Taktik

Deutschland mit zwei Änderungen, Cacau für den gesperrten Klose, Boateng für Badstuber. Aber Joachim Löw blieb seinem System treu, 4-2-3-1, selbe Taktik: Ballbehauptung, Ballbesitz, Tempowechsel mit flexiblem Zentrum und strengen Flügeln.

Ghana verdichtete das Zentrum, die Abwehr stand sehr hoch – also möglichst entfernt vom eigenen Tor –, höher als die Serbiens, gelegentliche Abseitsfalle. Dazu schnelle Vorstöße auf die schnellen rotierenden Spitzen.

Das Spiel war sehr lebendig, auch weil von vielen Fehlern bestimmt. So war Deutschlands Abwehr teils schlecht aufeinander abgestimmt. Dagegen klappte die Abseitsfalle Ghanas nicht immer, oder vor ihrer Abwehr ergab sich ein Loch.

Einzelwertung

Manuel Neuer : eine Schwäche bei einer Ecke. Mit einer sehr wichtigen Parade gegen Asamoah in der 50. Minute. Und einem tollen Abwurf auf Özil in die gegnerische Hälfte. Spielte sehr gut außerhalb des Strafraums mit.

Jerome Boateng begann stark, konnte ein Mal Mertesacker auf halb rechts an der Strafraumgrenze aushelfen. Fiel dann auf eine einfache Flankenfinte rein, indem er sprang. Darf er nicht machen! In der Luft kann man nicht verteidigen. Ließ zudem direkt nach dem Führungstreffer seinen Gegenspieler aus den Augen, der am langen Pfosten zum Kopfball kam. Zwanzig Minuten vor Ende ausgewechselt. Mit Rücken.

Arne Friedrich : solider Abwehrchef, musste viele Fehler seines Nebenmanns Mertesacker ausbügeln, stärkste Szene, als er Boateng seine Weddinger Übersteiger machen ließ ... und ihm den Ball abnahm, etwa so:

Per Mertesacker stand fast das ganze Spiel neben sich. Stellungsfehler, Ballverluste, verlorene Kopfballduelle. Meine Forderung: Als Verteidiger musst Du meist seitlich zum Angreifer stehen, nicht frontal! Genau das hat er das eine oder andere Mal getan, konnte sich so auf lange Pässe nur schwer einstellen. Fällt bei dieser WM bislang unter sein Niveau.

Philipp Lahm macht offensichtlich doch Fehler, kreuzte anfangs ein Mal mit Mertesacker den Laufweg, was einer eingespielten Abwehr wie Inter Mailand in hundert Jahren nicht passiert. Sonst aber souverän im Zweikampf. Trieb sein Team an, verlief sich aber auf dem Weg zum Tor wie Hänsel im Wald. Warum schoss er nicht bei seinem Rush in der ersten Halbzeit? Blockte in der zweiten einen Schuss und verhinderte ein Tor. Buchen wir das Spiel als Reifung ab.

Bastian Schweinsteiger : bester Deutscher (bis in die Mitte der zweiten Halbzeit). War sehr viel unterwegs, stopfte Löcher, wo immer sie entstanden, sehr ballsicher, fungierte gut sowohl als Relais als auch als Balltreiber. Vorzüglich in der eigenen Hälfte. Konnte sich in der Offensive steigern. Allerdings ließ auch er nach dem Führungstreffer seinen Gegenspieler ziehen. Hoffentlich nicht zu stark verletzt.

Sami Khedira hatte mehr einfache Ballverluste als üblich. War früh zu Kingsons Tor unterwegs, kam aber nie zum Abschluss. Könnte gegen England ohne Schweinsteiger (?) mehr in der Defensive gefordert sein.

Lukas Podolski wurde erstaunlicherweise nicht ausgewechselt. Kaum ins Spiel integriert, war isoliert.

Thomas Müller klebte mir zu sehr am Flügel (vermutlich auf Anordnung). Seine Stärke spielt er aber eher auf der Halbposition aus, wie mir scheint. Torvorbereiter nach langer Ballführung. Ich will ihn öfter im Strafraum sehen, da fallen die Tore.

Mesut Özil hatte von Beginn an mehr Platz als vermutet. Als er selbst vermutet hat, vermutlich. Denn Özil hatte zunächst wohl die falschen Schuhe an, vergab eine Großchance. Das Tor war wiederum verdammt gut, von der Annahme, über das Setzen des Standbeins bis zur Rhythmisierung der Schussbewegung. Eins möchte ich, der schon etliche Spielabbrüche mit "ethnischen Mannschaften" im Amateurfußball selbst erlebt habe, festhalten: Toll, dass Deutschlands Torschütze Mesut Özil heißt.

Cacau : überall. Und leider oft auch nirgends. Harmonierte weder mit Müller noch mit Podolski. Spielte extrem vorhersehbare Doppelpässe. Tipp: den Pass auch mal antäuschen, verzögern. Cacau ist, glaube ich, kein Spieler für das System mit einer Spitze. Tendenz: Mit Miroslav Klose ist demnächst wieder zu rechnen. Zur Ehrenrettung: ein guter Pass auf Özil.

Die Eingewechselten Piotr Trochowski , Marcell Jansen und Toni Kroos kamen ins Spiel, als das Rennen gelaufen war. Ein Schiedsrichter soll auch dabei gewesen sein. Welch tolles Lob für ihn! Und Kevin-Prince Boateng hat das Zentrum Ghanas gut verdichtet, war Chef im Mittelfeld. Tragische, na ja, sagen wir traurige Geschichte, dass er für ein anderes Land spielt.

Joachim Löw hat sein erstes Ziel erreicht: Achtelfinaleinzug. Das ist mit dieser jungen Mannschaft keine Selbstverständlichkeit. Dennoch hat er sich von seinem Ideal wieder ein Stück weiter entfernt: Ballkontrolle mit Tempovariationen und schnellen Steilpässen auf wechselnde Spitzen. Manko 1: Die Abwehr ist nicht dicht, Laufwege sind nicht immer abgestimmt. Manko 2: Die Standards sind harmlos. Manko 3: Die Strategie, Khedira als "flüssigen 6er" auf die Reise zu schicken, geht derzeit nicht auf, zumal er zu langsam für die Steilpässe ist. Manko 4: Müller kann als strenger Flügel seine Stärke nicht ausspielen. Manko 5: Im gegnerischen Strafraum ist keine Gefahr.

Ist natürlich schlau geredet, außerdem hat er ja gewonnen. Doch von Löw erhoffe ich mir mehr als Ergebnisse.