Schach-WM Springreiten auf 64 Feldern

Halbzeit nach der sechsten Partie: Anand hat seinen Vorsprung gegen Topalow nicht ausbauen können, erwies sich aber als guter Jockey. Aus Sofia berichtet Ulrich Stock.

Auf dem Weg zum Brett: Wesselin Topalow (Mitte)

Auf dem Weg zum Brett: Wesselin Topalow (Mitte)

Es gibt Dinge, die wir Schachreporter nicht wissen, und solche, die wir nicht fragen. Hat der Herausforderer Wesselin Topalow im Sofioter Grand Hotel eine Suite nach vorne hinaus? Keine Ahnung, und es wird auch nicht verraten. Aber sollte er ein Schlafzimmer mit Blick auf den Park und den Brunnen und auf den großen Platz davor haben, dann hat er am Samstag nicht lange schlafen können, denn unten versammelten sich Chöre zum Singen. Das Geheimnis der bulgarischen Stimmen – hier konnte man es ergründen.

Das Folklores Ansamblis Vecvarkava zum Beispiel: alte Frauen unter Spitzenhäubchen, in wollene Stolas gegen die Hitze gehüllt, junge Mädchen mit Zöpfen oder Blumenkränzen im Haar. Dazu ein Akkordeon und ein Schellenbaum – wirklich der Ast eines Baumes mit Schellen daran! Und dann ging’s aber los. Schräg, um nicht zu sagen schrill. Und laut!

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Hat Topalov sich die Finger in die Gehörgänge geschoben, wie er es am Brett gelegentlich tut? Oder hat er das Fenster geöffnet, um sich zu stimulieren mit den Klängen der Heimat, sich aufzuladen mit all dieser vokalen Energie damit es seinem Widerpart, dem Weltmeister Anand, endlich einmal die Sprache verschlägt? Wir Schachreporter wissen es nicht. Wir lungern nicht in den Lobbys oder in den Büschen, um den Idolen nahezukommen. Wir warten, dass sie sich ans Brett setzen und ziehen.

Obwohl – wie die Helden am Sofioter Militärklub vorgefahren werden, das wäre schon was für Paparazzi. Sie kommen immer viertel vor drei in zwei identischen Mercedes-Limousinen, die sich nur im Nummernschild geringfügig unterscheiden. CA 4857 HH lautet das Kennzeichen des einen, CA 4858 HH das des anderen. Vielleicht wird beim Holen und Bringen täglich gewechselt, damit beide auch ja gleich behandelt werden. Bedrohliches rotes Licht flackert vorne aus den Schlitzen der Motorhaube, die Fenster sind geschwärzt, natürlich gibt es eine Polizeieskorte, macht schon was her.

Anand wohnt im Hilton, das ist etwas weiter weg. Topalow könnte vom Grand Hotel auch zu Fuß gehen, wäre wahrscheinlich schneller als mit dem Auto. An den Folkore-Ensembles vorbei und an den Schachspielern im Park. Ihn wird niemand fragen, um zwei Leva zu spielen: Man kennt ihn hier.

Eine Frage, die alle Schachreporter im Kopf haben, die sie in ihren Artikeln auch stellen, aber bisher noch auf keiner Pressekonferenz, ist die nach den Eröffnungen Topalows. Beharrlich hält er an seinem Programm  fest, auch mit Schwarz, mit jener Farbe, mit der er bisher stets in Bedrängnis geriet. In der sechsten Partie , am Samstag, zum Ende der ersten Hälfte des Turniers, so lautete doch schon eine Erwartung, da würde er sich gegen Anand nicht wieder auf Katalanisch einlassen, jene seltsame Variante des Damengambits, in der Weiß vorübergehend einen Bauern gibt für einen fiesen kleinen Druck.

Aber komisch, Topalow wird so vieles zugeschrieben. Seine Unbeherrschtheit, sein Siegeswille, sein immer neues Ansetzen, sein Nichtlockerlassen. So viel war letzthin davon nicht zu sehen. Vielleicht ist er im Gegenteil ganz beherrscht, wartet auf seine Chance, die noch kommen wird. Und muss, will er sich nicht vor ganz Bulgarien blamieren.

Topalow ließ sich wieder auf Katalanisch ein. Und wieder war es Anand, der nicht auf eine Überraschung wartete, sondern im 10. Zug von seinem bisherigen Aufbau abwich. Vor einem gut gefüllten Saal (Wochenende!) entspann sich ein eigentümlicher Kampf, der nach dem frühen Abtausch der Damen mehr ans Springreiten erinnerte als an eine Schachpartie. Anand machte im Mittelspiel dreizehn Züge nacheinander nur mit seinen Springern. Als er den einen Springer im 33. Zug abtauschte, hatte der einen eindrucksvollen Parcours hinter sich: b1-a3-c4-e5-d7-c5-b7-d6-c8-a7-c6-b4-d5-b6!

Und das fehlerfrei! Anand kämpfte mit seinen zwei weißen Springern gegen zwei schwarze Läufer. Die Stärke des Läuferpaares im Schach ist legendär. Stehen sie nebeneinander, können sie eine Schneise durch das ganze Brett schlagen. Die Springer dagegen sind kurzschrittig und arbeiten nicht so gut zusammen. Topalov hatte, so gesehen, einen Vorteil. Das war aber auch schon alles. Weiß hatte die einzige offene Linie mit gleich zwei Türmen besetzt und würde sich früher oder später den vereinzelten schwarzen Bauern im Zentrum zu Gemüte führen.

Topalow versuchte nun, seine Läufer herauszubekommen, auf gute Felder zu stellen, um endlich mal loszulegen. Anand, der gewiss nicht zufällig in diese Konstellation geraten war, demonstrierte dem Publikum, dass eine grundlegende Schachweisheit wie die von der Überlegenheit des Läuferpaares immer an einer konkreten Stellung gemessen werden muss. Und in dieser Stellung war es eben anders, es war wieder eine typische Quälstellung.

Als sich Topalow schließlich herausgewunden hatte, war ein Läufer schon vom Brett verschwunden, und er hatte zeitweise sogar einen Bauern weniger. So endete diese Partie wie die vorige: unentschieden.

Auf der Pressekonferenz fragte wieder einmal keiner nach anderen Eröffnungen. Auch Schachreporter haben ja ihren Stolz, denn sie wissen: So blöd ist Topalow ja nun auch nicht. Es steht somit 3,5 zu 2,5. Zur Halbzeit wechselt der übliche Farbrhythmus. Nach einem Ruhetag wird Anand am Montag erneut mit Weiß eröffnen. Katalanisch?

Eine lesens- und sehenswerte Analyse der sechsten Partie finden wir auf chessvibes , dem Blog von Peter Doggers.

 
Leser-Kommentare
  1. Vielen Dank für diese amüsanten Berichte zur Schach-WM. Ich lese sie mit Vergnügen.
    Ein kleiner Einwurf. Soweit mir bekannt ist ein Springerpaar keineswegs dem Läuferpaar unterlegen, speziell im Mittelspiel wenn das Brett noch gut gefüllt ist.

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    Redaktion
    • stock
    • 01.05.2010 um 23:53 Uhr

    Nun hat das Brett aber die Tendenz sich zu leeren. Voller wird es nie. Und je leerer, desto Läuferpaar. Fragen Sie 100 Schachspieler, ob sie ein Läuferpaar oder ein Springerpaar haben wollen in Unkenntnis der Stellung: 95 nehmen das Läuferpaar. (Vielleicht auch 96.)

    Zu den Ausnahmen zählen Blitzschachspieler, die so lange mit ihren Pferden herumhüpfen und drohen, bis sie tatsächlich was aufgabeln oder die gegnerische Bedenkzeit abgelaufen ist.

    Insofern muß man Anand danken für die Lektion: Diese Partie mit ihrer rekordverdächtigen Zahl konsekutiver Springerzüge könnte in die Lehrbücher eingehen als instruktive Ausnahme von der Regel.

    Redaktion
    • stock
    • 01.05.2010 um 23:53 Uhr

    Nun hat das Brett aber die Tendenz sich zu leeren. Voller wird es nie. Und je leerer, desto Läuferpaar. Fragen Sie 100 Schachspieler, ob sie ein Läuferpaar oder ein Springerpaar haben wollen in Unkenntnis der Stellung: 95 nehmen das Läuferpaar. (Vielleicht auch 96.)

    Zu den Ausnahmen zählen Blitzschachspieler, die so lange mit ihren Pferden herumhüpfen und drohen, bis sie tatsächlich was aufgabeln oder die gegnerische Bedenkzeit abgelaufen ist.

    Insofern muß man Anand danken für die Lektion: Diese Partie mit ihrer rekordverdächtigen Zahl konsekutiver Springerzüge könnte in die Lehrbücher eingehen als instruktive Ausnahme von der Regel.

  2. Redaktion
    • stock
    • 01.05.2010 um 23:53 Uhr

    Nun hat das Brett aber die Tendenz sich zu leeren. Voller wird es nie. Und je leerer, desto Läuferpaar. Fragen Sie 100 Schachspieler, ob sie ein Läuferpaar oder ein Springerpaar haben wollen in Unkenntnis der Stellung: 95 nehmen das Läuferpaar. (Vielleicht auch 96.)

    Zu den Ausnahmen zählen Blitzschachspieler, die so lange mit ihren Pferden herumhüpfen und drohen, bis sie tatsächlich was aufgabeln oder die gegnerische Bedenkzeit abgelaufen ist.

    Insofern muß man Anand danken für die Lektion: Diese Partie mit ihrer rekordverdächtigen Zahl konsekutiver Springerzüge könnte in die Lehrbücher eingehen als instruktive Ausnahme von der Regel.

    Antwort auf "Springer"
  3. Was lese ich gerade auf "chessvibes"?! "The worst elephant is better than the best horse" (Shipov, russ. Sentenz). Dann ab in den Zoo, zu Uralt-Wärter Tschigorin (Guru der Springerpaar-Sekte), der ihm hierfür eine Watsch'n verabreicht hätte! Wer sind denn hier die Elefanten? Graziös tänzeln sie durchs Gelände und treten den Bischöfen (s. Mütze mit Kreuz) wahlweise auf die Füße. Der schwarzfeldrige B. ist sowieso nur ein besserer Großbauer. Der Tango mit Anfassen hat leider nach 29. Sa7 (Sd6!) ein Ende - übrig bleibt der weißfeldrige B., der später grimmig auf h3 mit Exkommunikation droht, nachdem sich sein Zar Vesko entschlossen hat, seine ohnehin schwachen (weil vorgerückten) Bauern in den Orkus zu entlassen und stattdessen mit den richtigen Elefanten, den Türmen, zu stürmen.
    Imponiert hat mir am Ende der Partie eine andere Geste: Als Vishy in gedrückter, dennoch Remisstellung die Zugwiederholung anbot (45. Se4), spielte Vesko 46. Td3, um später selbst das Remis zu forcieren. Das erinnert mich an eine Szene im Zoo: Es ist Feierabend, der Chef will gerade die letzte Tür zuschlagen, da ruft ein Witzbold: Feddich. Dreht sich der Hausherr um, spricht hoheitsvoll: Wer sagt hier Feddich? Wenn ich sage, Feddich, ist Feddich. Feddich!

  4. Von der Theorie her ist das Springerpaar den beiden Läufern
    unterlegen, weil es bekanntlich allein nicht matt setzen
    kann. Andererseits ist richtig, daß ein Springer dem Läufer
    in geschlossenen Stellungen überlegen ist.
    Die Konstellation von Springer- gegen Läuferpaar kommt nach
    meinen Beobachtungen in Großmeisterpartien außerordentlich
    selten vor.
    In der vorliegenden Partie hatte ich zeitweise den Eindruck, daß Topalev die Initiative hatte und Anands viele
    Springerzüge mehr eine Flucht waren.

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