Tobias Rau "Ich halte Michael Kempter für einen guten Schiedsrichter"

Kolumnist Tobias Rau kritisiert im Interview den DFB für seine Öffentlichkeitsarbeit und sagt, was einen guten Schiedsrichter ausmacht. Das Alles-Außer-Fußball-Gespräch

Tobias Rau während seiner Zeit als Spieler für den FC Bayern: "Als Schiedsrichter kannst Du nur verlieren und nichts gewinnen"

Tobias Rau während seiner Zeit als Spieler für den FC Bayern: "Als Schiedsrichter kannst Du nur verlieren und nichts gewinnen"

ZEIT ONLINE: Herr Rau, können Sie erklären, warum jemand Schiedsrichter wird?

Rau: Nein, ich kann diese Entscheidung nicht nachempfinden. Aber ich habe großen Respekt vor der psychischen und physischen Aufgabe, die ein Schiedsrichter bewältigt. In Bundesligaspielen geht es um viel Geld, Millionen schauen zu, viele Journalisten bewerten die Schiedsrichterleistung.

Anzeige

ZEIT ONLINE: Haben Sie schon mal ein Spiel gepfiffen?

Alles Außer Fußball

Alles außer Fußball ist die Kolumne von Katja Kraus, Corny Littmann, Thomas Hitzlsperger und Arne Friedrich. Alle zwei Wochen geben wir während der Bundesliga-Saison einem das Wort. Die vier sollen und wollen nicht das Tagesgeschäft kommentieren, klassische Fußballerkolumnen gibt es genug. Alles außer Fußball ist der Versuch, Fußballer Fußball als gesellschaftliches Phänomen betrachten zu lassen. Littmann, Hitzlsperger, Friedrich und Kraus wollen ihre Meinung sagen, beispielsweise zu den Herausforderungen der Bundesregierung, zum Alltag in der Bundesliga und darüber, wie das zusammenhängen kann.

ALS E-BOOK KAUFEN

Die Gespräche mit Philipp Lahm, Thomas Hitzlsperger, Andreas Beck und Corny Littmann stehen Ihnen auch als E-Book nach dem Download jederzeit und überall zur Verfügung.

Hier finden sie eine Übersicht unserer E-Books www.zeit.de/ebooks.

Rau: Ja, bei einem Schulturnier. Da war ich sechzehn Jahre alt. Zwar gab es keine strittigen Szenen, dennoch war ich sehr froh, als es vorbei war. Es war eins der schwersten Spiele meiner Laufbahn.

ZEIT ONLINE: Konnten Sie der Aufgabe nichts abgewinnen?

Rau: Nein, das war kein Spaß. Ich hatte den Eindruck: Als Schiedsrichter kannst Du nur verlieren und nichts gewinnen.

ZEIT ONLINE: Aber man kann als Schiedsrichter Karriere machen.

Rau: Ja, es ist sozusagen eine eigene Sportart, in der man auch seinen Ehrgeiz ausleben kann. Es ist eine Bühne.

ZEIT ONLINE: Der Schiedsrichter Michael Weiner hat gesagt, er sei Schiedsrichter geworden, weil es für eine Spielerkarriere nicht gereicht hat.

Rau: Kann sein, dass das eine klassische Schiedsrichterlaufbahn ist. Jedenfalls sind die meisten Schiedsrichter dem Fußball verbunden, verfügen über ein gutes Verständnis für das Spiel. Und noch was: Es sind meist intelligente Menschen, oft Gelehrte. Ich kam immer sehr gut mit ihnen aus.

ZEIT ONLINE: Wie, glauben Sie, denken Schiedsrichter umgekehrt über Fußballprofis?

Rau: Hm? Ich kann bloß berichten, dass sich gute Schiedsrichter auf das Spiel und die Spieler vorbereiten: Spieler X ist ein Meckerer, Spieler Y macht gerne Schwalben. Dabei spielt auch der Status des Spielers eine Rolle. Einer wie Stefan Effenberg durfte sich mehr erlauben als der Ersatzspieler aus, sagen wir, Bochum. Diese Ungleichbehandlung geschieht im Unterbewusstsein der Schiedsrichter.

ZEIT ONLINE: Was macht einen guten Schiedsrichter aus?

Rau: Er sollte einen guten Draht zu den Spielern haben. Man muss mit ihm reden können.

ZEIT ONLINE: Haben Sie ein gutes Beispiel in Erinnerung?

Rau: Florian Meyer hat immer gut und viel erklärt, das ist mir sehr sympathisch. Dadurch hat er brisante Situationen entschärft. Die Spieler schützen ihn und gestehen ihm Autorität zu. Er hat keine großen Gesten nötig.

ZEIT ONLINE: Gibt es ein Gegenbeispiel?

Rau: Ja, aber der Name ist mir entfallen. Dieser Schiedsrichter hat einem immer das Wort abgeschnitten, es waren keine Gespräche möglich. Andererseits, vielleicht ist das Wichtigste und das Einzige ohnehin Regelkenntnis.

ZEIT ONLINE: Sollte man den Schiedsrichtern mit moderner Technik zur Seite stehen, etwa mit dem Chip im Ball, den die Fifa soeben erneut abgelehnt hat?

Rau: Ich halte nicht viel davon. Fußball lebt auch von Fehlern, sie machen die Sache spannend.

ZEIT ONLINE: Sagen Sie das auch einem Spieler, der gerade wegen einer Fehlentscheidung abgestiegen ist? Das Spiel an sich ist doch spannend genug.

Rau: Was würde nach dem Chip im Ball kommen? Die effektive Spielzeit, der fünfte oder sechste Assistent? Wo ist die Grenze? Man sollte das Spiel so einfach wie möglich belassen.

ZEIT ONLINE: Wie bewerten Sie den Fall Amerell?

Rau: Es gibt da viele offene Fragen, daher will ich mir kein endgültiges Urteil erlauben. Aber dass das alles in der Öffentlichkeit ausgetragen wird, schadet natürlich dem deutschen Schiedsrichterwesen. Der DFB hätte das intern regeln müssen.

ZEIT ONLINE: Michael Kempter soll Manfred Amerell eine Mail geschrieben haben, in der er mit ihm auf eine Niederlage Bayern Münchens anstoßen wollte.

Rau: Ich kenne Kempter und halte ihn für einen guten Schiedsrichter. Doch damit ist seine Neutralität in Frage gestellt. Wobei man bei allem bedenken muss: Welche Mails wurden wirklich geschrieben, welche sind echt? Aber da wird man nun wohl aus Gerichtsprozessen einiges erfahren.

ZEIT ONLINE: Können Sie sich vorstellen, dass das Thema Schiedsrichter in Ihrem Unterricht eine Rolle spielen wird, steht es auf dem Lehrplan Ihres Sportstudiums?

Rau: Das nicht, das Thema hat eher im Vereinssport eine Bedeutung. Doch ist es auch für den Schulsport ein wichtiges Lernziel, mit Ungerechtigkeiten umzugehen.

Die Fragen stellte Oliver Fritsch

 
Leser-Kommentare
    • iosono
    • 10.03.2010 um 13:33 Uhr

    Amarell hat eine Sammelwut von E-Mails und SMS über lange Zeiträume.(Kemptners Bayern Mail von 2007)
    Diese benutzt er jetzt gegen Kemptner.
    Ist das OK?
    Verstösst Amarell gegen Urteil zur Vorratsdatenspeicherung?
    Sollte es nicht eine ''Deathline'' geben,wie lange unsere eigenen Nachrichten die wir so wegschicken gegen unseren Willen veröffentlicht oder verwendet werden dürfen?

    Und was ist wenn ein Schiedsrichter Vorlieben für Spieler hat? Bayern haben die hübschesten Spieler-sagt meine Freundin-wie oft sind die Meister geworden?-)

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service