ZEIT ONLINE: Herr Hitzlsperger, woran glauben Sie eigentlich?

Thomas Hitzlsperger: Ich bin getauft, katholisch erzogen und aufgewachsen. Als Kind war ich häufig in der Kirche. In dem Alter widerspricht man ja auch nicht. Mit dem Glauben habe ich mich damals nicht sehr intensiv auseinandergesetzt. Über die Jahre bin ich dann vom kirchlichen Glauben abgekommen. Für viele Menschen gibt die Kirche als Institution jedoch Halt und ist wichtig, was ich gut finde.

ZEIT ONLINE: Der in Deutschland aktuelle Missbrauchsskandal beschäftigt viele Menschen, Sie auch?

Hitzlsperger: Um sich dafür zu interessieren, muss man ja nichts direkt mit der Kirche zu tun haben. Ich habe das Gefühl, dieser Skandal nimmt immer größere Dimensionen an. Das ist sehr tragisch und muss aufgeklärt werden. Es darf nicht passieren, dass Kinder misshandelt werden. Das Problem mit dem Umgang von Kindern in Internaten oder Heimen ist aber nicht nur auf die Kirche beschränkt. In erster Linie muss den Opfern geholfen werden.

ZEIT ONLINE: Haben Sie einen persönlichen Bezug zu den derzeitig diskutierten Fällen?

Hitzlsperger: Ich kenne niemanden aus meinem Bekanntenkreis der davon betroffen ist. Ich habe aber schon mit Freunden und Familie darüber gesprochen, weil es eben ein Thema ist, das derzeit viele beschäftigt.

ZEIT ONLINE: Für wie zeitgemäß halten Sie das Zölibat?

Hitzlsperger: Auch diese Frage haben wir diskutiert. Das Zölibat und die Art und Weise wie die Kirche momentan auf die Anschuldigungen reagiert, scheint eben nicht zeitgemäß zu sein. In seinem Ostersegen hat sich der Papst nicht zu diesem Thema geäußert, die Menschen wollen aber eine Erklärung. Ich kenne mich zu wenig in kirchlichen Abläufen aus, aber es kommt einem schon der Gedanke, dass sich vielleicht auch Pädophile um ein Priesteramt bewerben, um Kindern nahe zu sein und nicht erst in der Priesterzeit solche Neigungen entwickeln. Ich habe den ZEIT-ONLINE-Artikel über das Geheimprotokoll des Kardinalssekretär gelesen. Wenn dem Papst solch wichtige Dokumente nicht bekannt waren, dann ist im System Kirche etwas falsch.

ZEIT ONLINE: Sie wohnen seit einigen Wochen in Rom. Haben Sie den Papst schon mal gesehen?

Hitzlsperger: Bisher noch nicht. Obwohl wir ja fast den gleichen Weg hinter uns haben. Joseph Ratzinger kommt aus der gleichen Ecke in Bayern wie ich. Ich bin ihm quasi gefolgt ...

ZEIT ONLINE: ... und waren noch nicht mal auf dem Petersdom?

Hitzlsperger: Fast alle, die mich hier besucht haben, schwärmen davon. Ich werde mich heute in die Warteschlange einreihen und hoffentlich nicht den ganzen Vormittag anstehen müssen, um in den Petersdom zu kommen.

ZEIT ONLINE: Stimmt die Wahrnehmung: Die Menschen versammelten sich während der Osterfeiertage lieber in Scharen vor Apple-Stores als in der Kirche – Irdisches als Ersatzreligion?