Was die Elftal, die Nationalmannschaft der Niederlande, wirklich kann, ist auch nach dem Sieg im Achtelfinale gegen die Slowakei so klar wie das Wasser im Golf von Mexiko nach zwei Monaten Ölkatastrophe. Ein Gegentor hat sie kassiert – aber erst in der letzten Sekunde der Nachspielzeit, durch einen unberechtigten Elfmeter. Nach vorne hat sie soviel getan wie nötig – aber auch nicht mehr. Kann man derart solide, aber unaufregend Weltmeister werden?

Vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn die Slowakei ihre erste Torchance nach nur 80 Sekunden genutzt hätte. Aber, wie der Bürozyniker Stromberg immer so schön sagt: Hätte, hätte – Fahrradkette. Erik Jendrisek, der neueste Fang von Schalkes Schnäppchenjäger Felix Magath, schießt übers Tor, und schon eine Viertelstunde später kommt es, wie es kommen muss, wenn Arjen Robben auf dem Platz steht.

Deutschlands Lieblingsholländer, der unseren Zweitlieblingsholländer Rafael van der Vaart aus der Startelf verdrängt hat, packt seinen Standardtrick aus: Vom rechten Flügel in scharfer Linkskurve überfallartig nach innen ziehen und mit links schießen, diesmal nicht geschlenzt auf die lange, sondern flach in die kurze Ecke – 1:0. Diesen Trick macht Robben jetzt schon seit ein paar Jahren. Warum ist es so schwer, sich darauf einzustellen? Gucken slowakische Verteidiger eigentlich kein Fernsehen? Da hätten sie die Nummer so oft bewundern können wie den Sonnenaufgang.

Fortan entwickelt sich das Spiel ganz im Sinne der Holländer: Ball kontrollieren und auf die Lücke warten. Dafür ist ihr Blick geschärft – wer sein ganzes Leben hinterm Deich verbringt, hat ein waches Auge auf den kleinsten Spalt. Den gibt es in der slowakischen Deckung durchaus, aber was die Deichländer weniger im Blick haben, ist der freie Mitspieler. Verzweifelt wie ein Bolzplatzkicker hebt Robben bei Kontern die Arme, um auf seine große Freiheit aufmerksam zu machen, doch wird er von seinen Mitspielern geflissentlich übersehen.

Keimt er da schon wieder, der selbstzerstörerische Egoismus in der Elftal, wo jeder besonders schön spielen will? Selbst der wunderbare Spielmacher Wesley Sneijder übersieht mitunter und geflissentlich den besser postierten Mitspieler. Was er sich leisten könnte, wenn er auch einen linken und nicht nur einen rechten Fuß zum Schießen hätte. So muss er eine Extra-Rechtskurve einlegen und bleibt hängen. Quasi im Gegenzug entstehen die beiden einzigen slowakischen Großchancen.

Der Rest des Spiels folgt einer einfachen Logik: Die Slowakei kann nicht, Holland muss nicht. Der Höhepunkt der ersten Halbzeit ist der Linienrichter, dem eine neue Fahne gereicht werden muss. Selbst nach der Pause halten es die Slowaken zunächst trotz Rückstand mit der Taktik von König Otto Rehhakles von Griechenland: Lieber tapfer das 0:1 verteidigen, als sich von einem flinken Gegner vorführen zu lassen. Und vorne helfen vielleicht die Götter. Die WM-Neulinge versuchen es mit Fernschüssen aus gefühlten 400 Metern – soviel kann nicht mal der WM-Ball Jabulani flattern, dass das gefährlich wird.

Vorne wirft sich der Jan Mucha, der slowakische Schlussmann, beherzt Robbens Patenttrick und auch Kuyts Raubkopie entgegen, nur mit seinem durchaus weltmeisterlichen Riechzinken bewaffnet. Doch hat der Nasenstüber seinen Spürsinn offenbar so verwirrt, dass er in der 83. Minute planlos einem schnell ausgeführten Freistoß der Niederländer entgegenrennt, von Kuyt ausgespielt und von Sneijder zum 2:0 überwunden wird. Dass nach dem Elfmetertor für die Slowakei in letzter Sekunde gar nicht mehr angepfiffen wird, ist ein schönes Schlussbild dieser Partie: Eine echte Chance hatten die Slowaken nie.

Einen ähnlich genügsamen Gegner werden die Niederländer während dieses Turniers nicht mehr treffen, egal, ob sie es im Viertelfinale nun mit Chile oder Brasilien zu tun bekommen. Doch bisher hat – aus lauter Furcht vor der oranjen Offensivabteilung – auch noch keiner ihrer Gegner wirklich versucht, gegen die Elftal das Spiel zu machen. Wenn das so weitergeht und es niemand wagt, sie unter Druck zu setzen, werden die Niederländer mal ganz beiläufig Weltmeister.

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