WM 2010 Südafrika braucht keine WM

Sportlich wird die WM für Südafrika heute wohl enden. An den wirtschaftlichen Schäden dieses teuren Fests wird das Land lange leiden. Ein Kommentar von Colleen Dardagan, Südafrika

Nelson Mandela im Mai 2004 mit dem Heiligen Gral

Nelson Mandela im Mai 2004 mit dem Heiligen Gral

Als unsere Ikone Nelson Mandela im Jahr 2004 den WM-Pokal in Zürich empor reckte und für Südafrika den Auftrag entgegennahm, eine WM auszurichten, ließen sich unsere Landsleute blenden. Unsere Mächtigen glaubten, die WM würde uns die Chance geben, uns von unserem Minderwertigkeitskomplex zu befreien. Und von den Zweifeln an unserer Fähigkeit, ein solches Turnier auszutragen.

Wegen der Apartheid sind wir von der Staatengemeinschaft lange als Aussätzige behandelt worden. Die Fußballweltmeisterschaft betrachtete die Regierung, die verzweifelt nach internationaler Anerkennung strebt, als Eintrittskarte in den Führungszirkel der westlichen Welt. Endlich ernst genommen werden – das will Südafrika. Der Fifa sei Dank, dass sie es uns nun ermöglicht. Angeblich.

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Leider ist unseren Politikern nicht in den Sinn gekommen, dass man sich Respekt auch verdienen kann, indem man Krankheit, Armut oder die globale Erderwärmung bekämpft. Stattdessen heißt es: Südafrika kann WM, koste es, was es wolle!

Die Kosten sind höher, als wir es uns je vorstellen konnten. Beispiele gefällig? Erstens wollten Kapstadts Politiker ihr Stadion ursprünglich in einem ärmeren Vorort errichten, wo Fußball Leidenschaft und Freizeitvergnügen ist. Fifa-Präsident Sepp Blatter aber wollte eine Aussicht auf die Tafelberge, den Ozean und Robben Island, wo Mandela siebenundzwanzig Jahre seines Lebens verbrachte. Blatter mag eben idyllischen Hintergrund für sein Spektakel. Um seinen Willen durchzusetzen, rief er den damaligen Staatspräsidenten Thabo Mbeki an, der wiederum die Bürgermeisterin von Kapstadt, Helen Zille, unter Druck setzte. Keine Diskussion, das Stadion müsse an der von Blatter gewünschten Stelle gebaut werden. Resultat dieses Umzugs: eine Kostenerhöhung von umgerechnet rund 200 Millionen auf rund 480 Millionen Euro.

Zweitens führte in Johannesburg der Umbau des 70.000 Zuschauer fassenden Ellis Parks und der Bannmeile um das Stadion herum zu einer Vertreibung von armen Immigranten, die dort lebten. Bis heute ist kein Widerspruch zu vernehmen.

Drittens wurde in Nelspruit, einer abgelegenen Stadt am Rande des Krüger National Parks, ein 50.000 Zuschauer fassendes Stadion erbaut. Auf Land, das der armen Kommune für umgerechnet 10 Cent abgekauft wurde. Dem Stadion musste eine Schule weichen, bis heute warten Schüler auf den Umzug in den versprochenen Neubau. Der Bürgermeister von Nelspruit wurde umgebracht, nachdem bekannt wurde, dass bei der Vergabe von Bauaufträgen nicht alles mit rechten Dingen zuging. Der Mörder ist bis heute nicht gefasst.

In Durban akzeptierte die Fifa viertens das bereits existente Stadion, die Umbaumaßnahmen sollten sich auf rund 6 Millionen Euro begrenzen. Trotzdem betrieben Politiker in Durban Lobbyismus für ein neues Stadion, ein Wahrzeichen sollte es werden. Ihr Argument: Sie wollen sich für die Olympischen Spiele und die Commonwealth Games bewerben und Durban als Sporthauptstadt Afrikas positionieren. Voriges Jahr ist ihr Wunsch erfüllt worden. Die Stadt eröffnete ein Stadion, das den Steuerzahler rund 340 Millionen Euro gekostet hat. Ein Verdienst unserer politischen Elite.

Fünftens: Bei der Ausschreibung für den Bau des Johannesburger Stadions, das 94.000 Zuschauer fasst und in dem Eröffnungs- und Schlussfeier ausgetragen werden, gab es Indizien für Betrug. Die Behörden haben erst nach langem Zögern Aufklärung angekündigt.

Wenn unsere Regierung wenigstens den Mut zur Wahrheit hätte: nämlich, dass es ihnen alleine um das Prestige geht. Stattdessen täuschen sie ihre Wähler, indem sie fadenscheinig behaupten, die WM löse einen Wirtschaftsaufschwung aus. Die hohen und dauerhaften Kosten der WM verschweigen sie. Der Publizist Sam Stole schreibt: „Es ist eine Tragödie, wie viel Arbeitszeit, Geld, Fähigkeiten und Energie in ein Projekt versenkt werden, das kaum mehr als eine einmonatige Fernsehshow ist.“

Eine Fußball-WM war das letzte, was Südafrika gebraucht hat, denn das Land hat enorme Lasten zu schultern: Kriminalität muss bekämpft werden, das Schulsystem reformiert, das Gesundheitssystem vor dem Kollaps gerettet. Zudem hat eine desaströse Bodenreform dazu geführt, dass große Gebiete brachliegen und ein Land, das vor fünfzehn Jahren noch Nahrungsmittel exportiert hat, inzwischen unter Essensmangel leidet. Mehr als 60 Prozent der Südafrikaner sind jünger als fünfundzwanzig Jahre alt, davon sind mindestens 27 Prozent arbeitslos, 67 Prozent ungebildet, zum Teil Analphabeten, und mehr als 30 Prozent mit dem HIV-Virus infiziert. Die Korruption in unseren Behörden fügt vor allem der stetig wachsenden Unterschicht großen Schaden zu.

Die Elektrizitätsversorgung kann die Nachfrage nicht stillen, doch für die Dauer der WM haben Land und Gastgeberstädte versprochen, mit Sonderschichten nachzuhelfen. Außerdem wurde die Fifa nervös und ordnete an, große Stromgeneratoren zu importieren und in den Stadien und Städten zu installieren. Und weil Gewalt und Verbrechen in Südafrika eskalieren, wurden 9 Millionen Euro investiert, um die 41.000 Polizisten, die an der WM im Einsatz sind, besser auszurüsten und zu trainieren.

Zwar haben wir Straßen ausgebessert, neue Flughäfen gebaut, modernste Sicherheitssysteme gekauft, der Fifa zehn Stadien hingestellt, die ihre Auflage erfüllen. Doch kein Mensch spricht darüber, welchen Nutzen der südafrikanische Bürger von dieser Extravaganz namens Fußball-WM ziehen soll.

Colleen Dardagan
Colleen Dardagan

Colleen Dardagan ist Redakteurin und WM-Koordinatorin des Mercury, eine der renommiertesten Zeitung Südafrikas. Seit 2006 befasst sie sich mit den wirtschaftlichen Auswirkungen der Fußball-WM. 2009 wurde sie zur Lokaljournalistin des Jahres gewählt.

Über 5 Milliarden Euro hat das Parlament genehmigt, um den drakonischen Anforderungen der Fifa gerecht zu werden. Die Verträge mit den Gastgeberstädten lassen lokale Unternehmen im Regen stehen. Gleichzeitig hat die Fifa unerhörte Bedingungen durchgesetzt: Für die Dauer der WM müssen in den Austragungsstädten alle Bauarbeiten ausgesetzt werden. Teile unserer Polizei missbraucht sie dazu, Ambush Marketing zu verhindern. Straßen mussten gesperrt, Sonderwege erschaffen werden, damit sich Mannschaften, Sponsoren und Fifa-Repräsentanten unverzüglich fortbewegen können.

An Spieltagen werden um die Stadien Bannmeilen gezogen, Geschäfte geschlossen, Logos von Unternehmen verdeckt. Veranstaltungen, die normalerweise im Juni oder Juli stattfinden, also zur touristischen Hauptsaison Südafrikas, müssen verschoben werden: traditionsreiche Pferderennen, Ausstellungen, Beach- oder Musikfestivals. Und mindestens fünfhundert Unternehmen finden sich vor Gericht, weil sie gegen die rigiden Branding-Regeln der Fifa verstoßen haben sollen.

Trainingsplätze wurden ausgebaut, damit sie exakt den Originalmaßen entsprechen, manchmal ging es um wenige Meter – auf Kosten der Steuerzahler, versteht sich. Wie auch die Verbesserungen der Infrastruktur, Straßenbegradigungen und -beschilderungen. Die Hunderttausende von Bauarbeitern, die für die Fertigstellung gebraucht wurden, haben nun großteils ihren Job verloren. Die Weltwirtschaftskrise hat ihre Branche hart getroffen, Arbeit ist in Südafrika ohnehin schwer zu finden, gerade in diesen Zeiten.

Die Aussichten Südafrikas auf wirtschaftlichen Gewinn sind düster. Noch mögen unsere Landsleute ihre Fußballtrikots anziehen, ihre Fahnen schwenken, tanzen und die Vuvuzelas blasen. Doch wenn sie später erwachen, werden sich die Menschen fragen, warum ihre Mägen noch leer sind und ihre Krankheiten ungeheilt.

Dann wird die Fifa-Regierung ihre Rückflüge längst gebucht haben, und Joseph Blatter wird weit weg sein und in Zürich die Alpen überblicken. Er wird aus dieser WM mehr erzielt haben als aus jedem anderen Turnier zuvor. Ein Nettogewinn von alleine einer Milliarde Fernsehgeld wird seiner sein. Sein Versprechen, Afrika eine WM geschenkt zu haben, wird er gehalten und somit die Gegenleistung für viele Wählerstimmen erbracht haben. Diese Stimmen werden Blatter bei der nächsten Präsidentenwahl wohl nicht vergessen haben.

Und Blatter wird wiederholen, dass er ein Afrikaner ist. Er wird sagen, dass es das beste WM-Turnier aller Zeiten gewesen ist und er sich nie von Zweifeln den Schlaf rauben gelassen hatte. Und er wird durchscheinen lassen, dass er es gegen Widerstand durchgesetzt hat, diesem armen Kontinent das Vertrauen zu schenken.

Doch in wenigen Wochen werden die Probleme dieses Entwicklungslands Blatter nicht mehr länger beschäftigen. Stattdessen wird er sich Brasilien zuwenden, dem nächsten Opfer des größten Betrugs auf Erden, der Fifa-Weltmeisterschaft 2014.

Der Text ist Teil des WM-Dossiers der Bundeszentrale für politische Bildung.

 
Leser-Kommentare
  1. ...alleine die Tatsache das es Dank der WM 41.000 neue gut ausgebildete Polizisten im Land gibt, sollte den Menschen in Südafrika über Jahrzehnte zum Vorteil sein.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    heilen keine Krankheiten und füllen keine Mägen, Quatsch ihre Aussage.

    heilen keine Krankheiten und füllen keine Mägen, Quatsch ihre Aussage.

    • Klaue
    • 22.06.2010 um 12:30 Uhr

    [IRONIE]

    Sie denken zu viel.

    [/IRONIE]

    Kritisches hinterfragen ist gut, doch warum passiert das immer nur bei entfernten Themen wie der Fußball WM. Unsere Politik und die Konzerne in unserem Land haben sicherlich genügend Stoff um die Tageszeitungen die nächsten 100 Jahre damit zu füllen.

    Als Rob Savelberg Frau Merkel fragte wie sie Herrn Schäuble als Finanzminister einsetzen und als vertrauenswürdig bezeichnen könne, da dieser doch vergaß wo die 100.000 DM vom Waffenhändler geblieben sind - dass war kritischer Journalismus.

    http://www.youtube.com/wa...

    Afrika, schön und gut. Doch lieber hätte ich in Deutschland mehr kritische Stimmen.

  2. heilen keine Krankheiten und füllen keine Mägen, Quatsch ihre Aussage.

    Antwort auf "Also bitte..."

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