Trainer Thomas Tuchel "Bei der Mannschaftsfeier stehe ich nicht auf dem Tisch"
Thomas Tuchel ist der Traineraufsteiger der Saison. Ein Gespräch über die Identität des FSV Mainz, Regeländerungen im Fußball und sein distanziertes Verhältnis zu den Spielern.
© Thorsten Wagner/Bongarts/Getty Images

Thomas Tuchel: "Wir in Mainz pflegen einen bestimmten Umgang mit Spielern und achten auf eine harmonische Atmosphäre"
ZEIT ONLINE: Herr Tuchel, hat der FSV Mainz 05 eine Identität und was muss ein Trainer dabei berücksichtigen?
Tuchel: Zum ersten ist es unsere Spielweise: dynamisch und vorwärts verteidigend. Zum zweiten pflegen wir einen bestimmten Umgang mit Spielern und achten auf eine harmonische Atmosphäre. Zum dritten hat der Club den Mut, bei der Trainerwahl nicht nur auf prominente Namen zu schauen. Sonst wäre ich jetzt nicht hier.
ZEIT ONLINE: Unter Mainzer Fans gab es Unmut, dass Sie verdiente Spieler aussortiert haben. Etwa den Aufstiegshelden Daniel Gunkel oder den Publikumsliebling Milorad Pekovic, der von den Mainzer Fans sogar für Gelbe Karten bejubelt wurde. Ist das der schwierigste Teil des Jobs, Leuten beizubringen, dass sie nicht mehr gebraucht werden?
Tuchel: Keine Frage, das ist eine schwere Entscheidung für uns. Was die Öffentlichkeit jedoch nicht weiß: Peko hatte uns mehrfach um seine Freigabe gebeten, weil er zu wenig Einsatzzeit bekam. Wenn die Fans sauer waren oder noch sind, dass Peko gegangen ist, kann ich das gut verstehen. Er war eine Mainzer Identitätsfigur, doch gerade weil er Verdienste hat, sind wir seiner Bitte nachgekommen. Ab und an lässt er sich noch hier blicken, dann ist er schwer aus der Kabine rauszukriegen.
ZEIT ONLINE: Sprechen Sie regelmäßig mit der Mainzer Jugend, etwa den Nationalspielern Christoph Santer, Benedikt Saller und Shawn Parker?
Tuchel: Klar, ich kenne Sie alle, ich war ja hier Jugendtrainer. Es gehört zur Aufgabe eines Bundesligatrainers, die Entwicklung des eigenen Nachwuchsleistungszentrums zu beobachten.
Wir Trainer müssen Werte vorleben
ZEIT ONLINE: Auf dem Trainingsgelände begegnen sich Jugendspieler und Profis. Wie wird das Miteinander in Mainz geregelt?
Tuchel: Für Jugendspieler gibt es einen Leitfaden: Wie verhalte ich mich gegenüber Gegnern, Eltern, Mitspielern, Schiedsrichtern, Trainern und den Profis? Respekt, Wertschätzung, Pünktlichkeit – das fordern wir. Pflicht ist die Begrüßung mit Handschlag und Augenkontakt. Wir müssen die Werte vorleben, dann wird es zur Selbstverständlichkeit.
ZEIT ONLINE: Haben Sie diese Fibel mitverfasst?
Tuchel: Ja, ich war an der Verschriftlichung beteiligt. Vermutlich haben die Kollegen es inzwischen aktualisiert.
ZEIT ONLINE: Gehört es zum respektvollen Verhalten dazu, nicht den Geburtstag der Spieler zu vergessen?
Tuchel: Das sollte einem Chef nicht passieren. Aber ich gestehe: Ich habe Helfer, die mich rechtzeitig an wichtige Termine erinnern.
ZEIT ONLINE: Wie würden Sie Ihr Verhältnis zu Spielern beschreiben?
Tuchel: Ich suche eine Nähe im professionellen Rahmen. André Schürrle beispielsweise ...
ZEIT ONLINE: ... Ihr Zögling ...
Tuchel: ... siezt mich noch – als einer der letzten.
ZEIT ONLINE: Ist das im Profifußball möglich, Kumpeltyp zu sein?
Tuchel: Ich erachte eine gewisse Distanz als gut und notwendig. Bei der Mannschaftsfeier werde ich nicht auf dem Tisch stehen. Aber wenn ich eingeladen werde, gehe ich hin. Ein Bier trinken zu können mit den Jungs ist für mich nicht drin.
ZEIT ONLINE: Sie trinken ja generell keinen Alkohol. Fordern Sie das auch von Ihren Spielern?
Tuchel: Nein, nach Auswärtssiegen wie zuletzt in Hamburg, schaue ich auch mal weg.
ZEIT ONLINE: Trainer zu sein, kann einsam machen. Brauchen Sie ein Feedback?
Tuchel: Ja, ein Feedback zu bekommen, ist in unserer Arbeit ein wichtiger Baustein. Ich will von allen wissen, was sie denken und fühlen, was ihre Ziele und Probleme sind. Ich gehe auf sie zu und frage.
ZEIT ONLINE: Wer sind alle? Spieler?
Tuchel: Ja, vor allem Führungsspieler. Natürlich auch das Trainerteam.
ZEIT ONLINE: Ist Ihnen das Lob der Fans wichtig?
Tuchel: Nein.
ZEIT ONLINE: Die Meinung der Medien?
Tuchel: Nein. Das lenkt nur ab, außerdem nehme ich mich nicht so wichtig.
ZEIT ONLINE: Ich lese häufig von Ihnen, dass Sie Querdenken befürworten. Was meinen Sie damit?
Tuchel: Die Art des Trainings und des Trainingsrhythmus beispielsweise. Wir in Mainz versuchen im Training, nicht das Spiel zu kopieren. Ich stelle Zusatzregeln auf, richte Tabuzonen auf dem Feld ein, schaffe neue Spielformen. Außerdem bin ich offen für Einfluss aus anderen Sportarten, etwa Judo und Basketball.
ZEIT ONLINE: Studieren Sie Fußball-Literatur?
Tuchel: Ja, ich habe einiges gelesen, vieles wiederholt sich aber, und man sollte sich nicht sklavisch daran halten.
Ich bin für fliegenden Wechsel, wie in anderen Mannschaftssportarten auch
ZEIT ONLINE: Haben Sie eine aktuelle Empfehlung?
Tuchel: Ja, Moderner Angriffsfußball , ein Lehrbuch von Elgert und Schreiner.
ZEIT ONLINE: Wohin wird sich der Fußball entwickeln? Ist der Libero für immer abgeschafft?
Tuchel: Wer weiß? Momentan spielen alle mit Viererkette, auch wir. Vielleicht geht aber der Trend wieder zurück zu drei Verteidigern. Die ballorientierte Raumdeckung jedenfalls hat sich, wie es scheint, als ideale Abwehrtaktik durchgesetzt.
ZEIT ONLINE: Selbst in der Landesliga wird mittlerweile modern verteidigt.
Tuchel: Als Ralf Rangnick vor gut zehn Jahren in Ulm die Raumdeckung etablierte, war das fast sein Alleinstellungsmerkmal. Mittlerweile hat man durch sie keinen Wettbewerbsvorteil mehr. Nicht mal im Amateurfußball, vielleicht noch in der Kreisliga. Jedenfalls ist die Offensive nun gefragt, sich was einfallen zu lassen, sprich: mit Ball schneller und flexibler zu handeln. Immer wichtiger wird, dass Abwehrspieler Qualitäten mitbringen, die früher einem Spielmacher gereichten.
ZEIT ONLINE: Das Spiel scheint erstickt. Sollte man die Fußballregeln ändern, zum Beispiel das Wechseln? Ist es nicht archaisch, dass man Ausgewechselte nicht mehr einwechseln darf, und sich Spieler neunzig Minuten auf die Bank setzen müssen?
Tuchel: Meine Rede, ich bin für fliegenden Wechsel, wie in anderen Mannschaftssportarten auch. Man würde sich mehr auf das eigene Spiel konzentrieren. Es wäre schwerer, sich auf den Gegner einzustellen.
ZEIT ONLINE: Vielleicht würde das Spiel dadurch zu einem "Coaching Game". Und wieder offensiver.
Tuchel: Ja, möglich. Und interessanter.
Die Fragen stellte Oliver Fritsch
- Datum 12.05.2010 - 10:36 Uhr
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