"Durch ballorientierte Raumdeckung hat man nicht mal mehr im Amateurfußball einen Vorteil"
ZEIT ONLINE: Ich lese häufig von Ihnen, dass Sie Querdenken befürworten. Was meinen Sie damit?
Tuchel: Die Art des Trainings und des Trainingsrhythmus beispielsweise. Wir in Mainz versuchen im Training, nicht das Spiel zu kopieren. Ich stelle Zusatzregeln auf, richte Tabuzonen auf dem Feld ein, schaffe neue Spielformen. Außerdem bin ich offen für Einfluss aus anderen Sportarten, etwa Judo und Basketball.
ZEIT ONLINE: Studieren Sie Fußball-Literatur?
Tuchel: Ja, ich habe einiges gelesen, vieles wiederholt sich aber, und man sollte sich nicht sklavisch daran halten.
Ich bin für fliegenden Wechsel, wie in anderen Mannschaftssportarten auch
ZEIT ONLINE: Haben Sie eine aktuelle Empfehlung?
Tuchel: Ja, Moderner Angriffsfußball , ein Lehrbuch von Elgert und Schreiner.
ZEIT ONLINE: Wohin wird sich der Fußball entwickeln? Ist der Libero für immer abgeschafft?
Tuchel: Wer weiß? Momentan spielen alle mit Viererkette, auch wir. Vielleicht geht aber der Trend wieder zurück zu drei Verteidigern. Die ballorientierte Raumdeckung jedenfalls hat sich, wie es scheint, als ideale Abwehrtaktik durchgesetzt.
ZEIT ONLINE: Selbst in der Landesliga wird mittlerweile modern verteidigt.
Tuchel: Als Ralf Rangnick vor gut zehn Jahren in Ulm die Raumdeckung etablierte, war das fast sein Alleinstellungsmerkmal. Mittlerweile hat man durch sie keinen Wettbewerbsvorteil mehr. Nicht mal im Amateurfußball, vielleicht noch in der Kreisliga. Jedenfalls ist die Offensive nun gefragt, sich was einfallen zu lassen, sprich: mit Ball schneller und flexibler zu handeln. Immer wichtiger wird, dass Abwehrspieler Qualitäten mitbringen, die früher einem Spielmacher gereichten.
ZEIT ONLINE: Das Spiel scheint erstickt. Sollte man die Fußballregeln ändern, zum Beispiel das Wechseln? Ist es nicht archaisch, dass man Ausgewechselte nicht mehr einwechseln darf, und sich Spieler neunzig Minuten auf die Bank setzen müssen?
Tuchel: Meine Rede, ich bin für fliegenden Wechsel, wie in anderen Mannschaftssportarten auch. Man würde sich mehr auf das eigene Spiel konzentrieren. Es wäre schwerer, sich auf den Gegner einzustellen.
ZEIT ONLINE: Vielleicht würde das Spiel dadurch zu einem "Coaching Game". Und wieder offensiver.
Tuchel: Ja, möglich. Und interessanter.
Die Fragen stellte Oliver Fritsch
- Datum 12.05.2010 - 10:36 Uhr
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