Sollte Franz Beckenbauer doch Recht gehabt haben mit seiner Kritik? Wenn sogar ein Kommentator des kommerziellen Free TV Senders ITV es für angebracht hält, dem heimischen Publikum eine solche Frage zuzumuten, dann ist das ein untrügliches Indiz dafür, dass es wirklich miserabel stehen muss um das Team England.

Die Fußballberichterstattung von ITV neigt nicht zu differenzierter Analyse, sondern zeichnet sich durch populistisch gefärbte Schlichtheit aus. Doch die Leistung der eigenen Fußballer war so grottenschlecht, die Mängel in der Formation zu offensichtlich. Die lauten Buhrufe, mit denen die England-Fans im Stadion die eigene Mannschaft bedachten, waren allzu verständlich: Nach der üblichen Phase überschwänglicher Euphorie und völlig überzogener Erwartungen, die vor jedem großen Turnier die Nation erfasst, wird man nun der harschen Realität gewahr. Die Mannschaft, die Fabio Capello an seinem 64. Geburtstag aufs Feld schickte, hat schrecklichen Fußball geboten : Sie spielte langsam, einfallslos und ohne Selbstvertrauen, was oft beim langen Pass ins Leere endete. Das war oft genau jenes "Kick and Rush", das Beckenbauer vielleicht ein bisschen taktlos bereits nach dem ersten Spiel Englands gegen die Vereinigten Staaten moniert hatte.

Die traurige Bilanz nach vier Jahren des strengen Regimentes unter Capello: Auch der Italiener, der fünf Millionen Pfund Gehalt im Jahr bezieht, hat eine eklatante, eigentlich unverständliche Unfähigkeit der Mannschaft nicht abstellen können. Sie beherrscht immer noch nicht die Fähigkeit, den Ball durch die eigenen Reihen gleiten zu lassen und Ballbesitz zu sichern. Wenn Gerrard, Lampard und Rooney, alle erstklassige Fußballer, das Nationaltrikot überstreifen, scheinen sie schlagartig zu vergessen, wie sie, durchaus erfolgreich, in den eigenen Teams spielen, ob bei Chelsea, Liverpool oder Manchester United.

Das Dilemma beginnt hinten, in der Abwehr, aus der heraus zu viele Pässe gespielt werden, die zu ungenau sind, hinter den eigenen Mann gespielt, oft genug keinen Raumgewinn bringen, sondern zum Rückpass zum eigenen Torwart führen, oder zum langen, aufs Prinzip Hoffnung setzenden Befreiungsschlag ins Leere. Es mangelt an Passtechnik, vor allem aber an Kreativität.

England fehlt der Typ des klassischen Spielmachers, der Ruhe ins Spiel bringen, Gegenspieler umdribbeln und den überraschenden Pass schlagen kann. Ein Typ wie Joe Cole, der unverständlicherweise nicht einmal in den letzten zwanzig Minuten eingewechselt wurde. Stattdessen setzte Capello auf das Prinzip Brechstange und schickte nach Defoe mit Peter Crouch einen weiteren Stürmer aufs Feld, zusätzlich zu Wayne Rooney, der noch seine miserable Leistung gegen die USA unterbot.

Der Manager hat das englische Kernproblem nicht zu lösen vermocht. Gerrard und Lampard, beides gute Mittelfeldspieler, aber als Typen zu ähnlich, können einfach nicht gut zusammenspielen. Das wurde gestern aufs Neue bestätigt. Das ist der Vorwurf, den sich Capello zu Recht gefallen lassen muss. Jetzt wird die Kritik an ihm lauter und lauter. Zumal seine Auswechslungspolitik völlig daneben lag.

Shawn Wright Philipps für Lennon brachte keine Verbesserung. Das eigentliche Manko, die fehlende Kreativität im Mittelfeld, wurde nicht adressiert. Barry wirkte im defensivem Mittelfeld nach gutem Beginn müde und war vieler Ballverluste schuldig. Das gleiche galt für Gerrard. Rooney aber, die große Hoffnung Englands, ist völlig von der Rolle, frustriert, mit sich selbst und der Leistung des Teams, versucht deshalb mit aller Gewalt, das Glück zu zwingen und gerät dadurch nur noch tiefer in eine selbstzerstörerische Abwärtsspirale.

Nimmt man die gelegentlich wacklige Abwehr hinzu, durch die Verletzung von Rio Ferdinand und Ledley King ihrer stärksten Stützen beraubt, dann kann einem bange werden.

Nein, um England steht es nicht gut, auch wenn das Torwartproblem mit dem 39-jährigen James vorerst gelöst ist. Selbst ein Team wie Algerien, das nicht zu den besten der Welt zählt, spielte den gefälligeren Fußball, wirkte eleganter, kombinierte gut und schien jedem einzelnen englischen Fußballer technisch überlegen. Ob Capello das zu ändern vermag? Man kann nur hoffen, wahrscheinlich ist es nicht.

Für Englands Fans beginnt jetzt das große Zittern. Selbst die deutsche Niederlage war für viele kein Trost. Die englischen Kommentatoren sprechen einhellig von einer unglücklichen Niederlage und konzedieren, dass die Deutschen selbst in Unterzahl zumindest passabel spielten und gute Chancen herausholten. England ein Titelanwärter? Nicht diese Mannschaft, lautete das resignierte Fazit der TV Kommentators. Dem muss man sich leider anschließen.

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