gesellschaft zu nehmen, ist eine Lüge. Die Mehrheit der Behinderten ist (unter ökonomischen- und Wettbewerbsbedingungen) nicht gesellschaftsrelevant leistungsfähig. Die herausgehobene politische Förderung dieses Elitesports könnte man auch als Feigenblatt zur Verdeckung der Integrationsdefizite in unserer Gesellschaft verstehen.

Die Akzeptanz der Behinderten muss über andere Kriterien gelingen. Ihr Sport muss deshalb auch ein anderer sein. Paralympics taugen nur für eine winzig kleine Gruppe Behinderter, sie befördern eine Ausrichtung von elitärer Leistungsanerkennung, die für die Mehrzahl der Behinderten nichts taugt: Spitzenleistung im Leistungsvergleich.

Auch an die Sportarten für die Paralympics könnte man kritische Fragen richten. Müssen diese – bei aller behindertengerechter Anpassung – fast völlig deckungsgleich mit denen der Olympischen Spiele sein? Warum findet man nicht seinen eigenen originellen Weg, der nicht nur in Kopie und leichter Abwandlung der Leistungssportarten besteht?

Paralympics können "als politische Bewegung" wohl für einige, ein "Credo sein, anderen Mut zu machen durch den Willen, sich körperlichen Einschränkungen nicht zu unterwerfen," sagte der Chef de Mission Karl Quade. Für viele ist die Distanzerfahrung – also das Gegenteil von Vorbildwirkung – zu diesem Spitzensport und die Erkenntnis "das kann ich nie erreichen!" jedoch weit größer als die des Normalbürgers beim Betrachten von Olympischen Spielen oder Fußball-Weltmeisterschaften.

 
Leser-Kommentare
  1. [...]

    Die Sportler tun sich selbst keinen Gefallen, denn sie, die im Alltag meist eine unter Kleidung versteckte Prothese tragen, machen ihrem Umfeld (Arbeitskollegen, Freunde etc) doch erst übers Fernsehen bewusst, dass sie eigentlich "behindert" sind. Die Spiele fördern deren Ausgrenzung!!

    Verzichten Sie auf diskriminierende Behauptungen. Die Redaktion/sh

  2. [entfernt. Bitte verzichten Sie auf Äußerungen, die als Rechtferntigung oder Gutheißung von Diskriminierung verstanden werden können. Vielen Dank. Die Redaktion/ew]

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    [Entfernt. Wir möchten Sie bitten, Ihre Kritik sachlich-argumentativ zu formulieren. Danke. /Die Redaktion pt.]

    "[...] Da liegt ein Gendefekt vor, etwas ist nicht nach dem Plan der Natur gelaufen. [...]"

    Die Natur hat keinen "Plan", denn das würde voraussetzen, dass sie ein Bewusstsein besitzt. Dieses "Argument" wird gerne benutzt, um Menschen auszugrenzen, die anders sind als man selbst.

    FMC

    [Entfernt. Wir möchten Sie bitten, Ihre Kritik sachlich-argumentativ zu formulieren. Danke. /Die Redaktion pt.]

    "[...] Da liegt ein Gendefekt vor, etwas ist nicht nach dem Plan der Natur gelaufen. [...]"

    Die Natur hat keinen "Plan", denn das würde voraussetzen, dass sie ein Bewusstsein besitzt. Dieses "Argument" wird gerne benutzt, um Menschen auszugrenzen, die anders sind als man selbst.

    FMC

  3. [Entfernt. Wir möchten Sie bitten, Ihre Kritik sachlich-argumentativ zu formulieren. Danke. /Die Redaktion pt.]

    Antwort auf "Im Übrigen..."
  4. zum Einen wehren sich gerade die gut-bürgerlichen - ob grün oder schwarz oder rot - mit Händen und Füßen dagegen

  5. Fällt ihnen eigentlich auf was für einen menschenverachtenden Stuss sie da reden?
    Mag ja sein, dass Behinderte einen Gendefekt haben, aber daran tragen sie keine Schuld. Und der faire Umgang mit Benachteiligten ist schließlich das Kriterium, dass eine Gesellschaft erfüllen muss um sich "zivilisiert" nennen zu dürfen.
    Was der Autor des Artikels anspricht mag stimmen, allerdings wüßte ich nicht wie eine breite gesellschaftliche Aktzeptanz für geistig Behinderte u.a. die hier als ausgeschlossen beschrieben werden, zu erreichen ist. Zu groß ist ihre Andersartigkeit, es ist nicht schwer sich in einen Menschen hineinzuversetzen, der bei einem Unfall ein Bein verloren hat, bei jemanden, der seit seiner Geburt geistig Behindert ist oder gleich mehrere schwere Gebrechen hat, ist das schon viel schwieriger.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Nachdem ich den Kommentar aals bedenklich gemeldet habe, passierte nichts. Danach habe ich den Autor in Verbindung mit der NS-Ideologie gebracht.
    Mein Kommentar wurde gestrichen, der von mir beanstandete bleibt stehen.
    DSehr merkwürdig für eine HISTORIKERIN!

    Nachdem ich den Kommentar aals bedenklich gemeldet habe, passierte nichts. Danach habe ich den Autor in Verbindung mit der NS-Ideologie gebracht.
    Mein Kommentar wurde gestrichen, der von mir beanstandete bleibt stehen.
    DSehr merkwürdig für eine HISTORIKERIN!

    • TDU
    • 22.03.2010 um 20:46 Uhr

    Und bei Benefizveranstaltungen sind die Behinderten je nach Grad der Behinderung, längst nicht in der ersten Reihe, wegen mangelnder Bildschirmtauglichkeit.

    Aber gleiche Chancen bedeutet eben auch gleiche Benachteiligung. Deswegen geht es in diesem Bereich nicht ohne einen gewissen Grad an "Barmherzigkeit", der nichts fordert, aber dennoch zu geben bereit ist.

  6. sicherlich stimme ich mit den "Entwicklern und Machern" dieser Paralympics überein, dass die Demonstration von Willensstärke und Beharrlichkeit anderen Behinderten Mut machen kann, aber der Autor hat völlig Recht, wenn er gerade die siegreichen Sportler aus Deutschland, die zum großen Teil Unfallopfer waren, nach dem allgemein gültigen selektiven Leistungsprinzip eine eigene Elite bilden, zwei alpine Skifahrer haben mehrere Goldmedaillen gesammelt und die von Geburt an blinde Verena Bentele gleich fünf auf einen Schlag. Wenn die Zahl stimmt, dass lediglich 2,2 Prozent aller Behinderten Unfallopfer sind, dann wird die Ausrichtung dieser Paralympics lediglich zum Alibispektakel für eine ansonsten ignornate und behindertenfeindliche Gesellschaft, was tagtäglich überall nachzuvollziehen ist. Wenn nicht an der Basis, in den Schulen und in den Betrieben eine absolute und vorurteilsfreie Gleichstellung vorangetrieben wird, wenn sich das Meinungsbild in der Gesellschaft nicht ändert, dann sind die Paralympics auch in Zukunft ein hippes und marktschreierisches Medienspektakel, was letzendlich kontraproduktiv wirkt und nichts dazu beiträgt, dass sich bei den meisten behinderten etwas an ihrer Lebensqualität ändert.

    Wolfgang Neisser

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