Schach-WM Der Blackout von Sofia
Stromausfall! Schachweltmeister Anand und sein Herausforderer Topalov saßen bei der fünften Partie in Sofia plötzlich im Dunkeln. Und Ulrich Stock war dabei.
Wenn ein Schachspieler nichts mehr sieht, ist das fürchterlich: Die Schachblindheit schlägt hier und da mal zu und trifft gelegentlich auch große Meister. Dann stellt man einzügig eine Figur ein, und das war’s – und alle Zuschauer schütteln mit dem Kopf, wie das geschehen konnte.
Dass zwei der besten Schachspieler, Viswanathan Anand und Wesselin Topalov, die seit einer Woche in Sofia um den Titel des Weltmeisters kämpfen, gleichzeitig einen Blackout haben, ist ganz unwahrscheinlich, und doch ist es geschehen. Am Freitag um 15.33 Uhr, sie hatten eben erst eine halbe Stunde gespielt, und Weiß – Topalov – hatte gerade seinen 17. Zug gemacht, da flackerte für eine Sekunde das Licht über der Bühne, und dann fiel der Strom aus.
Die Bühne mit dem Schachbrett und den beiden Spielern, die zwei Schiedsrichter an ihren Tischen, die 50 Zuschauer im Saal, alles war in kompletter Dunkelheit. Man sah überhaupt nichts mehr.
Nun ist der Militärklub ein altes, schönes, fensterreiches Gebäude, aber wohl um immer gleichmäßige Lichtbedingungen zu haben, hat man im großen Saal alle Fenster verhängt, und es gibt nur elektrische Beleuchtung. Dass die ausfällt, war nicht vorgesehen.
Es ward dunkel, und es blieb dunkel. Auf der Bühne und im Saal blieb es ruhig. Niemand sprach, niemand bewegte sich. Es hatte auch niemand eine Taschenlampe dabei. Man hörte auch keine Schritte, niemand ging Hilfe holen oder eine Kerze. Es passierte gar nichts.
Vielleicht weil man der Meinung war, dass der Strom gleich wiederkommen müsse. Es blieb aber dunkel. Das Publikum begann zu tuscheln, die Saalwächter rührten sich nicht vom Fleck. Wahrscheinlich hat man ihnen eingeschärft, bei ungewöhnlichen Situationen die Ruhe zu bewahren und für Ruhe zu sorgen. So hörte man sie zischen mit ein paar bulgarischen Vokabeln, man solle still sein. Und so wurde es wieder ruhig im Saal, und nichts geschah, und es blieb dunkel.
Auch von der Bühne kam kein Ton. Topalov und Anand – das wäre jetzt die Gelegenheit zu einem kleinen Schwätzchen gewesen. Aber Topalov hatte ja für sich vor dem Wettkampf erklärt, er wolle den sogenannten Sofia-Regeln folgen, mit denen der bulgarische Schachverband die Welt beglücken will. Und die Sofia-Regeln sagen: nicht mit dem Gegner sprechen. Anand seinerseits hatte vielleicht in diesem Moment auch keine Lust auf ein Gespräch, denn er hatte Schwarz, war am Zug, und die Stellung war nicht ganz ohne.
Das Gegenteil von Schachblindheit ist Blindschach. Das spielen Spitzenspieler ohne Ansicht des Brettes, nur im Kopf, kraft ihrer Imagination. Anand ist ein hervorragender Blindschachspieler. Er hätte die geschenkte Zeit nutzen können, die Stellung weiterzuanalysieren. Denn die elektrische Schachuhr war auch ausgefallen, jedenfalls nicht mehr zu sehen.
Ob Anand so cool war, einfach weiterzudenken, wird er vielleicht später verraten. Tunlichst nicht gleich, denn möglicherweise verstößt es gegen die Sofia- oder sonstige Regeln. Bei Stromausfall Gedanken anhalten.
Es war dunkel, es blieb dunkel. Wer seine Uhr nicht ablesen konnte, tat sich schwer mit der Schätzung, wie lange. Irgendjemand auf der Bühne knipste dann plötzlich ein Handylicht an und hielt es in Richtung der Spieler. Es war einer der eindrücklichsten und geisterhaftesten Momente der WM. Wie die beiden da kurz und schemenhaft aus der Dunkelheit auftauchten, bewegungslos am Brett sitzend, als wäre gar nichts geschehen.
Bulgarien gegen Indien – wo fällt öfter der Strom aus? Und wie ist es in Spanien, wo die beiden leben? Sie blieben ruhig, und niemand verfiel in Panik. Irgendjemand kam dann auf die Idee, hinten im Saal eines der verhängten Fenster zu öffnen, aber das Sonnenlicht dieses heißesten Tages bisher fiel nur in den halben Saal. So wartete man.
Nach dreizehn Minuten ging das Licht wieder an. Aber wie! Die Mitte der Bühne wird von sechs Scheinwerfern an der Decke ausgeleuchtet. Die eigentliche Arena, das Brett, wird aus einem mittig angebrachten Flutlichtkasten strahlend weiß erhellt.
Im Kasten befinden sich mehrere Strahler, die nun verrückt spielten. Abwechselnd gingen sie an und aus. Es war ein irres, starkes, arrhythmisches Flackern, der Schachweltmeister und sein Herausforderer saßen plötzlich in der Disco. Das ging auch eine ganze Weile, bis der eine Schiedsrichter auf Englisch in den Saal rief, jemand solle das ausschalten, so könne man nicht spielen.
Der andere Schiedsrichter hatte sich inzwischen der elektronischen Uhr angenommen und sie wieder in Betrieb gesetzt. Es konnte weitergehen. Allerdings nur für die Spieler. Denn der Projektor, der die aktuelle Stellung über die Köpfe der beiden an die Wand warf, lief nicht. Das Publikum sah die Spieler wieder, aber das Spiel nicht mehr.
Anand griff nach einer Figur und zog sie nach vorn. War es der Springer? Jetzt hätte man in diesem Theatersaal oben sitzen mögen, auf einem der prächtigen, roséfarbenen Balkone, mit einem Opernglas bewehrt, wie in der alten Zeit.
Erst um 16.10 Uhr, also nach 37 Minuten, war alles wieder so, wie es sein sollte.
Wie sich später herausstellte, war halb Sofia ohne Strom. Die Veranstalter haben gleich beim E-Werk angerufen, dass man den Strom schnell wieder einschalten soll. Hat dann doch gedauert. Und das Notstromaggregat? Wird nächstes Mal eingesetzt!
Die Partie endete übrigens nach 44 Zügen unentschieden. Sie wurde eine Wiederauflage der dritten, zäh, ereignisarm. Topalov ist es abermals nicht gelungen, die Slawische Verteidigung Anands zu knacken. Ein halber Punkt für den Herausforderer – und bei diesem Turnierverlauf so etwas wie eine kleine Niederlage. Drei zu zwei für den Weltmeister. Am Sonnabend hat Anand Weiß.
- Datum 30.04.2010 - 19:42 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE
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... hoffentlich bald auch in den Köpfen des Herausforderers und seiner Sekundanten, die ihren Matador jetzt schon das zweite Mal in eine dustere Sackgasse geschickt haben. Erst den katalanischen Folterstiefel angezogen, dann hinein in die slawische Zementtonne - und ab ins Hafenbecken der Erfolglosigkeit. Jeder Kleinmeister oder Patzer stellt sich doch die Frage: Wie lege ich die nächste Partie an, wenn ich sie unbedingt gewinnen muß? Scharf natürlich, mit Risiko. Also sollten wir morgen so etwas wie Wolga-Gambit oder einen Holländer (Leningrader Variante)erleben. Schön wär's ...
Eigentlich hatte ich heute schon eine andere Eröffnung erwartet von Topalov. Aber vielleicht hatten das alle erwartet, auch sein Gegner, und die größere Überraschung lag im zweiten Versuch. Sollte dem so gewesen sein, hat das auf der psychologischen Ebene aber auch nicht richtig geklappt. Topalov hätte in der alten Variante einen neuen Zug bringen müssen. Es war aber Anand, der als erster abwich. So hatte er es auch in Bonn gemacht mit Kramnik.
Topalov hat Ladehemmung. Woran liegt's? Der australische Großmeister und Schachjournalist Ian Rogers vermutete schon nach vierten Partie dies – und die Ereignisse heute haben ihn bestätigt:
"Much was made before the match of Anand's understanding versus Topalov's determination and attacking flair but at the moment it seems what really counts in this world title contests is deep opening preparation against your opponent's favorite systems and the technique to finish off the game after you have achieved an advantage." Ausführliche Betrachtungen dazu in seinem Blog-Eintrag aus Sofia für die amerikanische Schachföderation USCF: http://main.uschess.org/c...
Eigentlich hatte ich heute schon eine andere Eröffnung erwartet von Topalov. Aber vielleicht hatten das alle erwartet, auch sein Gegner, und die größere Überraschung lag im zweiten Versuch. Sollte dem so gewesen sein, hat das auf der psychologischen Ebene aber auch nicht richtig geklappt. Topalov hätte in der alten Variante einen neuen Zug bringen müssen. Es war aber Anand, der als erster abwich. So hatte er es auch in Bonn gemacht mit Kramnik.
Topalov hat Ladehemmung. Woran liegt's? Der australische Großmeister und Schachjournalist Ian Rogers vermutete schon nach vierten Partie dies – und die Ereignisse heute haben ihn bestätigt:
"Much was made before the match of Anand's understanding versus Topalov's determination and attacking flair but at the moment it seems what really counts in this world title contests is deep opening preparation against your opponent's favorite systems and the technique to finish off the game after you have achieved an advantage." Ausführliche Betrachtungen dazu in seinem Blog-Eintrag aus Sofia für die amerikanische Schachföderation USCF: http://main.uschess.org/c...
Eigentlich hatte ich heute schon eine andere Eröffnung erwartet von Topalov. Aber vielleicht hatten das alle erwartet, auch sein Gegner, und die größere Überraschung lag im zweiten Versuch. Sollte dem so gewesen sein, hat das auf der psychologischen Ebene aber auch nicht richtig geklappt. Topalov hätte in der alten Variante einen neuen Zug bringen müssen. Es war aber Anand, der als erster abwich. So hatte er es auch in Bonn gemacht mit Kramnik.
Topalov hat Ladehemmung. Woran liegt's? Der australische Großmeister und Schachjournalist Ian Rogers vermutete schon nach vierten Partie dies – und die Ereignisse heute haben ihn bestätigt:
"Much was made before the match of Anand's understanding versus Topalov's determination and attacking flair but at the moment it seems what really counts in this world title contests is deep opening preparation against your opponent's favorite systems and the technique to finish off the game after you have achieved an advantage." Ausführliche Betrachtungen dazu in seinem Blog-Eintrag aus Sofia für die amerikanische Schachföderation USCF: http://main.uschess.org/c...
Ich verstehe auch nicht, warum sich Topalov so zögerlich verhält. Anand spielt bekanntlich gerne tunesisch bis zaristisch; seine Schwäche dabei sind die Bauern.
Tupulev sollte hier gezielt angreifen, sonst besteht keine Chance mehr, Anand zu besiegen. Vielleicht mit einer kroatischen Eröffnung, die er dann langsam in eine norwegische Stellung überführt?
Nun, wir werden sehen. Vielleicht hat er einen Plan, den wir nur noch nicht verstehen.
dass Topalov einen neuen Zug in petto hatte?
Anand war eben einfach schneller mit seiner Neuerung. Ob diese (...h5) überhaupt stark war? Abwarten. Seinen Bauern im Endspiel auf einem weißfeldrigen Feld dem gegnerischen Läufer für den Rest der Partie auf dem Silbertablett anzubieten ist nicht jedermanns Geschmack. Anands aktives Gegenspiel war jedenfalls beeindruckend.
Ich habe mich gefragt, warum Topalov nicht auf 1.e4 umsteigt, im Sizilianer gilt er als gefährlicher Gegner.
Habe dazu gerade mal in meiner Datenbank nachgeschaut:
Topalov müsste davon ausgehen, dass Anand auf den scharfen Sizilianer verzichtet und entweder mit der Russischen Verteidigung "Beton anrührt" oder Spanisch antwortet. Einen Weißsieg von Topalov gegen Anand mit diesen Eröffnungen habe ich jedenfalls nicht in der Datenbank gefunden.
Also wohl weiter mit 1.d4
Wird Topalov also überschätzt?
Woher dann aber sein Rating?
Wurde Anand also unterschätzt?
Wenn es so weiterläuft, wird das jedenfalls nix mit einem neuen Weltmeister.
... dann aber in ein serbokroatisches Endspiel münden, und das wollen vermutlich beide vermeiden.
Wird Topalov also überschätzt?
Woher dann aber sein Rating?
Wurde Anand also unterschätzt?
Wenn es so weiterläuft, wird das jedenfalls nix mit einem neuen Weltmeister.
... dann aber in ein serbokroatisches Endspiel münden, und das wollen vermutlich beide vermeiden.
Wird Topalov also überschätzt?
Woher dann aber sein Rating?
Wurde Anand also unterschätzt?
Wenn es so weiterläuft, wird das jedenfalls nix mit einem neuen Weltmeister.
Danke für diesen wunderbaren Satz!
... dann aber in ein serbokroatisches Endspiel münden, und das wollen vermutlich beide vermeiden.
Wohl kaum - allerdings fußt sein Rating auf fulminanten Turniererfolgen, in denen er Runde für Runde auf jeweils einen anderen Gegner traf und die meisten von ihnen mit originellen Zügen und viel Kampfkraft abschlachtete (s. 1. Partie gg. Anand). Kleinere Hänger im Turnierverlauf konnte er so meistens kompensieren. Das verbindet ihn mit dem Senkrechtstarter Magnus "Wicki" Carlsen, der sich ab und zu eine fette Niederlage einhandelt und am nächsten Tag nach dem Motto "Neues Spiel - neues Glück" scheinbar ungerührt neu angreift. Dieser Stil zehrt ungemein und ist deshalb auch bei Anand und Kramnik nicht mehr anzutreffen - weshalb sie bisweilen als "Goldies but Oldies" leicht verunglimpft werden. Die Ökonomie, ein "stabilisierendes" Remis einzuschieben, ist bei Matches noch mehr gefragt - und Topalov ist kein typischer Matchkämpfer, abgesehen davon, daß dieses Match vermutlich der letzte WM-Kampf für ihn sein wird. Die jungen hungrigen Wölfe lauern schon hinter der Ecke.
Und die putzigen Eröffnungsbezeichnungen, die "Käferfreund" karikiert hat? Darüber könnte man ein ganzes Dschungel-Buch (Indisch, ich sage nur: Indisch) schreiben (wenn nicht schon vorhanden?). Wie wäre es denn mit der danach wohl schönsten Eröffnung in der nächsten Partie? Als Tartakower in New York im Zoo spazieren ging, hat es ihm besonders ein Orang-Utan an der Käfigstange angetan: Was zieht T.? 1. b2-b4 und nennt die Neuerung "Orang-Utan". Oder mal hippologisch 1. Sf3 Sc6 - "Black Mustang" wiehert!
Das waren Zeiten: Eröffnungsvorbereitung im Zoo!
Das waren Zeiten: Eröffnungsvorbereitung im Zoo!
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