Bei dieser Weltmeisterschaft spielt Kevin Boateng im Mittelfeld Ghanas. Er sei stolz darauf, hat er gesagt. Auf dem linken Oberarm seines zerstochenen Körpers sind die Umrisse Afrikas und die Grenzen Ghanas tätowiert. Die Sprache seiner ghanaischen Mitspieler spricht er nicht. Er war noch nie in Ghana.

Am Mittwochabend tritt Ghana gegen Deutschland an. Der Sieger wird den Sprung in die K.o.-Runde schaffen, der Verlierer nach Hause fliegen. Es ist ein Do-or-Die-Match, sagen Kevin Boatengs Mitspieler – gewinnen oder sterben. Er sagt nichts, aber er wird an die Dinge denken, die in diesem Fußballspiel aufeinander prallen.

Vor etwa einem Jahr entschloss sich Kevin Boateng, ghanaischer Nationalspieler zu werden. Offiziell, weil er keine Perspektive mehr in deutschen Team gesehen habe. Er war damals 22 Jahre alt. Der Vater seiner Mutter ist ein Cousin von Helmut Rahn, jenem Rahn, der Deutschland 1954 zum WM-Titel geschossen hat. Noch mal: Ein 22-jähriger Ausnahmespieler, der sagt, er sehe keine Zukunft im deutschen Fußball.

Über die tatsächlichen Gründe für seine Abkehr vom DFB-Team gibt es mindestens zwei Varianten der Geschichte: Der damalige U21-Trainer Horst Hrubesch sagte, er habe Kevin Boateng nicht für die Europameisterschaft nominiert, weil dieser verletzt gewesen sei. In der anderen Variante geht es um eine Kneipentour im Trainingslager vor dem Turnier. Kevin Boateng soll dabei gewesen sein. Boateng glaubt, das war der Grund. Der Grund, den die anderen gesucht haben, um ihn loszuwerden.

Er, der Deutsche, spielt nun gegen die deutsche Elf. Er tritt auch gegen die deutschen Fans an und gegen seinen eigenen Bruder. In der deutschen Öffentlichkeit ist Kevin Boateng seit gut einem Monat eine Hassfigur. Im englischen Pokalfinale spielte er gegen Michael Ballack und foulte ihn. Es war ein schlimmes Foul, eines wie es im Fußball nur etwa alle fünf Spiele passiert. Michael Ballack musste danach die WM absagen. Der Kapitän der deutschen Nationalmannschaft war verletzt und Kevin Boateng der Schuldige.

Er entschuldigte sich nach dem Spiel öffentlich für das Foul, doch die Bild-Zeitung bezeichnete ihn als "Arschloch", auf Facebook und anderen Sozialen Netzwerken gründeten sich Gruppen, die forderten, Boateng müsse "umgehauen werden".