Serbien - Ghana Keine Zeit für serbische Gesten

Nach der Niederlage gegen Ghana wundert sich unser Serbien-Pate Sascha Venohr über das ungenutzte Offensivpotenzial seines Teams und bemitleidet einen Serben, der eigentlich gewonnen hat.

Nach langer Luftfahrt blieb der Ball an seiner Hand hängen: Zdravko Kuzmanovic muss von Branislav Ivanovic getröstet werden

Nach langer Luftfahrt blieb der Ball an seiner Hand hängen: Zdravko Kuzmanovic muss von Branislav Ivanovic getröstet werden

Die Ghanaer rannten nach dem Schlusspfiff stolz und ausgelassen mit der Nationalfahne über den Rasen. Der Erfolg gegen Serbien war der erste Sieg einer afrikanischen Mannschaft bei diesem afrikanischen Turnier. Nur ihr Trainer, ein Serbe ausgerechnet, konnte die Glücksgefühle nicht ausleben. Milovan Rajevac nahm gefasst die Glückwünsche seiner Spieler entgegen. Es war keine Zeit für große serbische Gesten.

Sascha Venohr
Sascha Venohr

Sascha Venohr ist Entwicklungsredakteur bei ZEIT ONLINE, Basketballer und meint, dass jeder Mannschaft, egal aus welchem Ballsport, ein Spieler aus dem ehemaligen Jugoslawien gut tut.

Die gab es nur vor dem Spiel, mündlich. "Die meisten von uns spielen in ihren Klubs auf höchstem Niveau. Das kann man von den Ghanaern nicht sagen", lästerte Serbiens Abwehrspieler Aleksandar Lukovic vor der Auftaktpartie der Gruppe D. Er selbst erlebte das Ende dieses Spiels nicht mehr aktiv auf dem Rasen. In der 74. Minute wurde er vom argentinischen Schiedsrichter Hector Baldassi völlig berechtigt mit Gelb-Rot in die Kabine geschickt.

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Und eigentlich begann erst in dieser Spielminute die eigentliche Geschichte dieser Begegnung. Bis dahin war es ein traurig langweiliger Kick. Beide Mannschaften boten viel Stückwerk, wenig Risikobereitschaft. Es gab hauptsächlich einfallslose lange Bälle in die Spitze. Während Ghana mit Fußball-Rüpel Kevin Prince Boateng zumindest Ansätze von Offensivlust zeigte, wirkten die Serben spielerisch unterlegen.

"Die Gelb-Rote Karte war spielentscheidend", klagte Serbiens Coach Radomir Antic nach dem Spiel und behauptete: "Ein Fehler hat den Unterschied gemacht. Ghana war heute einfach glücklicher als wir." Nicht die ganze Wahrheit. Paradoxerweise fingen die "Weißen Adler", wie die Balkan-Kicker zu Hause gerufen werden, erst in Unterzahl an, wirklich offensiven Fußball zu spielen.

Drei Großchancen binnen kürzester Zeit zeigten, welches Offensiv-Potenzial da aus taktischen, aber sicher auch mentalen Gründen, rund 75 Spielminuten ungenutzt blieb. Der Platzverweis wirkte wie eine Befreiung auf das serbische Spiel. Doch nach sehr unterhaltsamen zehn Minuten unterbrach ein Pfiff des gut leitenden Referee jäh die aufkeimenden serbischen Hoffnungen.

Der kurz vorher eingewechselte Bundesliga-Legionär Zdravko Kuzmanovic vom VfB Stuttgart stieg im eigenen Strafraum mit hoch gestreckten Armen zum Kopfballduell. Als Jabulani, der viel diskutierte offizielle WM-Ball, nach langer Luftfahrt an seiner Hand hängen blieb, waren sich Zuschauer und Experten einig: "Die Hand gehört da nicht hin!"

Folgerichtig gab es sechs Minuten vor Schluss einen Handelfmeter. Serbiens Torwart Vladimir Stojkovic hatte im Duell mit Asamoah Gyan keine Chance. 0:1, tanzende Ghanaer, jubelndes Publikum. Dazwischen der Blick in leere serbische Gesichter. Der serbische Fehlstart war perfekt. Schon im nächsten Gruppenspiel gegen Deutschland geht es um alles oder nichts. Sonst droht die nächste Vorrundenpleite, wie 2006.

Die WM-Paten: Jedes teilnehmende Land bekommt einen Paten aus den Redaktionen von ZEIT ONLINE, ZEIT oder extern. Die Paten porträtieren die Länderteams und schreiben subjektive Spielberichte zu den Partien ihres Teams.

 
Leser-Kommentare
    • skek
    • 14.06.2010 um 9:50 Uhr

    Mal ehrlich, langsam wird es lächerlich. Wie oft hat unser "Capitano" schon zugetreten, gemeckert, etc.? Hätte er Boateng so umgetreten, keinen hätte es interessiert. Ich bin wahrlich kein Boateng-Fan, aber der Junge ist ein richtig guter Kicker, auch wenn er vielleicht etwas daneben ist. Aber wer war das von unseren "Fußball-Helden" nicht? Oh Gott, Matthäus oder Vogts, wieviele Gegenspielerknochen hat der denn auf dem Gewissen?

    Ich werde Ghana die Daumen drücken, gerade wegen Boateng, der ist mir lieber als sein aalglatter Musterbruder, der sich auf seiner Website als pseudocooler Gangsta-Pimp ablichten lässt.

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