Ich hab mir das Spiel in einer Bar in Berlin-Mitte angeschaut, die Stimmung war pro Mexiko. Die Ausnahme in dieser Gegend, wie mir scheint. Ein englischer Tourist, den ich zuvor traf, sagte: "The host must win." Und repräsentierte damit die Mehrheit der Leute.

Mit dem Unentschieden meiner Mexikaner bin ich zufrieden. Es war, das haben die Mexiko-Fans um mich herum bestätigt, typisch: In der ersten Hälfte dem Gegner überlegen, haben sie sich dazu verleiten lassen, sich in ihr Spiel zu verlieben, zu verzücken. Und dabei vergessen, Tore zu schießen. Nach der Halbzeit waren sie wohl noch in der Siesta und haben sich von den Südafrikanern übertölpeln lassen.

Ich hatte auch den Eindruck, dass sie sich von den Vuvuzelas einschüchtern ließen. Die können schon eine Wirkung erzielen, gerade wenn Südafrikas Gegner hinten liegt. Ein bisschen genervt haben Sie auch, aber nur ein bisschen.

Das Abseitstor der Mexikaner in der ersten Halbzeit war der Aufreger des Spiels. Klares Tor!, schrieen alle. Dachte ich auch. Okay, im Nachhinein gesehen, war die Entscheidung wohl doch richtig. Doch davon sollten sich die Mexikaner ihre Verschwörungstheorie nicht nehmen lassen. Denn Mexiko spielte heute gegen den Rest der Welt. The host must win ... Oder kann mir jemand sagen, warum ein usbekischer Schiedsrichter dort auftaucht?

Insofern ist das 1:1 sogar ein sehr gutes Ergebnis. Die Mexikaner haben es vermieden, zu den Buhmännern des Turniers zu werden. Die gute Ausgangslage bleibt. Zumal Mexiko, wie es heißt, eine Habanero ist. Das ist die schärfste Chili-Schote der Welt. Das besondere an ihr: Sie wird mit jedem Bissen schärfer. Wenn das mal keine gute Analogie für den weiteren Turnierverlauf ist.

Ich glaube, Südafrika und Mexiko setzen sich in der Gruppe durch. Die Südafrikaner waren am Anfang nervös, doch nachher haben sie den Ball gut laufen lassen. Bei den Mexikanern muss die Abwehr besser stehen.

Berlin ist noch nicht WM-euphorisiert, man merkt auf der Straße nicht, dass WM ist. Es war klar, dass es nicht so sein wird wie 2006. Aber es war schon überraschend, dass die Kneipen so leer sind. Bei uns waren es, ich hab nachgezählt, sechzehn Leute. Hundert hätten reingepasst. Immerhin war es das WM-Eröffnungsspiel, vermutlich das Spiel mit der weltweit zweithöchsten Einschaltquote.

Andererseits konnte man beobachten, dass Fußball zieht. Wenn die Shopper gesehen haben, dass in der Kneipe im Fernsehen Fußball lief, haben sie sich hingesetzt, ihr Designer-Täschchen abgelegt, einen Latte Macchiato oder eine Weißweinschorle bestellt, und eine halbe Stunde geschaut.

Geärgert habe ich mich über Sepp Blatter, der sich sehr in den Vordergrund gedrängt hat. Was hat er bei der Hymne da unten verloren? Und eine neue Erfahrung möchte ich allen mitteilen: Ich war bis gestern zwei Wochen am Mittelmeer, doch das psychologische Tief nach Urlaubsende ist nicht zu spüren. Jetzt ist ja WM. Hatte die vierundzwanzig Stunden vor dem Spiel nichts anderes gemacht als das kicker -Sonderheft und alle Varianten zu lesen.

Die WM-Paten: Jedes teilnehmende Land bekommt einen Paten aus den Redaktionen von ZEIT ONLINE, ZEIT oder extern. Die Paten porträtieren die Länderteams und schreiben subjektive Spielberichte zu den Partien ihres Teams .

Aufgezeichnet von Oliver Fritsch .