Debatte Braucht der Fußball den Videobeweis?

Sollte Fußballschiedsrichtern moderne Hilfstechnik zur Hand gegeben werden? Oder wird der Sport dadurch entmenschlicht? Wir sind an der Diskussion mit Ihnen interessiert.

Mit Technik wäre Lampards Tor noch leichter zu erkennen gewesen

Mit Technik wäre Lampards Tor noch leichter zu erkennen gewesen

Seit gestern, seit Lampards nicht gegebenem Tor und Tevez' Abseitstreffer, haben wir wieder eine Debatte um den Videobeweis. Zu diesem Thema ist schon viel gesagt worden, auch an dieser Stelle.

ZEIT-ONLINE-Redakteur Christian Spiller schrieb im März diesen Jahres: "Der Fußball darf sich dem technischen Fortschritt nicht verschließen. Wir leben im 21. Jahrhundert, wir googeln, skypen und twittern. Die Elektronik hat die Welt revolutioniert, hat sie gleichzeitig digital und transparenter gemacht. Nur der Fußball bleibt analog und undurchsichtig. Vielleicht fehlt der Fifa ja generell ein Trend zur Transparenz."

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Steffen Dobbert (ZEIT ONLINE) hielt dagegen: "Der Fußball braucht kein Update, er ist so beliebt, weil seine Entscheidungen nicht eindeutig sind. Auch wenn es inzwischen um Millionengehälter geht, niemand sollte vergessen, dass es um ein Spiel geht. Ein wichtiger Zweck des Fußballs ist es, seine Zuschauer zu unterhalten. Den meisten Stadionbesuchern schmecken die Wurst vor dem und das Bier nach dem Spiel gerade deshalb so gut, weil sie dabei über die jüngsten Fehlentscheidungen streiten. Bei aller Technikliebe in anderen Lebensbereichen, diesen Spaß wollen wir uns doch erhalten."

Heute lesen wir auf allesaussersport, dem Blog von Kai Pahl: "Meine Leser wissen, dass ich ein Gegner des Instant replays und des Videobeweises im Fußball war. Anders als der US-Sport mit seinen vielen Unterbrechungen hat der Fußball ein hohes und ein wertvolles Gut: 45 Minuten Spielfluss. Ein anderes Gut ist aber die Integrität des Spiels. Das Schlüsselereignis, das mich kippen ließ, war das Schiedsrichtertrio um Roberto Rosetti. Die Gesichter nach dem Abseitstreffer von Tevez sprachen Bände. Sie wussten, dass sie eine krasse Fehlentscheidung getroffen hatten, sie wussten, dass alle Spieler, alle Zuschauer im Stadion und alle Fernsehzuschauer die Abseitsstellung spätestens mit der Wiederholung sahen. Und es gab keine Möglichkeit, diese Entscheidung zu widerrufen. Das macht die Glaubwürdigkeit des Spiels kaputt. Das Gesicht von Roberto Rosetti werde ich nicht so schnell vergessen."

Pahl unterbreitet zudem fünf konkrete Anwendungsvorschläge für die Hilfstechnik: "Es gilt, den Fluss des Spiels zu wahren und den Videobeweis auf ein Minimum zu reduzieren. Daher sollte eine Überprüfung per Zeitlupen nur gestattet sein, bei

  1. Ball im Tor oder nicht
  2. Ist ein Elfmeter zu Recht gegeben worden?
  3. Ist ein Treffer per Hand oder aus dem Abseits erzielt worden?
  4. Hat es eine Tätlichkeit gegeben?
  5. Platzverweisen

User Jenss hat gestern im Blog geschrieben: "Die Argumente gegen eine Torraumkamera sind albern. Im Eishockey funktioniert das seit Jahren. Und das Argument, man könne dies nicht machen, da es in den unteren Spielklassen nicht umgesetzt werden könne, bringt mich auf die Palme. Eher haben wir bis in die untersten Spielklassen hinein überall eine Torraumkamera als zwei Linienrichter an der Seite."

Wie sehen Sie das, liebe Leser? Braucht der Fußball den Videobeweis, falls ja – wie könnte er konkret eingesetzt werden? Oder wird der Sport dadurch entmenschlicht? Wir sind an der Meinung interessiert und freuen uns auf eine Diskussion mit Ihnen.

 
Leser-Kommentare
    • marian
    • 28.06.2010 um 16:40 Uhr

    Bei Spielen wie dem von Deutschland/England oder Argentinien/Mexiko stelle ich mir vor, wie die Schiedsrichter und -assistenten in der Halbzeitpause in ihrem Räumchen sitzen, sich ein Video angucken und dann die Hände überm Kopf zusammen schlagen. "Wie konnten wir das übersehen? Warum nur?". Die offiziellen stehen da wie die Deppen.

    Ein Ball, der schon hinter der Linie aufgekommen ist oder ein klares Abseits, dass nicht gepfiffen wurde. Solche Dinge gehören zwar bislang zum Fußball dazu, aber der Fußball braucht diese Dinge nicht.

    Ich kann mir vorstellen, dass man in recht klar eingegrenzten Fällen zum Bildschirm blicken und die Zeitlupe zu Rate ziehen können sollte. Das entlastet die Offiziellen und bringt auch ein Stückchen mehr Objektivität in den Sport.

  1. Schiedsrichter sind auch nur Menschen und deshalb fehlbar. Durch Fehlentscheidungen und Ratlosigkeit wie bei den gestrigen Spielen machen sie sich nur lächerlich. Dank "moderner" Technik wie dem Videobeweis wären sie ein Stück weit unfehlbarer. Die zwei Minuten die es an Zeit kostet, um sich die Zeitlupe anzusehen, lassen sich mühelos mit der Nachspielzeit auffangen.
    Jede Mannschaft sollte ähnlich wie beim Football pro Halbzeit ein Mal die Möglichkeit haben, eine Entscheidung anzufechten. Und wird dem Einwand stattgegeben, gilt er als nicht verwirkt.
    Die FIFA sollte ihre Unparteiischen nicht länger benachteiligen und ihnen das zur Verfügung stellen, was Millionen von Fernsehzuschauern schon seit Jahren zur Verfügung haben.

  2. Da man davon ausgehen kann, dass die Schiedsrichter und ihre Assistenten nicht bewusst
    Fehlentscheidungen treffen und die Entscheidung, ob ein Spieler im Abseits steht oft sehr
    schwer zu treffen ist, da der ballabgebende Spieler oft sehr weit von dem ballannehmenden
    Mitspieler entfernt steht, bin ich für den Videobeweis, falls durch ein Abseits ein Tor erzielt
    wird. Um eine Torentscheidung zu überprüfen, genügten zwei Assistenten, die hinter den
    Toren postiert werden.
    Noch eine kleine Korrektur: Herr Spiller schrieb im März dieses Jahres, nicht diesen Jahres !

  3. Ein Schiedsrichter, zwei Linienrichter und Torwartrichter oder ein Schiedsrichter 1 Assistent, der alles auf Video sieht und ggf. per Funk Rücksprache mit dem Schiedsrichter hält?
    Ganz klar letzeres - und Billiger bedeutet auch, dass es eher in den unteren Liegen eingesetzt wird. Dort gäbe es auch den größten Profit davon, da man ja sieht, wie Schiedsrichter mit mäßiger Qualität Spiele kippen können. Darüberhinaus ist eine Kamera auch unbestechlicher wie ein Schiedsrichterteam aus 5 Personen.

    • ttx
    • 28.06.2010 um 19:39 Uhr

    Beim Fußball kann jede Entscheidung spielentscheidend sein, man müsste also den Videobeweis bei allen Szenen zulassen: Man stelle sich vor, Argentiniens Tor wäre gestern dank Videobeweis zurückgepfiffen worden, Mexiko hätte aber nach einem direkten Freistoß oder einer Ecke ein Tor geschossen und Argentinien wäre ohne Chance, die zugrundeliegende Entscheidung nachprüfen zu lassen. Es macht im Hinblick auf Fairness keinen Sinn, die Möglichkeit des Videobeweises einzuschränken, weil eine Seite u.U. benachteiligt würde.

    Derzeit ist die Möglichkeit, dass der Schiedsrichter eine Fehlentscheidung trifft, in allen möglichen Situation gleich hoch. Bei einer nur teilweisen Einführung von Technik gäbe es hier keine Balance mehr.

    Wenn man den Videobeweis nun bei allen Szenen zulässt und z.B. jeder Seite zwei Möglichkeiten zur Nachprüfung einräumt, müsste die Zeit angehalten oder nachgespielt werden. Problem: selbst nach der Prüfung von 10 Kameraperspektiven sind viele Entscheidungen (bspw. Foul, Hand) nicht eindeutig klärbar und müssen nach wie vor durch den Schiedsrichter ausgelegt werden. Jedes Spiel wird in der Schlussphase hektischer, der Videobeweis wäre also fortan ein taktisches Mittel, um Zeit zu schinden oder "Momentum" des Gegners zu zerstören.

    Dass der Videobeweis nicht in allen Ligen technisch umsetzbar ist, sollte klar sein. Wir würden also künftig zwei verschiedene Versionen des Fußballs sehen. Profifußball und Amateurfußball.

  4. Gerechtigkeit und Fairness sind schließlich verwandte Güter. Man könnte mit den teilweise haarsträubenden Fehlentscheidungen allein der letzten Jahre mehrere abendfüllende Sendungen bestreiten, die belegen, dass wesentliche Teile der Fußballgeschichte eigentlich neu geschrieben werden müssten. Im Profifußball geht es mittlerweile um horrende Summen,
    und vermeidbare falsche Entscheidungen sind mehr als nur ein Ärgernis für die Fans, sie können auch erhebliche wirtschaftliche und persönliche Konsequenzen haben. Mittlerweile ist die Technik ausgereift und wird in anderen Sportarten mit Erfolg eingesetzt. Selbstverständlich ist die Autorität des Schiedrichters zu wahren und Spielfluss weitestgehend zu erhalten, aber das ist durchaus machbar.
    Seltsam, wie die FIFA und andere Verbände bei Markenrechten alle Register ziehen, aber beim Wesentlichen, falls ich mir erlauben darf das eigentliche Spiel so zu bezeichnen, auf dem Stand von Hobbykickern verharrt.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • ttx
    • 28.06.2010 um 20:09 Uhr

    Schonmal darüber nachgedacht, dass es im Fußball nur deshalb um "horrende Summen" geht, weil die Menschen den Sport so lieben, wie er ist? Wie oft schauen Sie Fußball? Regelmäßig oder nur alle 2 Jahre? Ich befürchte letzteres.

    Hält Technik erstmal Einzug beim Fußball, gäbe es kein Halten mehr (s.o.).

    • ttx
    • 28.06.2010 um 20:09 Uhr

    Schonmal darüber nachgedacht, dass es im Fußball nur deshalb um "horrende Summen" geht, weil die Menschen den Sport so lieben, wie er ist? Wie oft schauen Sie Fußball? Regelmäßig oder nur alle 2 Jahre? Ich befürchte letzteres.

    Hält Technik erstmal Einzug beim Fußball, gäbe es kein Halten mehr (s.o.).

    • ttx
    • 28.06.2010 um 20:09 Uhr

    Schonmal darüber nachgedacht, dass es im Fußball nur deshalb um "horrende Summen" geht, weil die Menschen den Sport so lieben, wie er ist? Wie oft schauen Sie Fußball? Regelmäßig oder nur alle 2 Jahre? Ich befürchte letzteres.

    Hält Technik erstmal Einzug beim Fußball, gäbe es kein Halten mehr (s.o.).

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