Frankreichs WM-Aus Multimillionäre als Abladeplatz

Vizeweltmeister Frankreich ist ausgeschieden. Unser WM-Pate Gero von Randow bezweifelt die Theorie, eine Fußballmannschaft sei immer der Spiegel ihrer Gesellschaft.

Gewiss, die Spieler sind reich, sehr reich: Franck Ribéry, im Hintergrund Trainer Raymond Domenech

Gewiss, die Spieler sind reich, sehr reich: Franck Ribéry, im Hintergrund Trainer Raymond Domenech

Es war der Abend des Spiels Frankreichs gegen Mexiko, gleichwohl war das Prunier voll, ein sehr feines Restaurant, das wegen seines ausgesuchten Kaviars und der perfekten Meeresfrüchte aufgesucht wird. Der Kellner geht zum Nebentisch und sagt: "Eine gute Nachricht." – "Und zwar?" – "Eins zu Null für Mexiko." Große Freude, und nein: Die Tischnachbarn waren nicht Mexikaner sondern Franzosen. Kurz darauf "noch eine gute Nachricht" – woraufhin der Ruf "Champagner!" erscholl.

Dekadente Elitefranzosen, abgekoppelt vom Volk? Von wegen! Tags darauf auf dem Wochenmarkt gab es nur einen Gesprächsgegenstand jenseits der ersten Tomaten, der schönen Poulets, des Käses und der prächtigen Kalbszunge: Wie lächerlich, wie verachtenswert doch die französische Fußballmannschaft sei. "Man sollte ihnen den Mindestlohn geben, dann würden sie schneller laufen!", meinte der Gemüsemann. Vernichtend auch die Umfragen auf den Websites derfranzösischen Presse: Die Mehrheit der Franzosen wünschte ihrer Mannschaft, dass sie die Vorrunde nicht überstehe. So kam es dann ja auch.

Schon die Vorbereitungsspiele waren katastrophal, einzig nach dem Vorrundenspiel gegen Uruguay kam kurz Hoffnung auf. Dann jedoch folgte der Absturz, mit allen Begleiterscheinungen eines Psychodramas, Trainingsstreik inbegriffen.

Die Presse überschlug sich. Von "Desertion" war die Rede und es hieß, "die Welt lacht über Frankreich." Das Land schien vergessen zu haben, dass es sich nur um Fußball handelt. Der Staatspräsident schickte seine Sportministerin an die Front. Sie kündigte eine "Untersuchung" an. Absurdes Theater. Man konnte Samuel Becketts Endspiel zitieren: "Was geschieht  eigentlich?" - "Irgend etwas geht seinen Gang."

Aber was? Bevor wir da in die Details gehen, ist vielleicht eine grundsätzliche Bemerkung angebracht.

Denn auch was den deutschen Fußball betrifft, hält sich unausgesetzt eine Theorie im Umlauf, die höchst eigenartig ist. Sie besagt, dass eine Fußballmannschaft der Spiegel ihrer Gesellschaft sei. Nur – wieso eigentlich? Mit Sicherheit ist sie kein statistisches Sample der Bevölkerung. Außerdem ein soziologisches Ausnahmephänomen erster Güte. Schon wahr, sie lebt nicht auf einer Insel, sie steht unter Einfluss, aber wieso ausgerechnet sie signifikant für irgendetwas sein soll, außer vielleicht für den Sport, das lässt sich schwerlich zeigen.

Leser-Kommentare
  1. Herr von Randow lebt in Paris und ist nach meiner Kenntnis durchaus als guter Analytiker französischer Verhältnisse bekannt. Aber in seinem Artikel meint man zu vernehmen, nicht in die Tiefe gedacht und dem Volk außerhalb von Paris in der Campagne und in den Fabriken nicht genug aufs Maul geschaut zu haben. Dieses Spiegelbild ist doch auf die einfache Formel zu bringen: "Ihr da oben, wir da unten". Wie bei uns in Deutschland und anderen Länder Europas ist die Unzufriedenheit der Franzosen mit den Mächtigen, Reichen, Schönen und Populären immer größer geworden. Man sieht mit Staunen und Entsetzen, dass sich der nahezu unangreifbare Geheimbund um Sarkozy nicht in der Lage ist, die Wünsche und Hoffnungen des Volkes zu verstehen. Da liegt die Einschätzung des Sozialisten Holland wesentlich näher bei den Wurzeln dieser aufklaffenden Schere zwischen den Bevölkerungsgruppen.
    Die Medien gerieren sich als selbsternannte Mediatoren zwischen Pantheon und Marsfeld und reden allzu oft den abgehobenen Halbgöttern in der Meinung das Wort, damit dem Volk Gutes tun zu können. Die Medien mit wenigen Ausnahmen stabilisieren überall die herrschenden Verhältnisse, auch in ihrem ureigensten Interesse. Dabei entfernen sie sich immer weiter von der gefühlten Meinung der Bevölkerung. Die l´equipe tricolore ist ein entllarvtes Abbild einer selbstsüchtigen, korrupten und entfremdeten Eliteclique und das Volk hat mit vollem Recht von den Politikern wie den Fußballern die Schnauze voll.

    W.Neisser

  2. tut das gut, exakte Beschreibung mit richtiger Schlußfolgerung.

    Das Volk hat mitnichten die Schnauze voll vom Fußball, nur von der eigenen Erfolglosigkeit. Das mit der Projektion ist schon ganz richtig beobachtet.

    Im großen und ganzen ist es sogar so dass die Politik und Volk vom Fußball eine Menge lernen könnten - denn wo wären denn die Manschaften der westlichen Industrienationen ohne die Nachkommen der Einwanderer?
    Wir können viel voneinander lernen, packen wir's an ...

    • Hickey
    • 23.06.2010 um 13:29 Uhr

    ...aber wer im Fußball wirklich "mehr" sieht, als ein Profitablen-Sport, der hat eindeutig einen Realitätsverlust erlitten.

    Arme Französische Politiker....

    • tom310
    • 23.06.2010 um 15:10 Uhr

    Wenn Politiker in den Fußball eingreifen, dann neigt die FIFA schon mal dazu, den betroffenen Verband auszuschließen. Macht ja auch Sinn, schließlich ist es nur Fußball.
    Dass Sarkozy wiedermal den Retter in der Not spielt und so tut als könnte er irgendetwas bewegen, ist geradezu ein Spiegelbild seiner, im besten Fall als "unstet" zu bezeichnenden, Politik.
    Umso mehr spiegelt die "Equipe tricolore" Frankreich, hilfloser Aktionismus trifft auf ignorante Eliten, man betrachte allein den Streit zwischen Sarkozy und de Villepin.

  3. Alle Spieler und den Trainer rauswerfen

    dann

    neu anfangen

  4. ist das ihre Elite sie immer noch als eine solche sieht.

    Vizeweltmeister 2006, G8 Nation, Atommacht etc. - mit solchen Bildern lebt es sich gut, auch wenn es unter der Oberfläche schon lange vor sich hin gammelt - siehe Le Pen im zweiten Wahlgang 2002.

    Aber solange oben alles schön glänzt, muss man ja nichts tun. Bis die 'Merde' irgendwann explodiert.

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