Chronologie der Causa Amerell Protokoll einer Schlammschlacht

Eine vermeintliche Liebesbeziehung und ihre Folgen: Wie es dazu kam, dass am Ende die Causa Amerell den DFB-Präsidenten Theo Zwanziger fast sein Amt gekostet hätte.

"Wenn wir diesen Prozess verlieren, muss ich selbstverständlichen sofort von meinem Amt als DFB-Präsident zurücktreten": Theo Zwanziger während einer Pressekonferenz zum Fall Amerell

"Wenn wir diesen Prozess verlieren, muss ich selbstverständlichen sofort von meinem Amt als DFB-Präsident zurücktreten": Theo Zwanziger während einer Pressekonferenz zum Fall Amerell

"Theo Zwanziger ist alternativlos", sagte Reinhard Rauball, Präsident der Deutschen Fußball Liga (DFL) einen Tag vor der Präsidiumssitzung des Deutschen Fußball Bundes (DFB). Zeitgleich wird Zwanziger in vielen Medien kritisiert, Rücktrittsforderungen werden offen ausgesprochen. Ein, im Vergleich zu früheren DFB-Präsidenten, äußerst beliebter Funktionär hat es innerhalb einiger Wochen geschafft, das Vertrauen vieler Beobachter zu verlieren. Wie konnte es so weit kommen?

Die Vorgeschichte des aktuellen Konfliktes liegt vielleicht schon mehr als acht Jahre zurück. Manfred Amerell, einer der Protagonisten in dieser öffentlichen Schlamschlacht, erinnert sich: "Am 31. Januar 2002, Herr Mayer-Vorfelder war noch Präsident des DFB. Zwanziger war Schatzmeister und reagierte wieder mal äußerst emotional. Irgendwann ist es unter Zeugen in eine Tonart ausgeartet, wo wir Schiedsrichter uns sagten, das lassen wir uns nicht mehr bieten. Da sagte ich: Passen Sie mal auf, Herr Zwanziger, so können Sie mit Ihren Angestellten im Hause hier reden, das werden die sich gefallen lassen. Mit mir reden Sie so nicht." Manfred Amerell behauptet, Theo Zwanziger habe ihm diesen Streit nie vergessen.

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Der eigentliche Fall Amerell beginnt im vergangenen Herbst. Am 18. Oktober 2008, zumindest, wenn man den Worten Michael Kempters glauben kann: Nach dem Spiel zwischen Werder Bremen und Borussia Dortmund habe Manfred Amerell ihn in einem Hotel sexuell bedrängt, behauptet der junge Schiedsrichter.

Am 17. Dezember 2009 wendet sich der heute 27-jährige Kempter an den DFB. Dem Schiedsrichter-Chef des Verbandes, Volker Roth, teilt Kempter mit, von seinem Vorgesetzten Manfred Amerell drei Mal sexuell bedrängt worden zu sein. Volker Roth hört zu und verabschiedet sich in den Weihnachtsurlaub.

Erst am 15. Januar 2010 informiert Volker Roth den DFB-Präsidenten über Kempters Vorwürfe. Theo Zwanziger wird in den kommenden Tagen wegen seines Verhaltens im Streit um die Vertragsverlängerung von Joachim Löw und Oliver Bierhoff kritisiert. Einzelheiten aus Vertragsgesprächen zwischen Zwanziger und der Nationalmannschaftsführung landen unverzüglich bei der Bild-Zeitung. Schließlich beruft der DFB-Präsident eine Präsidiumssitzung ein. Zuvor treffen sich Theo Zwanziger, der DFB-Generalsekretär Wolfgang Niersbach, Personalchef Stefan Hans und Manfred Amerell in Frankfurt.

Nach der Präsidiumssitzung zur "Causa Amerell" melden sich am 4. Februar 2010 weitere Schiedsrichter beim DFB und geben an, von Amerell sexuell belästigt worden zu sein.

Am 10. Februar 2010 gelangen die Vorwürfe gegen Manfred Amerell an die Öffentlichkeit. Der 62-Jährige reagiert und sagt der Frankfurter Rundschau: "Da lache ich mich kaputt, die Vorwürfe sind haltlos und aus der Luft gegriffen". Der für Schiedsrichter-Angelegenheiten zuständige DFB-Vizepräsident Rainer Koch gibt seine Verantwortlichkeiten für diesen Bereich ab. Es sei "nicht hinnehmbar", dass er nicht früher von Roth informiert wurde. An den folgenden beiden Tagen beschuldigen weitere junge Schiedsrichter Manfred Amerell. Ihre Aussagen bleiben DFB-intern, die Namen der Referees vorerst anonym.

Zwei Tage nachdem die Anschuldigen gegen Manfred Amerell öffentlich wurden, verkündet dieser am 12. Februar 2010 aus "gesundheitlichen Gründen" seinen Rücktritt als Sprecher der deutschen Schiedsrichter. Der DFB teilt mit: "Wir halten den Schritt für richtig und notwendig".

Am 23. Februar 2010 erneuert Michael Kempter seine Vorwürfe gegen Manfred Amerell in mehreren Interviews. "Ich hatte einfach Angst um meine Karriere als Schiedsrichter. Als ich gemerkt habe, dass es noch mehrere Fälle gibt, habe ich mich durchgerungen, etwas zu sagen", sagt Kempter der Bild-Zeitung. Beim Deutschen Sportfernsehen sagt Kempter, er sei "auf alle Fälle" abhängig davon gewesen, dass er von Amerell für Spiele eingeteilt wurde.

Einen Tag später erklärt Theo Zwanziger den Fall Amerell mit dessen Rücktritt für abgeschlossen. Das Ergebnis der auf Amerells Initiative für den 4. März angesetzten mündlichen Verhandlung "kann uns egal sein", sagt der DFB-Präsident.

Am Samstag, den 27. Februar 2010 berichten verschiedene Medien, dass sich ein junger Referee beim DFB gemeldet habe, der von Annäherungsversuchen Michael Kempters am 13. Mai 2009 in einem Düsseldorfer Hotel berichtet habe. Kempter weist die Anschuldigungen zurück.

In einer spontan einberufenen nicht öffentlichen DFB-Pressekonferenz am 28. Februar 2010 geben drei weitere junge Schiedsrichter gegenüber ausgewählten Medien an, sich von Manfred Amerell belästigt gefühlt zu haben. Ein weiterer will Derartiges auf einem Lehrgang beobachtet haben. Sie wollen anonym bleiben, unterschreiben aber eidesstattliche Erklärungen. Amerell habe sich "die Lieblinge so geschaffen, wie er wollte", berichtet einer. Theo Zwanziger schließt nicht aus, dass gegen Amerell staatsanwaltlich ermittelt wird.

DFB will klagen

Der DFB will Manfred Amerell nach seinen erneuten Anschuldigungen gegen Theo Zwanziger verklagen. Der Verband kündigte an, den ehemaligen Schiedsrichter-Funktionär wegen übler Nachrede und Verleumdung anzuzeigen. Amerell hatte dem Präsidenten des DFB einseitige Aufklärung im Schiedsrichter-Skandal vorgeworfen. "Das ist die größte menschliche Enttäuschung meines Lebens, dass ein Präsident mit so viel Erfahrung rücksichtslos über Leichen geht", hatte Amerell der Sportbild gesagt.

Vor der Präsidiumssitzung

Vor der Sitzung des DFB-Präsidiums am Freitag gerät Theo Zwanziger zunehmend in die Kritik. Das Thema sei von Anfang an "falsch angefasst" worden, kritisierte Werders Manager Klaus Allofs: "Ich glaube, dass sich der DFB da ein wenig überschätzt hat. Die Dinge gehören woanders hin", sagte der Bremer. Zudem nahm die Vorsitzende des Sportausschusses im deutschen Bundestag, Dagmar Freitag, den DFB in die Pflicht: "Ich glaube, dass es dem Fußball nicht gut tut, wie die ganze Diskussion geführt wird." Rückendeckung bekam Theo Zwanziger indes von Franz Beckenbauer. Zwanziger sei ein guter und starker Präsident, erklärte Beckenbauer. Der Präsident der Deutschen Fußball Liga Reinhard Rauball sagte: "Theo Zwanziger ist alternativlos."

Das Zukunftskonzept

Herbert Fandel, der designierte Nachfolger des Schiedsrichter-Chefs Volker Roth, will auf der DFB-Präsidiumssitzung ein Zukunftskonzept für das Schiedsrichterwesen vorstellen. Bei den Schiedsrichter-Ansetzungen soll jede Art der Multifunktionalität vermieden werden, die Benotung durch die Schiedsrichterbeobachter an Bedeutung verlieren. Zudem sollen die Inhalte und Programme der Lehrgänge modernisiert werden. Um Abhängigkeiten zu vermeiden, sollen junge Referees künftig von mehreren Mentoren betreut werden.

Theo Zwanziger droht einen Tag vor dem Gerichtstermin, am 3. März 2010 mit Rücktritt: Er verknüpft sein persönliches Schicksal mit der Schiedsrichter-Affäre und verkündet überraschend vor dem Länderspiel gegen Argentinien: "Wenn wir den Prozess verlieren, trete ich zurück".

Donnerstag, 4. März 2010, Gerichtstermin in München: Der DFB und Manfred Amerell einigen sich außergerichtlich. Amerell zieht seinen Unterlassungsantrag zurück. Der DFB darf weiter behaupten, Amerell habe in der Vergangenheit mehrere Personen sexuell bedrängt. Im Gegenzug erhält Amerell die Namen der vier Referees, die ihm sexuelle Belästigung vorwerfen. "Ich bin zufrieden mit dem Tag. Der Sinn der Sache war, dass wir die Namen kriegen", sagt Amerell. Am Abend kündigt er in einer TV-Sendung an, dass er die Belastungszeugen des DFB verklagen will. Zugleich attackiert er die DFB-Spitze um Zwanziger und nennt die Behauptung, er sei von seinen DFB-Ämtern zurückgetreten, eine "glatte Lüge". "Ich wurde erpresst, das so zu machen", sagt Amerell. Mit Blick auf sich und Kempter sagt er, Zwanziger habe die Ehre von zwei Menschen auf dem Altar der Öffentlichkeit geopfert.

Auch Theo Zwanziger zeigt sich nach dem Gerichtstermin zufrieden: "Wir haben den Fall transparent, aber mit der nötigen Vertraulichkeit gelöst. Das Ganze schadet uns nur, wenn wir Dinge unter den Teppich kehren würden. Das ist nicht der Fall". Zwanziger betont, dass er alles "im Griff" habe.

Am 5. März 2010 verkündet Manfred Amerell sein weiteres Vorgehen: Jetzt werde geklagt. "Als Erster ist Michael Kempter dran", sagt Amerell, der einen Tag später die Karriere Kempters für beendet erklärt. "Angesichts seiner Lügen kann ich mir eine Rückkehr nicht vorstellen", sagte Amerell. Gleichzeitig erneuert der Augsburger seine heftige Kritik an Zwanziger. "Der DFB hat doch das Grundrecht auf den Schutz des Privatlebens und der Intimsphäre mit Füßen getreten, als er ohne jede Rechtsgrundlage und ohne Information des Betroffenen diese Vorwürfe öffentlich gemacht hat", sagt er.

Sollte Amerell in einem möglichen Strafverfahren Recht behalten, hält Theo Zwanziger Konsequenzen für unvermeidbar. "Wenn die Aussagen aller jungen Schiedsrichter, die wir zu schützen haben, und ihre eidesstattlichen Erklärungen falsch wären. Denn dann wäre Herr Amerell das Opfer". Der Kicker berichtet, dass Zwanziger erwägt, die Vertrauensfrage zu stellen. Über die Einberufung eines außerordentlichen Verbandstages am 30. April wird diskutiert.

Am Mittwoch, 10. März 2010, kündigt der DFB wiederum an, Manfred Amerell wegen übler Nachrede und Verleumdung anzuzeigen. "Mit seinen neuesten Äußerungen in den Medien ist Herr Amerell endgültig zu weit gegangen", heißt es in der Verbandsmitteilung. Der DFB werde dem "medialen Rachefeldzug nicht weiter tatenlos zusehen und auf die beleidigenden Aussagen" reagieren. Im Deutschen Sportfernsehen unterstellte Amerell dem DFB-Chef, einem Schiedsrichter aus dessen Heimatverein den Aufstieg in die Bundesliga ermöglicht zu haben, obwohl angeblich andere Unparteiische besser bewertet worden seien. Zuvor hatte Amerell seine Angriffe auf Zwanziger verschärft: "Das ist die größte menschliche Enttäuschung meines Lebens, dass ein Präsident mit so viel Erfahrung rücksichtslos über Leichen geht".

Freitag, 12. März 2010: Ab 11 Uhr tagt das DFB-Präsidium in Frankfurt. 19 Personen beraten über die Causa Amerell. Theo Zwanziger hat sich vor der wichtigen Versammlung einige Tage zurückgezogen. Trotz massiver Kritik an seiner Person bleibt der DFB-Präsident im Amt.

Am 17. März 2010 erstreitet Amerell beim Landgericht Augsburg eine einstweilige Verfügung gegen Theo Zwanziger. Der DFB-Präsident darf demnach die Schiedsrichter-Affäre nicht mehr mit den Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche vergleichen.

Nur einen Tag später, am 18. März 2010, erwirkt wiederum Michael Kempter vor dem Landgericht Köln eine Einstweilige Verfügung gegen Amerell. Dem 63-Jährigen wird damit verboten, private E-Mails oder SMS von Kempter an ihn "zu veröffentlichen und/oder zu verbreiten".

Der DFB beschließt am 9. April 2010 bei einem Außerordentlichen Bundestag in Frankfurt/Main eine umfassende Reform des Schiedsrichterwesens. Erstmals räumt DFB-Präsident Theo Zwanziger Fehler im Umgang mit der Schiedsrichter-Affäre ein. "Vielleicht habe ich mich ein- oder zweimal zu oft geäußert", sagte Zwanziger in einem der FAZ. "Aber ich muss doch reagieren, wenn falsche Behauptungen, die sich in der Öffentlichkeit verselbstständigen, getätigt werden." Gleichzeitig gibt der DFB bekannt, dass Michael Kempter nur einen Tag später, beim Drittliga-Spiel Sandhausen gegen Kiel, sein Comeback geben wird.

Am 16. April 2010 zeigt Amerell Kempter beim DFB-Kontrollausschuss an. Er wirft ihm vor, bei einem Leistungstest im Juni 2008 Ergebnisse zugunsten von zwei Kollegen manipuliert zu haben. Kempter weist die Vorwürfe zurück, muss sich aber nun gegenüber dem DFB-Kontrollausschuss erklären.

Am 19. April 2010 erhebt Manfred Amerell neue Vorwürfe gegenüber Michael Kempter. Amerells Anwalt hat Kempter gegenüber dem Südbadischen Fußball-Verband wegen sportwidrigen Verhaltens angezeigt. Entsprechende Unterlagen sollen Kempter belasten. Nach Informationen des Tagesspiegels soll es sich um Mails handeln, in denen sich Kempter vulgär über den Regionalverband auslassen und sich beleidigend gegenüber Schiedsrichterkollegen äußern soll.

 
Leser-Kommentare
    • xguido
    • 12.03.2010 um 21:02 Uhr

    Es geht eigentlich niemanden etwas an. Theo Zwanziger Sie sind unwürdig für Ihr Amt!
    DFB -Altpräsident Mayer -Vorfelder hat die richtigen Worte gefunden, mit fast 80 Lebensjahren! Amarell hatte aufgegeben, und Sie treten nach, nur um Ihr Versagen bei Vertragsverhandlung mit Jogi Löw zu tarnen. Das ist gelungen, nur 5 Schiedsrichter bleiben auf der Strecke, und zufällig auch einer aus Ihrem Heimnatverein.....
    Schlusspiff nach der WM2010- anstandshalber- für Theo nachtreter. Amarell hat versagt, Sie jedoch ebenso!

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