Schach-WM Iwan sei Dank
Mit Schwarz schlägt sich Topalov erstmals eindrucksvoll gegen Anand. Hinterher dankt er seinem Sekundanten Cheparinov. Über die siebte Partie in Sofia schreibt Ulrich Stock.
© World Chess Championships

Die siebte Partie war eine der besten bisher: Mit Schwarz am Zug, Wesselin Topalov
Für eine Halbzeitbetrachtung der Schachweltmeisterschaft ist es nach sieben von zwölf angesetzten Runden zu spät. Aber es hat auch sein Gutes, mal etwas zu verpassen. Denn nach der spektakulären siebten Runde am Montagnachmittag in Sofia fällt eine Zwischenbilanz doch anders aus, als sie nach der sechsten ausgefallen wäre.
Dabei hat sich am Punktestand soviel nicht verändert. 4:3 steht es für den Titelverteidiger Viswanathan Anand, er liegt nach wie vor in Führung – so verdient wie zu Recht knapp. Der WM-Kampf, den er nach einer furiosen Auftaktniederlage bislang virtuos geführt hat, kann sich noch drehen. Dies zeigte die erste Partie der zweiten Halbzeit, in der Anands Herausforderer, Wesselin Topalov, endlich mal richtig Gas gab und dem Chef Probleme stellte.
Topalov mit den schwarzen Steinen hatte sich abermals auf Anands quälerisches Katalanisch eingelassen. Aber diesmal quälte der Herausforderer zurück. Materiell zunächst in der Vorhand, klammerte sich Schwarz nicht wie in den vorigen Partien an den von Weiß geopferten Bauern. Er gab ihn gleich zurück und entkorkte überdies noch eine sogenannte "Qualität", das heißt, er gab seinen in der Ecke noch völlig unbewegt und wirkungslos herumstehenden Damenturm gegen den auf der großen Diagonale des Brettes machtvoll agierenden weißen Läufer.
Zwar ist ein Läufer nominell weniger wert als ein Turm, weil er nur die Felder einer Farbe bestreichen kann, der Turm aber alle Felder; Schachspieler nennen das den "Qualitätsunterschied". Anands katalanischer Läufer hatte aber schon, als er den Turm nahm, dreimal gezogen, mit seinem Verschwinden vom Brett ging auch die Zeit verloren, die in seine Entwicklung investiert worden war. Zudem hatte der Läufer auch die weißen Felder am Königsflügel gesichert; indem er sich gegen den Turm abtauschte, hinterließ er Schwächen, auf die Topalov sich sogleich, einen weiteren Bauern anbietend, stürzte. Bald hatte er sogar eine Figur weniger, dafür aber weit vorgerückte Bauern, die mit Durchmarsch und Umwandlung drohten.
Anand verteidigte sich umsichtig; er brauchte Zeit. Nach 21 Zügen hatte er mehr als eine Stunde auf der Uhr, Topalov nur wenige Minuten. Der fing jetzt erst an zu überlegen. Was allen Beobachtern klar war, bestätigte der Herausforderer auf der Pressekonferenz nach dem Spiel: Dies war eine vorbereitete Variante, Topalov nannte auch ihren Urheber; es war sein bulgarischer Landsmann, Freund und Sekundant, Iwan Cheparinov. Der 23-jährige Großmeister versteht sich auf messerscharfe Eröffnungen. Spielt er selber, zeigt er ähnliche Kommunikationsschrullen wie Topalov. Aufsehen erregte vor zwei Jahren der verweigerte Handschlag vor einer Partie mit dem Engländer Nigel Short.
Die siebente Partie bot kritische materielle, positionelle und zeitliche Schieflagen; es war eine der besten bisher. Sie erinnerte an den Beginn des Wettkampfes, als Topalov Anand mit einer Eröffnungsvariante überraschte und komplett auseinandernahm. Dieses Mal hat der Weltmeister sich wehren können, am Ende gar einen Gewinnversuch unternommen, der dann nur ein Remis ergab. Die Sache war aber knapp.
Topalov hat seine Gefährlichkeit gezeigt, auch die seiner Eröffnungen, über deren Wahl unter den Schachreportern in den vergangenen Tagen schon gespottet wurde. Offenbar sucht er die Feldschlacht ohne das allerletzte Risiko; er scheint sie nun im strategisch fundierten Opfer gefunden zu haben. Geschenkt wurde ihm in dieser Schwarzpartie nichts. Die Chancen hat er sich mit seinem Team geschaffen. Das kann ihm Auftrieb geben.
Am Dienstag um 14 Uhr wird in Sofia die
achte Partie
beginnen, Aufschlag Topalov.
- Datum 04.05.2010 - 13:57 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE
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