Mein Geld wäre auf Anand
ZEIT ONLINE: Inzwischen sind in der aktuellen Partie 26 Züge gespielt, schauen wir noch kurz auf die aktuelle Stellung?
Kramnik: Gerne. Der Computer findet, dass es ausgeglichen ist, aber sorry, ich glaube es nicht. Praktisch ist die Stellung besser für Weiß. Anands Stellung spielt sich leichter. Die Frage ist, ob es zu einem Gewinn reicht oder nicht.
ZEIT ONLINE: Und wer, meinen Sie, gewinnt das Match?
Kramnik: Mein Geld wäre auf Anand.
ZEIT ONLINE: Anand ist schon 40. Warum spielt er noch so stark?
Kramnik: Weil er einer der richtig Großen ist. Und weil er sehr professionell lebt. Natürlich hat er nicht mehr so viel Energie. Er konzentriert alles darauf, bei der WM in Topform zu sein. Meinem Eindruck nach spielt Vishy besser denn je. Die vergangenen drei Jahre waren die besten seiner Karriere. Das mag merkwürdig klingen, weil er schon 40 ist. Aber auch Iwantschuk und Gelfand spielen mit 40 ihr bestes Schach. Das gibt mir Hoffnung. Vielleicht werde ich das auch noch schaffen.
ZEIT ONLINE: Sie sind 35. Trauen Sie sich zu, noch einmal WM-Herausforderer zu werden?
Kramnik: Sicher. Ich habe mich in letzter Zeit verbessert. Es war nicht so angenehm, dass ich als Verlierer der vergangenen WM nicht ins Kandidatenturnier gesetzt worden bin. Da wurde für mich, glaube ich, erstmals eine Ausnahme gemacht. Aber ich bin jetzt qualifiziert.
Anands Vorteil wurde bald größer und größer. Alle Kommentatoren waren sich einig, dass der Inder mehrere Gewinnwege ausließ, bis die neunte Partie nach 83 Zügen Remis endete.
ZEIT ONLINE: Wie haben Sie das Ende der Partie gesehen?
Kramnik: Topalov war mausetot. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal so viel Glück gesehen habe. Es grenzt an ein Wunder, dass er nicht verloren hat. Vishy wird sehr enttäuscht sein.
Das Gespräch führte Stefan Löffler
- Datum 07.05.2010 - 18:15 Uhr
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