Deutschland im Jahr 2010: Die Angst, als homosexueller Profi-Schiedsrichter zu gelten, ist offenbar groß © sör alex / photocase.com

Hilko Paulsens sportliches Outing war nicht ganz freiwillig. Ein Schiedsrichter-Kollege hatte ihn vor fünf Jahren händchenhaltend mit seinem Freund in der Stadt gesehen. Als Paulsen darauf angesprochen wurde, entschloss er sich, nichts mehr zu verheimlichen. Auch nicht auf den Plätzen der Bezirksliga Mittelrhein. "Ich habe mich aber nicht irgendwo hingestellt und gerufen 'Guckt mal, ich bin schwul'". Stattdessen streckte er behutsam seine Fühler aus und tastete sich langsam vor. Seinen beiden Linienrichtern vertraute er sich früh an, dann folgten Kollegen und Mitglieder des Schiedsrichterausschusses. "Alle sind sehr sachlich damit umgegangen. Negative Reaktionen gab's gar nicht", erinnert er sich. Auch von Spielern, Trainern und Zuschauern kamen keine dummen Sprüche.

Gleich im ersten Interview nach seinen Vorwürfen gegen den Schiedsrichterfunktionär Manfred Amerell beteuerte Michael Kempter , dass er nicht schwul sei. Ob das stimmt oder nicht, ist seine Privatsache. Bemerkenswert ist, wie wichtig es ihm war, die Vermutungen zu dementieren. Die Angst, als homosexueller Profi-Schiedsrichter zu gelten, ist offenbar groß. Im deutschen Fußball gibt es keinen, der offen schwul ist . International steht John Blankenstein, der das Champions-League-Endspiel zwischen Borussia Dortmund und Juventus Turin leitete, ziemlich allein da. Der 2006 verstorbene niederländische Referee war ein bekannter Aktivist für die Rechte Homosexueller.

Hilko Paulsen war oft der einzige, der beim Schulhof-Kick in der Grundschule nicht mitmachte. Mit fehlender Leidenschaft für den Sport hatte das aber nichts zu tun. Paulsen leitete lieber das Spiel, das konnte keiner so gut wie er. Zehn Jahre später fing er an, bei den Erwachsenen im Raum seiner Heimatstadt Euskirchen zu pfeifen. Und irgendwann fand er heraus, dass bei ihm noch etwas anders ist. Dass er Männer sexuell viel anziehender findet als Frauen.