Neuseeland-Slowakei Besser als Rugby
Sie kämpfen um Punkte und gegen Vorurteile. Nach dem Happy End gegen die Slowakei sieht unser WM-Pate Markus Horeld die neuseeländische Mission fast erfüllt.
© Jewel Samad/AFP/Getty Images

Nervenaufreibend, unvorhersehbar, großartig: Torschütze Winston Reid grüßt Wellington
Sie sind doch Prachtkerle, meine Neuseeländer! Für ihre große Mission einen solchen Grottenkick mit Happy End hinzulegen, das war schon gerissen. Glückwunsch, liebe Kiwis, für das 1:1 gegen die Slowakei .
Dazu muss man wissen, dass die neuseeländischen Mannschaft einzig und allein aus dem Grund bei diesem Turnier (ihrer zweiten WM seit 1982) aufläuft, um ihren Landsleuten zu zeigen, dass es noch mehr gibt auf dieser Welt als Rugby. Das ist die große neuseeländische Mission in Südafrika.
Rugby, das ist in Neuseeland die Sportart für echte Männer. Spannend, aggressiv, manchmal brutal. Fußball hingegen, da sind sich die meisten Neuseeländer einig, ist nichts weiter als langweiliges Ballgeschiebe, bei dem sofort abgepfiffen wird, wenn es mal was auf die Knochen gibt. Und lange Zeit durften sich Neuseelands Fernsehzuschauer beim Spiel ihrer Mannschaft gegen den WM-Neuling Slowakei bestätigt sehen. Im Grunde: 90 Minuten lang.
Was hätte man in dieser unendlich langen Zeit alles anstellen können. Mittagessen gehen. Facebook-Kontakte pflegen, Noch mal das Deutschland-Australien-Spiel anschauen. Einen Kommentar über Lafontaines billiges Gauck-Bashing schreiben.

Markus Horeld leitet das Politikressort von ZEIT ONLINE, wäre er Fußballtrainer, lautete sein Motto: "Hoch und weit bringt Sicherheit".
Aber mein Patenkind ist nun mal Neuseeland, also war es mir eine Pflicht, seine ersten Schritte bei dieser WM zu begleiten. Es waren zögerliche, stolpernde Schritte. Voller Furcht, etwas falsch zu machen. Drei Stürmer hatten sie aufgeboten, Smeltz, Fallon und Killen, doch das zeugte weniger vom Mut ihres Trainers Ricki Herbert, sondern bloß von der Alternativlosigkeit seiner Strategie. Er kennt nur diese eine.
Abgesehen von einem Killen-Kopfball Richtung Tor in der fünften Minute macht Neuseeland keine Anstalten, irgendetwas zu unternehmen, was man als Angriff bezeichnen könnte. Das Spiel wird den Slowaken überlassen – die es aber offenbar auch nicht haben wollen.
Immerhin, in der 27. Minute versucht sich Stanislav Sestak mit einer Chance, ein wenig später unternimmt Neuseelands Keeper Paston einen längeren Ausflug außerhalb seines Reviers, doch der slowakische Ex-Nürnberger Vittek kann den Ball nicht im leeren Tor unterbringen. Noch ein paar Minütchen später bringen die Neuseeländer tatsächlich einen ansehnlichen Doppelpass zustande. Shane Smeltz zieht ab, Jubel brandet auf – Außennetz.
Irgendein findiger Techniker muss beim ZDF übrigens etwas gebastelt haben: Das Vuvuzela-Getröte ist dieses Mal so zurückhaltend, dass man zum ersten Mal bei diesem Turnier die Rufe der Spieler hören kann. Möglicherweise schreien Neuseeländer und Slowaken aber auch einfach kräftiger. Oder es sind zu wenig Vuvuzelas da. Tausende Plätze des Royal Bafokeng-Stadions in Rustenburg sind unbesetzt.
Doch zurück zum Spiel. Fortan versuchen sich die Neuseeländer an ihrer alten Taktik: Lange Bälle nach vorn. Nur steht da meistens keiner. Stattdessen drängelt sich das Herbert-Team in der eigenen Hälfte. Man fragt sich schon, wie diese Mannschaft im Testspiel gegen Italien drei Treffer hatte landen können.
Das weitere Geschehen ist schnell erzählt: In der 50. Minute erzielt Vittek das – eigentlich irreguläre, weil aus dem Abseits geschossene – 1:0 für die Slowakei, anschließend tut sich, von einigen wenigen weiteren Vittek-Aktionen nichts mehr – bis zur dritten Minute der Nachspielzeit. Nach einer wunderbaren Vorlage von Smeltz gleicht der Verteidiger Winston Reid zum 1:1 aus.
Und damit kehren wir zur neuseeländischen Mission zurück: Besser als mit einem Tor in allerletzter Minute, das sich anfühlt wie ein großer Sieg, kann man den Leuten zu Hause nicht klarmachen, wie großartig, unvorhersehbar und nervenaufreibend Fußball sein kann. Bleibt nur zu hoffen, dass die neuseeländischen TV-Zuschauer überhaupt bis zum Ende durchgehalten haben: Als das Ausgleichstor fällt, ist es in Neuseelands Hauptstadt Wellington gerade kurz nach ein Uhr nachts.
Die WM-Paten: Jedes teilnehmende Land bekommt einen Paten aus den Redaktionen von ZEIT ONLINE, ZEIT oder extern. Die Paten porträtieren die Länderteams und schreiben subjektive Spielberichte zu den Partien ihres Teams.
- Datum 15.06.2010 - 18:53 Uhr
- Serie WM-Teams
- Quelle ZEIT ONLINE
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