WM-Tagebuch: Tag 13 "Als Özil ein Tor schießt, fällt links von mir ein Mann von der Bank"
Altherrenkneipen statt Public Viewing. Unser Tagebuch-Autor Finn Ole Heinrich ist genervt von WM-Flatrates und Quartalsfußballguckern. Er mag es lieber düster und unhip.
© Michael Steele/Getty Images

Mesut Özil trifft zum 1:0 gegen Ghana
31 Tage hat diese WM, 31 Seiten hat das ZEIT ONLINE WM-Tagebuch. Täglich berichtet ein Künstler, Journalist, Fußballer, Wissenschaftler, Schriftsteller oder Musiker, wie er seinen WM-Tag erlebt hat – wo, mit wem und wie er die WM-Spiele gesehen oder auch nicht gesehen hat.

Finn Ole Heinrich, 1982 geboren, Autor und Filmemacher aus Hamburg, schreibt Geschichten, die Reibung erzeugen und dreht Filme, die sonst keiner dreht. Bücher: "die taschen voll wasser" (Erzählungen), "Räuberhände" (Roman), "Gestern war auch schon ein Tag" (Erzählungen). Zuletzt MDR-Publikumspreis 2008, Kranichsteiner Förderpreis 2008, Hamburger Literaturpreis 2009.
Der Tag beginnt mit: Sport. Das ist doch mal ein sachlicher Einstieg in diesen WM-Tagebuchtag. Was für Sport? Kein Fußball. Leider kein Sport, der imponiert, von dem man Geschichten erzählen kann, wo es um Siege und Niederlagen geht, Leidenschaft und Dramaturgie. Ich mache einen Sport, dessen Namen man vernuschelt, wenn man aufgefordert wird zu sagen, woher man gerade kommt: Kieser-Training, eine tendenziell entwürdigende Vorstufe zur Senioren-Wassergymnastik.
Das Tröstliche an dieser knappen Stunde Sport ist das Gefühl, noch wirklich jung zu sein. Ich bin mit 27 Jahren mittlerweile im besten Fußballer-Alter, im deutschen Team wäre ich damit allerdings längst einer der ältesten. Hier aber, in den nüchternen, leicht säuerlich riechenden Hallen des Kieser-Trainings-Betriebs bin ich: Jung! Achtzig Prozent der, tja, Sportskameraden könnten mindestens meine Eltern sein. Von denen wiederum die Hälfte sogar meine Großeltern. Ich bin hier einer der frischesten, gelenkigsten, straffsten!
So früh am Morgen kommen auffallend viele mittelalte Männer mit zackigem Schritt, Anzug-gepanzert, stählen sich, bevor sie gleich im Büro delegieren, entscheiden, verhandeln. Sie treten als Chefs oder Abteilungsleiter in die Umkleide und fünf Minuten später hängen sie als etwas derangierte Würstchen, schwitzend und mit verzerrten Gesichtern an der Pobackentrainingsmaschine – ohne Anzug, dafür mit Leggins und – jawohl! – Gymnastikschuhen.
Ich laufe durch die Stadt und versuche, in WM-Stimmung zu kommen. Bisher hat das nämlich noch nicht so wirklich geklappt, eigentlich bin ich eher genervt. Die Millionen Deutschlandfahnen nerven, die schwarzrotgoldenen Kuchen und "garantiert vuvuzelafreien Afrikaner" beim Bäcker, die WM-Sonderangebote, -Flatrates und -Gewinnspiele nerven. Mich nervt die gespielte Anspannung und Begeisterung der ganzen Quartalsfußballgucker. Mich nerven die Fußbälle im Schaufenster von Optikern, Zahnärzten und Versicherungsbüros. Mich nervt Public Viewing, wo man vom Spiel nichts sieht und wahlweise mit Bier beschüttet, von einem peinlichen Moderatoren genervt, zu Tipps und Prognosen genötigt oder angetrötet wird. Da lobe ich mir: Altherrenkneipen. Die stinken, sind hässlich, düster, meistens leise und absolut unhip.
In der Stadt herrscht erstaunlicherweise noch eine angenehme Unaufgeregtheit. Nach dem 4:0 gegen Australien gab es hier unpassenderweise schon Autokorsos! Die Leute drehen durch, vielleicht weil sie sich erinnern, wie sie 2006 gefeiert haben und denken, das müsste jetzt immer wieder so sein, als hätten wir 2006 endlich gelernt, wie das geht: feiern, stolz sein, Fähnchen hissen.
Wie erleichtert und froh damals alle waren, dass die Welt angeblich gemerkt hat: Mensch, die Deutschen, das sind ja gar nicht alles stokelige, ernste Hausmeister, die können ja richtig feiern! Und seitdem wird nun eben immer möglichst viel und ausgelassen auf möglichst offenen Plätzen gefeiert, damit auch alle sehen können, das wir nichts verlernt haben. Man wird das Gefühl nicht los, so eine WM wird hier zunehmend als Stimmungs-Pisa-Test verstanden.
Bisher ist bei der WM noch nicht so viel passiert, abgesehen von den Franzosen, denen man dankbar sein muss, wie sie den etwas trägen WM-Start aufgepeppt haben. Konflikte mit so viel Schönheit, Sprachgewalt und Eleganz auszufechten, das können nur Franzosen, glaube ich. Revolution ist einfach ihr Ding. Bei uns verkrümelt sich Kuranyi kleinlaut, Frings meckert immerhin, aber leise und beleidigt – Nicolas Anelka hingegen antwortet seinem Chef, als der ihn bittet, in der zweiten Hälfte ein bisschen mehr Gas zu geben: "Va te faire enculer, sale fils de pute!" Dann boykottieren die Spieler das Training, weil Anelka rausgeschmissen wird, ein weinender Sportchef tritt zurück, französische Politiker und Philosophen zetern und analysieren die französische Gesellschaft und ihre Missstände anhand ihrer Equipe. Das ist Fußball! Das kann Fußball!
Ich sitze unter einer Art Autobahnbrücke auf Gartenbänken, es ist wenig los, ich habe meine Ruhe: Die Slowenen fangen gut an, nach fünfzehn Minuten aber erwachen die Engländer, schießen nach gut zwanzig Minuten ein Tor, spielen stark. Eigentlich kein Wunder. Im Grunde spielt gerade eine europäische Zweitliga-Auswahl gegen die Stars der Champions-League. Aber WM ist ein bisschen wie DFB-Pokal, es gibt immer wieder Überraschungen.
Ein einziges Pärchen sitzt am Nebentisch, sie gucken nicht mit, tun aber so, sobald Gesprächspausen entstehen. Manchmal sagen sie unvermittelt komische Sachen wie: "Um was geht’s in dem Spiel?", tragen aber Deutschland-Devotionalien. England macht es spannend, ist zwar überlegen, aber nur ein Tor vorn und muss gewinnen. Bei einem Unentschieden ist Slowenien weiter, eine gute Aktion würde ihnen reichen. Das Spiel macht Spaß, es ist spannend und schnell. Rooney, Englands Ein-Mann-Armee, setzt einen gegen den Pfosten, und plötzlich wacht auch die Tante am Nebentisch auf, tut interessiert und sagt fachmännisch: "Wenn wir heut' Abend gewinnen, gehen wir feiern!" So läuft das, denke ich, wenn man sich eigentlich gar nicht für Fußball interessiert, aber Fußball für ein paar Wochen das Thema überhaupt ist und man irgendwie dabei sein will, irgendwas abhaben will von der vermeintlich guten Stimmung, dann muss man eben Wetten abschließen, mit sich und immerhin vielen anderen.
Kurz vor Ende: Algerien-USA immer noch nullnull. Bei dem Stand sind beide raus, Slowenien wäre auch mit dieser knappen Niederlage weiter. Schlusspfiff, England gewinnt, ist also weiter – und genau in diesem Moment schießen die USA ein Tor gegen Algerien und ziehen an Slowenien vorbei. Oha! Richtig was los, England also plötzlich Gruppenzweiter und falls Deutschland später gewinnt: Gegner im Achtelfinale.
In der Spielnachbetrachtung ist die irrste Szene des Turniers zu sehen: Terry mit einer wahnsinnigen Kopfabwehr! Eine Aktion zwischen immenser Schönheit und akuter Lächerlichkeit. Die Hände an den Körper gelegt, den Kopf voraus, wie ein Schwimmer beim Sprung ins Wasser, wirft er sich, das Gesicht voraus, in den Schuss eines Slowenen, als wäre sein Kopf nur dazu auf der Welt, die Flugbahnen von Gegenständen abzulenken, die mit hundert Sachen durch den Strafraum fliegen.
Mehmet Scholl grinst und sagt, das sei seine Szene der WM. "Großes Drama", sagt er, "große Gefühle", sagt er und dann: "Ich habe keine Angst vor England".
Ich schon.
Raus auf die Straßen. Ich bin in Stuttgart und kenne mich kaum aus, muss also Zeit einplanen, bis ich eine passende Kneipe finde. Sonne, Rotlichtviertel, kleiner Platz und Eckkneipe, Fernseher im Fenster, leicht bekleidete Frauen stolpern auf viel zu hohen Absätzen über das Kopfsteinpflaster. Ich komme spät und kriege trotzdem noch einen Platz auf einer Bierbank in der ersten Reihe. Anpfiff. Nachdem ich mich heute Morgen schon jung gefühlt habe, darf ich mich jetzt auch noch groß fühlen, ein paar Frauen hinter mir tippeln mir nacheinander auf die Schulter, und deuten mir (knappe 1,75m!), ich solle mich ducken und schließlich setze ich mich auf den Boden. Ghana ist absolut gleichwertig, offenes Spiel, viele Chancen, auch Delling und Netzer sind auf Betriebstemperatur.
Delling: "Haben Sie mich angelacht oder ausgelacht?"
Netzer: "Ausgelacht. Ich kann Sie doch nicht anlachen."
Als Özil ein Tor schießt, fällt zwei Meter links von mir ein Mann von der Bank, weil alle aufspringen und er nicht. Er lacht und blutet am Kinn, die Frauen hinter mir geben mir ein Bier aus, weil ich immer noch auf dem Asphalt sitze. Deutschland zittert das knappe Spiel nach Hause, nicht unbedingt souverän, aber auch nicht unverdient. Und weil die Serben gegen Australien verlieren, die aber durch die Klatsche gegen Deutschland ein mieses Torverhältnis haben, darf Ghana im Achtelfinale gegen die USA spielen. Immerhin eine afrikanische Mannschaft, die die Vorrunde überstanden hat.
Auf dem Weg nach Hause rennt mich ein junger Typ über den Haufen, die Faust in den Himmel gereckt, eine Deutschlandfahne wie ein Superhelden-Cape um den Hals gebunden. "'Tschuldigung", sagt er, "ich bin's: Deutschman!" Und rennt weiter.
Zu Hause setze ich mich an den Schreibtisch. Draußen vor dem Fenster: Autokorso, Hupen und aggressive Männerstimmen, die "Deutschland! Deutschland! Finale!" blöken.
Ein Freund aus Berlin mailt: "Ghana hat, den Raketen zufolge, ja offenbar leider verloren. Hab' keinen Bock auf Weltmeister, bin schon als Papst bedient."
- Datum 24.06.2010 - 15:03 Uhr
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- Serie WM-Tagebuch
- Quelle ZEIT ONLINE
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Vielen Dank für diesen Bericht.
Es geht mir ganz genauso. All diese Leute, die jetzt ständig nur von Fußball schwafeln, obwohl sie davon nicht die Bohne verstehen. Einfach unerträglich.
Und dieses lächerliche Gerede vom Finale, plus der unsäglichen Fahnen und bierseligen Deutschtümelei.
Naja, zum Glück ist das ja dann am Sonntag vorbei, denn diese Mannschaft kommt gegen die Engländer niemals weiter.
Einfach herrlich fand ich die Bezeichnung der WM als Pisa-Stimmmungs-Test. Dem ist nichts hinzuzufügen.
Moin,
mir scheint du wärst besser mal zum Yoga oder zu Meditation gegangen, wenn dich so vieles nervt :-) Ich finds witzig, wie die Leute immer einen Anlass brauchen um aus sich herauszugehen. Karneval, das importierte Halloween oder eben eine Fussball-WM, feiern will gelernt sein! Ich gönn es den Leuten und das Fussballfieber nehm ich auch gerne mit - ist ja auch ganz unterhaltsam dieser Sport, aber eben auch nur alle paar Jahre.
Mann, ey - Du sprichst mir aus der Seele! Abgesehen davon, dass mir Fußball am A... vorbeigeht. Heute morgen habe ich ein Päärchen in einem Auto gesehen, die hatten auf dem Armaturenbrett schwarzrotgoldene Federboas liegen, und vorgestern eine 6-köpfige Familie, die ihren 4 Schratzen jeweils eine Deppentröte spendiert hat, mit welcher sie ab sofort das Stadtviertel terrorisieren können. In der Kneipe um die Ecke sitzen erwachsene Menschen mit schwarzrotgoldenen Kunststoffblumen um den Hals. Da kann man schon in Grübeln kommen.
Als aktuelle Massenpsychose hat die WM aber durchaus Unterhaltungswert.
für diesen Artikel, ich sehe es genauso! Seit der WM 2006 haben endlich alle unsportlichen den Fussball für sich entdeckt, sie haben zwar selbst noch nie Fussball gespielt, sind eigentlich Total unsportlich, tragen aber in diesen zeiten Schwarz,Rot,Gold und sind natürlich beim Autokorso mit vorne dabei (wir wollen doch feiern) die Presse stimmt mit ein, (das Sommermärchen geht weiter!)ja doch ünterstützen sie die Deutsche Mannschaft kaufen sie noch schnell Fanartikel, es macht auch nichts wenn sie null Ahnung von diesem Sport haben, hauptsache sie sind bei der Party mit dabei, und finden jedes noch so schlechte Spiel der Deutschen einfach Toll! und gröhlen wir werden Weltmeister, und nicht vergessen, kippen sie dem neben Ihnen noch das Bier auf sein Deutsches Trikot in XXL (weil sonst passt ja die Bierkulle nicht rein).
danke für diesen Artikel
Nun haben also auch all die MiesepeterInnen ihren Wunsch-Artikel. Wären sie ehrlich, würden sie einfach folgendes zugeben:
"Ich finde den Trubel nervig, traue mich aber nicht, das einfach zu sagen. Statt dessen verstecke ich meine Abneigung hinter pseudo-moralischen bzw. aufgesetzt-spöttischen Tiraden und freue mich meiner ach so großen geistigen und moralischen Überlegenheit über den doofen Schwarz-Rot-Gold-Pöbel. Und GOTT SEI DANK gibt es noch ein paar andere, die genau so verkrampf...äh, ich meine fortschrittlich sind wie ich. Ist die Welt nicht schön, wenn man sich so toll vorkommen kann - weil man mit seiner Verachtung zu einer kleinen Minderheit gehören und sich GENAU DESHALB einreden kann, man sei etwas besseres?"
Man muss auch gönnen können (z. B. anderen die WM-Begeisterung, auch wenn man es nicht nachfühlen kann/will). Sie können es nicht - und bilden sich darauf auch noch wer weiß was ein.
Mein Beileid.
Oha da hat sich aber einer angesprochen gefühlt, *lach* und nimmt das alles so verdammt verkrampft und ernst!
naja als Werderfan, wenn wundert das, wenn man ewig das nachsehen hat.
Wunderschönes Wort. Und trifft auf mich zu. Ich sehe mir nur die Hauptphasenspiele der DFB-Elf an, EM und WM. Ich kann gerade mal erklären, was "Abseits" bedeutet. Ich BIN ein Quartalsfußballgucker. Aber ich gebe es immerhin zu: Ich setze mich zuhause allein oder zu zweit vor den Fernseher und sehe mir die Spiele an, deren Nationen ich von früheren Turnieren kenne. Ich habe Spaß an schnellem Spiel und geschickten Kombinationen, ich freue mich, wenn Deutschland weiter kommt und finde es schade, wenn sie verlieren.
Public Viewing ist mir ebenso zuwider wie alle TV-basierten öffentlichen Veranstaltungen mit mehr als einer Handvoll Leuten, weil immer einer da ist, der neunmalklug dazwischen quatscht, anstatt sich einfach nur das Spiel anzusehen, ganz zu schweigen von denen, die völlig austicken, je nach Anlass auf andere Art und Weise. Vielleicht bin ich ja einer von diesen deutschen, stokelig-ernsten Hausmeistertypen. Was auch immer das heißt.
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