Deutschland gegen England, Weltmeisterschaft, K.o-Spiel. Einige nennen so etwas Hochspannungsmatch, anderen zittern die Hände beim Zuschauen. Thomas Müller spielt einfach mit, trifft doppelt und sagt danach: "Nach meinem Tor zum 3:1 war das Spiel gegessen." Bevor er weitergeht, lächelt er natürlich noch dieses Schlitzohrlächeln.

Wenn Joachim Löw die Unbekümmertheit seines Mittelfeldstürmers beschreiben soll, sagt er Worte wie "eiskalt", "immer unverkrampft" und "kaltschnäuzig". Soll heißen: Dieser 20 jährige Müller ist der coolste von allen.

Man kann in diesem Thomas Müller aber auch so etwas wie eine Blaupause für die gesamte deutsche Auswahlmannschaft des Jahres 2010 sehen. Äußerst talentiert, erfreulich unbekümmert und überraschend jung lauten die prägenden Eigenschaften des von Löw formierten Teams.

Im Achtelfinalspiel war die deutsche Mannschaft durchschnittlich vier Jahre jünger als das Team der Engländer. Nun macht Jugend allein noch keinen schöneren Sommer. Doch der Bundestrainer hat es geschafft, das Potenzial der jungen Männer in Kombinations- und Tempofußball zu wandeln.

Phasenweise spielten die DFB-Jugendliche beim 4:1 mit den erfahrenen Stars des englischen Fußballs wie es ihnen gefiel. Dem dritten und dem vierten deutschen Tor gingen Kombinationen voraus, für die der englische Trainer Fabio Capello die anerkennenden Worte des "deutschen Geschwindigkeitsfußballs" fand.

Vielleicht war das ganze auch ein Experiment. Wahrscheinlich war selbst Joachim Löw unsicher, ob die von ihm zusammengestellte Truppe das, was sie kann, auch zeigt, wenn es darauf ankommt. Na klar, wenn das "Bloemfontain-Tor" auch vom Schiedsrichter zum 2:2 anerkannt wird, nimmt das Spiel einen anderen Verlauf. Aber es kam anders.

Man kann in der Entwicklung des deutschen Teams auch die Belohnung für Joachim Löws Mut sehen. Nach dem drögen, schlauchenden Quäl-Spiel gegen Ghana und dem Einzug ins Viertelfinale ist sicher: Sein Experiment ist geglückt. Der Sieg gegen England ist auch ein Sieg der Jugend.

"Wir haben ein junges Team und sehr gute Trainer", antwortete Philipp Lahm auf die Frage, wieso diese deutsche Mannschaft so gut Fußball spiele. Joachim Löw sprach von einer "grandiosen Leistung" und sagte, dass ihn besonders der Mut seines jungen Teams beeindruckt habe.

Eine Mannschaft ist dann intakt, wenn die Mischung stimmt: zwischen laut und leise, zwischen frech und seriös und zwischen alt und jung. Das Interessante am Nationalteam ist, dass die wichtigsten Spieler – Philipp Lahm (26), Bastian Schweinsteiger (25), Mesut Özil (21) – zwar Erfahrung haben, aber die wertvollsten Jahre ihrer Karriere noch vor sich haben.

Ein englischer Reporter erklärt das Wertvolle des deutschen Teams vielleicht am besten. Am Ende des WM-Abends saß er enttäuscht im Stadion und versuchte via Skype seiner Frau zu erklären, weshalb England gegen Deutschland verloren hatte. "Müller, Müller, wer ist Müller?", sagte er. "Ist das ein Stürmer, ein Mittelfeldspieler? Das ist ein Unbekannter.
Aber der und die anderen Deutschen, die sind neu und verdammt gut."