Kevin-Prince Boateng : Gegen Deutschland und gegen den eigenen Bruder

Kevin Boateng galt als Talent Deutschlands, war noch nie in Ghana und tritt nun im Entscheidungsspiel für Ghana gegen Deutschland an. Ein Porträt von Steffen Dobbert
Hat viele Gegner: Kevin-Prince Boateng © Shaun Botterill/Getty Images Sport

Nachfragen ist vielleicht die wichtigste Aufgabe eines Journalisten. Aber in diesem Augenblick, drei Tage vor dem Spiel gegen Deutschland, kann man Kevin-Prince Boateng verstehen. Er geht nach dem WM-Spiel gegen Australien an den Reportern vorbei. Unter der schwarzen Baseballmütze aus Wolle beißt er die Zähne zusammen. Er sagt, er habe nichts zu sagen und verschwindet. Manchmal ist es besser zu schweigen, abzuwarten und zu schauen, wie sich die Dinge entwickeln werden.

Kevin Boateng wuchs in Berlin auf, im Wedding. Wedding ist kein schöner Stadtteil, einer, in dem die Mieten billig und die Probleme zahlreich sind. Ein Fußballmythos besagt, dass die besten Spieler aus einem Viertel kommen, in dem es einen Platz mit hohen Gitterzäunen gibt. In dem die Jugendlichen entweder Drogen nehmen, klauen oder beides. Oder so lange auf dem Bolzplatz spielen, bis der Ball ihr Vertrauter wird.

Im Gitterzaunplatz verbrachte Kevin Boateng in seiner Jugend viel Zeit. Dort und in der Jugendabteilung Hertha BSCs entwickelte er sich zu einem der besten Nachwuchsspieler Deutschlands. Er spielte für alle Jugendteams des Deutschen Fußball-Bundes, außer für die U18-Mannschaft. Den Jahrgang übersprang er, weil er zu gut war.

Als Profi wechselte er von Berlin zu den Tottenham Hotspurs, zu Borussia Dortmund und zum FC Portsmouth. Richtig durchsetzen konnte er sich in keinem der Teams. Oft spielte er übermotiviert, wütend, schaffte es nicht, sein Vertrauen in den Ball zu nutzen.

Jürgen Klopp, sein Trainer in Dortmund, sagte, er könne den Ball auf hundert Arten annehmen. Aber das Spiel taktisch lesen konnte er nicht. "Bei einem wie Kevin blitzt das Talent immer nur auf – aber das Gesamtpaket als Fußballer müsste man entwickeln."

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Kommentare

29 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren

Kevin

Vor einiger Zeit las ich hier folgenden Artikel:
http://www.zeit.de/wissen... : "Kevin ist kein Name, sondern eine Diagnose". Leider scheint das sogar bis auf den Fußballplatz durchzuwirken.

Mir tut der kleine Prinz aber eher leid, als alles andere. Ihm scheint leider auch die Fähigkeit zur kritischen Selbsteinschätzung abzugehen. Sein Foulspiel zum Beispiel erfüllt alle Anforderungen an eine rote Karte für "grobes Foulspiel". Die populistischen Pressereaktionen darauf und das geifernde Aufnehmen des so geschaffenen Feindbildes durch große Teile der Öffentlichkeit sind allerdings genauso falsch, wie mit seinem Bruder nicht mehr zu reden, weil er die Wahrheit ausspricht. Bemerke, sein Bruder hat niemals den Stab über Prince gebrochen, sondern nur das Foul als rotwürdig bezeichnet, sich im Übrigen immer sehr zurückhaltend geäußert.
Sein sportlicher Werdegang allerdings zeugt ebenfalls von seiner mangelnden Fähigkeit zu Selbstreflexion und Annahme von berechtigter Kritik. Mit seinem Talent könnte er schon viel weiter sein. Leider fehlt es an Charakter und/oder ehrlicher Anleitung (Berater!), die nicht nur auf kurzfristigen Erfolg und Anteilen aus Transfers oder Handgeldern aus ist.
Ich werde ihn am Mittwoch rein sportlich bewerten und hoffen, dass es weder auf dem Platz noch auf den Rängen mit Hass gegen ihn zugeht (wobei man letzteres ja gar nicht hören würde...). Er ist ein armer Junge, dem man helfen sollte, statt ihn zu verachten!

Ist es nicht einzigartig...

...in der FIFA-Geschichte, dass jemand für ein Land spielt, dass er selbst nie betreten hat? Noch dazu spricht er keine der autochthonen Sprachen des Landes (nagut, immerhin ist die Amtssprache Ghanas Englisch)

Für mich wirkt seine Entscheidung für Ghana zu spielen wie eine pubertäre Trotzreaktion...

ueberinterpretiert

"Für mich wirkt seine Entscheidung für Ghana zu spielen wie eine pubertäre Trotzreaktion..."

das ist sicher quatsch. wenn man die moeglichkeit hat eine wm zu spielen, dann tut man das. soll er zu hause bleiben und wegen des unschoenen ballack-fouls busse tun, damit bild und ihre leser ihn wieder akzeptabel finden und nicht laenger sein bleiberecht diskutieren? also bitte.

doch, gibt's!

In der nord-koreanischen Nationalmanschaft spielen 2 in Japan lebende Exil-Nord-Koreanier mit. Ich weiss nicht, ob die beiden jemals in Nordkorea waren oder der koreanischen Sprache mächtig sind (letzteres könnte zwar sein, denn in Japan lebende Nordkoreaner schicken ihre Kinder oft auf (nord-)koreanische Schulen.) Wäre interssant, dass mal rauszufinden...
Die heute in Japan lebende koreanische Minderheit stammt von den Zwangsarbeitern während der japanischen Besatzungszeit (bis 1945) ab... also schon in der 4. Generation.

Fast schon tragisch ...

ist es doch, dass Boateng für Ghana statt für Deutschland spielt. Vielleicht war er dem DFB einfach nicht glatt genug? Und das mit Ballack war wohl keine Absicht. Hoffentlich wird Ballack schnell wieder gesund.

Eduardo da Silva hatte übrigens nach einem üblen Foul einen offenen Bruch. Es gibt unschöne Dinge im Fußball,keine Frage. Ob das wohl eine Art Berufsrisiko ist?

"Porträt"?

Mir ist nicht ganz klar, was dieser Artikel bezwecken möchte. Zwar ist relativ offensichtlich, wohin der Autor möchte, aber würde ich ihm unterstellen, eine neue Kurve in Richtung "Integrationsdabatte" über den Umweg Fußball WM und die Boateng-Brüder zu schlagen, wäre das für viele sicher zu weit hergeholt. Nichtsdestotrotz liest sich dieses "Porträt" über Kevin Prince Boateng eher wie eine Kritik an seiner Haltung zu Deutschland, zu Ghana, zu seiner Familie - wobei das meiste eher auf Spekulationen beruht (er "soll" nicht mehr mit Jerome gesprochen haben). Dass der eine Bruder aus einem "Problem"-Stadtteil Berlins kommt und der andere nicht, soll das als Hinweis dafür dienen, dass es dem "Goodboy" Jerome deswegen leichter fiel sich in die deutsche Nationalmannschaft zu spielen? Sind Sie sich über die Lücken bewusst, Herr Dobbert, die Sie zwischen den Zeilen lassen, und die jeder Leser mit seinen bereits vorhandenen Selbstverständlichkeiten und Alltagsdeutungen füllt?