Einzelkritik DFB-Elf Und seinen Salto hat sich Klose noch aufgehoben
Klose widerlegt seine Kritiker, Friedrich überzeugt, Özil kann man nicht fassen, Müller hat einen Riecher, Schweinsteiger ist der Chef, Löw der Sieger – die Einzelkritik.
© Cameron Spencer/Getty Images Sport

Gesten deutscher Torschützen: Thomas Müller gewährt Miroslav Klose die Ehre
Taktik
Joachim Löw hielt an seinem Plan A mit dem zurückkehrenden Klose als einziger Spitze fest, änderte aber das Fein-Tuning: Özil und Klose wichen mehr über die Flügel aus, was insbesondere Müller zu Vorstößen in den Strafraum nutzte.
England spielte 4-4-2, erneut mit Milner auf dem rechten Flügel, Rooney versuchte, die deutschen Verteidiger ins Mittelfeld zu ziehen. Auffällig: kurze Ecken im Programm.

Oliver Fritsch arbeitet für die Sportredaktion von ZEIT ONLINE und ist Trainer der SV Blankenese in der Landesliga Hammonia Hamburg. Nach Spielen der deutschen Mannschaft bewertet der Inhaber der C-Lizenz die Taktik und die Spieler.
Einzelkritik
Manuel Neuer hatte endlich Gelegenheit, schwere Bälle zu halten: in der ersten Halbzeit, als Lampard in eine Milner-Hereingabe reinrutschte, dann Gerrards halbhohen Schuss in der zweiten. Das Gegentor werden ihm diejenigen ankreiden, die dem altmodischen Beckenbauer-Kahn-Torwartmotto folgen: "Wenn er rauskommt, muss er ihn haben." Allerdings, was soll Neuer machen? Auf der Linie hätte er keine Chance gegen Upsons "Header" gehabt, und die Flanke konnte er nicht erreichen. Seltsame Lethargie bei Lampards Lattenfreistoß. Dafür aber: ein Assist.
Philipp Lahm mit drei ungewohnten Aussetzern: setzte anfangs unnötig Rooney in Szene (der aber durch einen Abseitspfiff zurückgebunden wurde); in der zweiten Halbzeit sprang er einmal unter einem Pass durch, hab ich ja noch nie bei ihm gesehen; setzte später Neuer mit einem lässigen Rückpass unter Druck. Am Ball und im Aufbauspiel aber gewohnt stark.
Arne Friedrich ist bislang der beste deutsche Abwehrspieler. Steigerte sich noch mal. Gewann alle Zwei- und Dreikämpfe, stand immer gut, folgte Rooney ins Mittelfeld, aber nie zu weit. Auch die Leistungssteigerung seines Nebenmannes dürfte auf Friedrichs Kappe gehen. Der Absteiger, der Unterschätzte schreibt gerade eine tolle Story.
Per Mertesacker verteidigte besser als in den Partien zuvor. Nahm mit seinen Nebenleuten Rooney aus dem Spiel. Gut in Kopfballduellen, Licht und Schatten im Zweikampf. Mertesacker kam wohl die englische Spielweise entgegen.
Jerome Boateng war seinem Gegenspieler Milner nicht immer gewachsen. Ich hätte gerne gewusst (oder lieber nicht), was passiert wäre, wenn die Engländer diese Schwachstelle gezielter angesteuert hätten. Stand beim Gegentor nahe am Torschützen, ging aber nicht mit hoch. Nicht seine Lieblingsposition, nicht die Idealbesetzung, aber besser als Badstuber.
Bastian Schweinsteiger ist die Autorität im deutschen Mittelfeld. Gewohnt stark in der Defensive, immer anspielbar. Heute auch mit zwei brillanten Szenen in der Offensive: ein tödlicher Heber auf Özil in der 5. Minute und die Vorbereitung zum 3:1, als er den Pass perfekt verzögerte und halb Britannien auf sich zog, um ein Loch für Müller zu reißen.
Sami Khedira ist ein fester Baustein im Team geworden, auch wenn er vorne noch gefährlicher und effektiver werden muss. Erledigte heute fleißig seine Aufgabe, wie immer ballsicher.
Thomas Müller : Was soll man zu diesem Staks noch sagen? Er ist im Gespräch als bester Nachwuchsspieler der WM? Warum eigentlich nur als Nachwuchsspieler? Schloss zwei Konter zu Toren ab, bereitete ein weiteres vor, beteiligte sich außerdem viel in der Defensive. Er hat eine Nase für Freiräume in der Halbposition und im Strafraum.
Mesut Özil wirkte nicht zum ersten Mal oft melancholisch am Ball, verlor ihn daher auch gelegentlich oder brachte ihn nicht zum Mitspieler. Aber Özil hat einen großen Instinkt für den freien Raum zwischen der Abwehrreihe und dem Mittelfeld. War für England nie zu fassen, weder auf den Flügeln noch im Zentrum. Wie schnell er, der so schleichend wirkt, ist, sah man bei der Vorbereitung zum 4:1. Rief Chelsea-Profi Ashley Cole anschließend zu: "Brauchst Du ein Gummiband für Deine Beine, damit ich Dir beim nächsten Mal nicht wieder durchschieße?" Lief beim Angriff, der zum 3:1 führte, allerdings zu früh in den Strafraum.
Zu Lukas Podolski kann man meist dasselbe sagen: Spiel ohne Ball ist schwach, muss sich besser durch Gegenbewegungen vom Abwehrspieler lösen. Manchmal schlampig beim Verteidigen. Schlief bei zwei kurzen Ecken der Engländer, von denen eine zum Gegentor führte. Aber: In der Nationalmannschaft ist Podolski ein Torjäger.
Miroslav Klose : Es ist für Abwehrspieler (auch John Terry) halt was anderes, ob ihnen Cacau oder Kießling gegenüberstehen – oder elf WM-Tore. Sehr mittelstürmerhaftes Verhalten beim 1:0. Aber auch ein exzellentes Laufverhalten bei Löws Rotationsspiel. War an der Kombination zum 2:0 beteiligt. Schlug vor dem 4:1 mit links einen langen, genauen Pass auf Özil. Hat den grotesken Feldverweis aus dem Serbien-Spiel gut weggesteckt. War vielleicht der Faktor, dass das Ghana-Spiel das schwächste war. Er wirkt viel fitter und spritziger als vor drei Wochen. Seine Kritiker müssen jetzt mutig sein, wenn sie an ihren Urteilen festhalten. Aber noch saltolos.
Die Eingewechselten: Piotr Trochwoski konnte den Ball gut festmachen. Mario Gomez brachte keinen Schwung, ist wohl kein Joker, noch immer ohne Aktion bei der WM. Dabei hätte er sich ein Mal nur Richtung Tor drehen müssen. Stefan Kießling waren ein paar Minuten vergönnt.
Misst man die Engländer an ihrer individuellen Stärke, war das eine desaströse Leistung. Für den Möchtegernrebellen und Ex-Kapitän John Terry fehlen mir die Worte, wenn ich mir das 0:1 nochmals anschaue. Auch beim 0:2 nicht da, wo es brannte. Steven Gerrard im Dreilöwen -Trikot ist ein Abklatsch des Liverpool-Stars, Frank Lampard ist ebenso deutlich blasser. Wayne Rooney ist außer Form, Ashley Cole bekam von Müller die Grenzen gezeigt. James Milner zog zu oft in die Mitte. Und David James könnte auch mal einen Ball halten, auch wenn kein direkter Torwartfehler dabei war.
Fabio Capello konnte die Engländer nicht von ihrem hölzernen Schema-F-Fußball befreien. Fazit: Das ideenlose England dürfte als einer der schwächsten Teams unter den letzten Sechzehn gewesen sein.
Joachim Löw
Klarer Sieger in diesem Trainerduell. Gibt seinen Spielern viel Vertrauen, auch wenn sie Fehler machen. Seine Entscheidung pro Klose scheint zu stechen, auch die pro Podolski. Steht nun mit einer sehr jungen Mannschaft im Viertelfinale der WM und ist verantwortlich für zwei der aufregendsten Spiele dieses Turniers. Dass er eine klare Vorstellung von offensivem Fußball hat, ist bekannt. Im Viertelfinale (und vielleicht auch danach) wird sich aber zeigen, ob er Schwachstellen in seiner Mannschaft minimieren, die des Gegners erkennen und, nicht zuletzt, ob er coachen kann, also Einfluss auf ein Spiel nehmen.
- Datum 27.06.2010 - 21:02 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE
- Kommentare 17
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Schland, Schland. Weiter so. Den Diego packt ihr auch.
Boateng-Entlastung: Klose glaub ich wars, der dem Barry nach dem Freistoss den Ball weggetreten hat, Boateng schickt Müller. Müller zu Schweini, Schweini tanzt, Müller bekommt seine Kugel zurück und drischt sie rein. 3-1. Der Boateng hat den Torschützen da gut und schnell auf die Reise geschickt. Und zu dem Zeitpunkt wars ja wohl das wichtigste Tor.
Das war ein gutes Spiel. Endlich konnten sich die Deutschen Anhänger mal wieder Stolz fühlen. Die hupen immer am lautesten, weil die derartiges nicht aus ihrem Leben kennen. Naja, die denken sicher wirklich, dass sie mitgespielt haben und den Sieg somit beeinflusst haben. Immer wieder wunderbar so eine WM
Also für den Gegentreffer kann er gar nichts. Er musste alleine auf zwei Engländer vorm deutschen Tor aufpassen. Es waren einfach zu wenige deutsche Spieler im Strafraum. Es gab nur wenige Szenen, wo er ein wenig entäuschte. Es waren eher Ausnahmen. Ich denke die Nationalmannschaft hat ihre Vierer-Abwehrkette gefunden.
Mesut war nun auch nicht so schlecht. Er hatte zwar schon bessere Spiele, aber in meinen Augen ist er nun mal das Kronjuwel in unserer Nationalelf und hat diesen Status auch beim Englandspiel bestätigt.
Eines, eines Tages möchte ich mal verstehen, was der Hr. Gomez bei einem solchen Turnier zu suchen hat.
Aber da werde ich wohl warten müssen, bis Herr Löw seine Memoiren schreibt. Und wenn dort das Kapitel "Warum ich immer auf Gomez setzte..." darin vorkommt - dann werde ich das Buch vom Fleck weg kaufen.
Ich habe irgendwie immer mehr das Gefühl, dass nicht nur seine völlig überhasteten Distanzschüsse trotz besser positionierter Mitspieler ein ernstes Problem darstellen (siehe: 11. Minute, siehe auch: Ghana, siehe insbesondere: Serbien...), sondern vielmehr noch das hohe Spieltempo mit schnellen Kurzpässen, das Özil, Müller, Schweinsteiger, Lahm, auch Khedira aufziehen.
Klose hat diesen Spielstil - der nicht immer der seine war - bereits zur Perfektion verinnerlicht, bei Podolski sah man selbst nach dem 4-1, als er schon locker und befreit aufspielen könnte, dass ihm hierfür die Präzision fehlt; mehrere aussichtsreiche Konter verstolperte er einfach oder musste sie verschleppen, da er den Ball nicht mit dem schwachen rechten weiterleiten konnte.
Torjäger? Das sollte nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, dass seine Trefferquote auf Schussversuche hochgerechnet doch noch sehr bescheiden sein dürfte...
Das Spiel wäre eine nette Möglichkeit gewesen, den Alternativen wie Marin oder auch Jansen en paar Minuten Spielpraxis zu schenken - gerade im Hinblick auf das schon absehbare Viertelfinale gegen Argentinien.
lieber oliver, man kann seine augen nicht überall haben. khedira war weder ein baustein, noch fleißig oder ballsicher.
in der defensive geht er zweikämpfen nahezu konsequent aus dem weg. irgendeine balleroberung im gedächtnis? nee, denn da stehen sicher nur schweinsteiger oder friedrich oder lahm oder so zum abruf. khedira ist so eine erfindung von löw, die deshalb auch auflaufen darf. mit leistung hat das nichts zu tun. die mannschaft schleppt ihn durch. poldi auch, aber der kann wenigstens schiessen, manchmal ...
übrigens, für alle, die das mit der unerfahrenen manschaft nachplappern. da stehen ca. 400 länderspiele auf dem platz.
aber wen interessieren schon fakten ...:-)
...Glückwunsch!
Was Mario Gomez angeht, frage ich mich allerdings, wann das letzte Mal ein solch technisch limitierter Holzfuß in der deutschen Nationalmannschaft gespielt hat...spontan fällt mir da Horst Hrubesch ein, aber der konnte wenigstens köpfen.
Noch viel unglaublicher finde ich bei Gomez immer wieder, dass die Bayern tatsächlich 30-35 Millionen für ihn bezahlt haben. Alle anderen Clubs hätten höchsten 10-15 Millionen bezahlt. Wie konnte sich Hoeneß so dermaßen über den Tisch ziehen lassen?
Gomez ist ein intelligenter und sympathischer Mensch, aber fussballerisch limitiert. Jemanden eins gegen eins auszuspielen ist genauso wenig seine Sache wie das zeitgemäße schnelle Kurzpassspiel. Gomez ist im Wesentlichen ein Vollstrecker vor dem Tor. Da ist er schon aufgrund seiner Physis nur schwer aufzuhalten. Er ist aber komplett davon abhängig, von anderen Spielern mit exzellenten Torvorlagen in oder an den Strafraum bedient zu werden. Bekommt er die nicht, so läuft das Spiel regelmäßig komplett an ihm vorbei. Das ist für internationales Spitzenniveau insgesamt doch etwas mager.
Nach der nächsten Saison verkaufen die Bayern ihn für max. 10 Millionen. ..
Noch viel unglaublicher finde ich bei Gomez immer wieder, dass die Bayern tatsächlich 30-35 Millionen für ihn bezahlt haben. Alle anderen Clubs hätten höchsten 10-15 Millionen bezahlt. Wie konnte sich Hoeneß so dermaßen über den Tisch ziehen lassen?
Gomez ist ein intelligenter und sympathischer Mensch, aber fussballerisch limitiert. Jemanden eins gegen eins auszuspielen ist genauso wenig seine Sache wie das zeitgemäße schnelle Kurzpassspiel. Gomez ist im Wesentlichen ein Vollstrecker vor dem Tor. Da ist er schon aufgrund seiner Physis nur schwer aufzuhalten. Er ist aber komplett davon abhängig, von anderen Spielern mit exzellenten Torvorlagen in oder an den Strafraum bedient zu werden. Bekommt er die nicht, so läuft das Spiel regelmäßig komplett an ihm vorbei. Das ist für internationales Spitzenniveau insgesamt doch etwas mager.
Nach der nächsten Saison verkaufen die Bayern ihn für max. 10 Millionen. ..
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