Mein WM-Erlebnis: 1998Christian Wörns: Ich fühlte nur Leere

In Lens prügelten deutsche Hooligans den Polizisten Daniel Nivel fast zu Tode. Wir Spieler waren geschockt. Christian Wörns erinnert sich an die WM in Frankreich. von 

Christian Wörns (links) im Zweikampf mit Davor Suker: "Gelb hätte ausgereicht!"

Christian Wörns (links) im Zweikampf mit Davor Suker: "Gelb hätte ausgereicht!"  |  © Gerard Cerles/AFP/Getty Images

An die Weltmeisterschaft in Frankreich habe ich eine besonders traurige Erinnerung: Der Polizist Daniel Nivel wurde von deutschen Hooligans verprügelt und lebensgefährlich verletzt. Zum Glück überlebte er die Tat, doch an ihren Folgen leidet er noch heute. Der Vorfall ereignete sich, als wir in der Vorrunde in Lens 2:2 gegen Jugoslawien spielten. Das Sportliche rückte aber sofort in den Hintergrund. Nach dem Spiel schilderte uns Nationaltrainer Berti Vogts den Vorfall. Beim gemeinsamen Essen saß ich mit Stefan Reuter, Jürgen Kohler und Jörg Heinrich an einem Tisch. Wir waren alle geschockt und wussten nicht was wir sagen sollen. Im Kopf verspürte ich nur ein Gefühl der Leere.

Christian Wörns
Christian Wörns

Christian Wörns, 38, absolvierte 66 Spiele für die Nationalmannschaft. Er nahm an zwei Europameisterschaften und einer Weltmeisterschaft teil. In der Bundesliga spielte er für Borussia Dortmund, Bayer 04 Leverkusen und Waldhof Mannheim. In Frankreich war er ein Jahr bei Paris ST. Germain unter Vertrag. Mit Dortmund holte er 2002 die Meisterschaft, 1993 den DFB-Pokal mit Bayer Leverkusen. Zurzeit trainiert er die Jugendmannschaft des Hombrucher SV.
 

DFB-Präsident Egidius Braun sagte, dass er sich für die Tat sehr schäme. Er überlegte sogar, die Nationalmannschaft vom Turnier zurückzuziehen. Letztlich spielten wir aber weiter. Der DFB und die Fifa gründeten 2000 eine Stiftung, die sich um die Opfer von Gewalt kümmert. Zur Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland lud der DFB Nivel und seine Frau ein.

Bis auf diesen brutalen Vorfall war die Weltmeisterschaft 1998 in Frankreich relativ unspektakulär. In der Mannschaft herrschte eine gute Stimmung. Gelegentlich nutzten wir einen freien Nachmittag, um uns die Umgebung von Lens anzuschauen. Hin und wieder unternahmen wir auch etwas mit unseren Familien.

Zwei Jahre zuvor hatten wir die Europameisterschaft in England gewonnen, bei der Weltmeisterschaft sollte der nächste Titel folgen. Sportlich lief es aber nicht besonders für uns. Die Vorrunde schlossen wir zwar als Gruppenerster ab. Aber schon im Achtelfinale hatten wir große Probleme. Mit Glück gewannen wir 2:1 gegen Mexiko. Oliver Bierhof erzielte kurz vor Schluss den Siegtreffer. Wir kamen noch einmal mit einem blauen Auge davon.

Im Viertelfinale trafen wir auf Kroatien. Wir waren die bessere Mannschaft, aber vorne haben wir es einfach nicht geschafft, ein Tor zu schießen. Das Spiel nahm mit meiner Roten Karte einen schlechten Lauf. Lothar Matthäus spielte mir den Ball etwas zu kurz zu. Ich wollte Davor Suker den Ball weggrätschen, leider kam ich etwas zu spät und traf ihn am Knöchel. Der Schiedsrichter zeigte mir sofort Rot.

Ich glaube die Gelbe Karte hätte ausgereicht, aber so musste die Mannschaft mit einem Mann weniger spielen. Nach der Herausstellung war ich bitter enttäuscht. Als ich in die Kabine ging, hoffte ich noch, dass die Mannschaft das Spiel ohne mich gewinnt. Ich dachte: Im Fußball ist alles möglich. Leider kam es anders. Die Kroaten spielten clever und erzielten kurz vor der Halbzeit das 0:1. Wir rannten dem Rückstand hinterher und kassierten noch zwei Kontertore zum 0:3-Endstand.

Aufgezeichnet von Christoph Heymann

Von 1954-2006: In "Mein WM-Erlebnis" berichten frühere und aktuelle Fußball-Größen über ihr ganz persönliches Erlebnis während einer Weltmeisterschaft. Morgen: Marco Bode über sein Tor bei der WM 2002.


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Leserkommentare
  1. Ist ja lustig

  2. ... die "wir" je hatten.
    Zusammen mit Nowotny der absolute Albtraum.

  3. " Lothar Matthäus spielte mir den Ball etwas zu kurz zu."

    das konnte er sich dann wohl doch nicht verkneifen.

    " am Knoechel" finde ich auch lustig, woerns hat Suker heftigst umgenietet.....
    http://www.youtube.com/wa...

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