Verschwitzt sitzt der Schiedsrichter-Assistent in der Kabine. Halbzeitpause. Er reibt sich mit der flachen Hand über die Stirn, sagt zu seinen Kollegen: "Ich glaube es war Abseits." Er hat es auf der Videoleinwand gesehen, er wirkt niedergeschlagen. Diese Szene spielte nicht nach der Begegnung Argentinien gegen Mexiko vor wenigen Tagen, als Carlos Tevez das 1:0 für Argentinien erzielte und dabei klar im Abseits stand. Sie ist aus dem Film Referees at Work. Die Autoren haben die Schiedsrichter während der EM 2008 begleitet, sie geben einen Einblick in das Seelenleben der Unparteiischen.

Mit ihren Fehlentscheidungen prägen die Männer mit der Pfeife diese Weltmeisterschaft in Südafrika. Für Spieler, Sportjournalisten und Trainer sind die Unparteiischen Schuld, dass einige Teams ausscheiden mussten. Zudem werden die Schiedsrichter von der Fifa im Stich gelassen. Ohne technische Hilfsmittel werden sie wieder Fehler machen und weiter Kritik einstecken müssen.

Doch warum setzen sich Menschen dem Druck dieser Aufgabe aus? Warum machen die das?

Die Motivation ist unterschiedlich. "Viele Schiedsrichter nehmen die Aufgabe wahr, weil sie das Gefühl haben gebraucht zu werden. Und weil jeder das gerne macht was er gut kann", sagt Sportpsychologe Ralf Brand von der Universität Potsdam. Sie wollen Gutes tun, Anerkennung bekommen, Leistung bringen.

Schiedsrichter müssen ein hartes Auswahlverfahren durchlaufen. Nur die besten kommen durch, die Auswahl für die WM 2010 begann schon vor drei Jahren, von 80 Schiedsrichtern fuhren nur 30 nach Südafrika. "Schiedsrichter werden nicht eingesetzt, weil sie so nette Typen sind", sagt Ralf Brand. "Sie qualifizieren sich Woche für Woche für Einsätze und große Turniere." Deshalb wüssten sie, dass nur wenige Menschen mit dieser Drucksituation klar kommen. Ohne sie geht es nicht, denken sie.

Viele Schiedsrichter in den unteren Ligen dagegen hätten selbst höherklassig Fußball gespielt, der Sprung zu den Profis misslang. Der Wechsel vom Fußballer zum Schiedsrichter ist dann nicht untypisch: Sie ticken ähnlich. In beiden Bereichen ist der Leistungsdruck hoch, in die höchste Liga schaffen es die wenigsten. In Deutschland kicken sechs Millionen Fußballer in Vereinen, kaum einer ist Profi. Ähnliche Zahlen bei den Schiedsrichtern: Von 80.000 Unparteiischen pfeifen nur 21 in der Bundesliga.