USA-Ghana Sushi von gestern
Nach dem Aus gegen Ghana dürfte die Fußball-Euphorie in den USA erst einmal gestoppt sein. WM-Pate Roy Fabian macht sich Gedanken über die Zukunft des neuen US-Sports.
© Kevork Djansezian/Getty Images

Torwartduell: Der US-Keeper Tim Howard trifft bei seinem Versuch den Ausgleich zu erzielen auf sein ghanaisches Pendant Richard Kingson
Es war hohe Prominenz zugegen in Rustenburg. William Jefferson Clinton, Sir Mick Jagger sowie Fifa-Zampano Sepp Blatter standen auf den teuren Plätzen herum, als die USA im Royal-Bafokeng-Stadion gegen Ghana aufliefen.
"Soccer ist the new sushi", soll es in der USA mittlerweile heißen. Erfolg macht sexy – vor allem, wenn er so herzzerreißend, so dramatisch, ja so uramerikanisch wie im letzten Gruppenspiel gegen Algerien daherkommt. Erst in der Nachspielzeit schoss Landon Donovan die US-Boys ins Achtelfinale und zum zweiten Gruppensieg nach 1930. "Man muss eben immer weitermachen", schluchzte der in der Vergangenheit von sportlichen wie privaten Rückschlägen geplagte Donovan danach – das ist das Heldentum, oder der Kitsch, an dem sich die Amerikaner nur zu gern berauschen.

Roy Fabian arbeitet in der Nachrichtenredaktion von ZEIT ONLINE und hat sich zur Lebensaufgabe gesetzt, den Amerikanern beizubringen, dass es "Football" heißt und nicht "Soccer".
Gegen Ghana, den letzten afrikanischen WM-Vertreter, sollte diese Geschichte fortgeschrieben werden – ohne Erfolg. Die Defensive genügte leider nicht den höchsten Turnieransprüchen. Bei den beiden Gegentoren durch Kevin-Prince Boateng und Asamoah Gyan patzte die US-Abwehr augenfällig. Zwischendurch fing sich die Mannschaft wieder, wie so oft in diesem Turnier. Sie erspielte sich Chancen, erzielte duch Landon Donovan den Ausgleich, und nach 90 Minuten war es nur Richard Kingson, dem sonst so ulkig anzuschauendem Fliegenfänger im Tor Ghanas zu verdanken, dass sich die Afrikaner in die erste Verlängerung dieser WM retten konnten.
Die Gruppenspiele, allesamt Partien auf der Kippe, haben Kraft und Leidenschaft gekostet. Möglicherweise war aber auch zuviel Druck Ursache des Scheiterns. Coach Bob Bradley ließ nach dem Sieg gegen Algerien jedenfalls durchblicken, dass man jetzt durchaus den Titel anpeile – ein Spruch, der nicht als Größenwahn einzuschätzen, sondern als Dünger für das zarte Pflänzchen Aufmerksamkeit, dass er und seine Mannschaft im Verlauf dieses Turniers da hochgezogen haben. "Wir wollen unseren Beitrag dazu leisten, diesen Sport in den USA größer zu machen", sagte Donovan vor dem Spiel. Auch Tim Howard unterstrich noch einmal die Bedeutung der Partie: "Wir sind eine Sportnation mit einer Gewinn-Alles-oder-Nichts-Mentalität. Wenn Du nichts gewinnt, interessiert es auch keinen."
Nun, gewonnen haben sie gegen Ghana nicht. Die entfachte Euphorie in der Heimat dürfte daher erst einmal gestoppt sein. Ob sich nachhaltiges Interesse entwickeln kann, ist offen. Fußball ist in den USA immer noch vor allem Freizeitsport, nichts, wofür die Massen in die Stadien strömen. Gegen Algerien allerdings verbuchte der Sender ESPN beste Einschaltquoten, in den Bars drängten sich die Menschen, und Präsident Obama höchstpersönlich berichtete der Mannschaft nach dem Spiel, wie nach Donovans Tor im Westflügel des Weißen Hauses die Wände gewackelt hätten.
Ein Fortschritt in Sachen Akzeptanz ist also gemacht. Es soll eine Bewerbung um die Weltmeisterschaften der Jahre 2018 und 2022 zur Debatte stehen. Im Falle eines Zuschlags bliebe genug Zeit, den heimischen Fußball weiter zu professionalisieren und auf eine neue Stufe zu heben. Das Spielerreservoir jedenfalls ist riesig.
Die WM-Paten: Jedes teilnehmende Land bekommt einen Paten aus den Redaktionen von ZEIT ONLINE, ZEIT oder extern. Die Paten porträtieren die Länderteams und schreiben subjektive Spielberichte zu den Partien ihres Teams.
- Datum 27.06.2010 - 14:33 Uhr
- Serie WM-Teams
- Quelle ZEIT ONLINE
- Kommentare 4
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:










Fußball ist und bleibt sicherlich in den nächsten Jahren oder Jahrzehnten in den USA eine Randsportart. Die Mehrheit der Amerikaner finden Fußball langweilig und durch die vielen populären Sportarten ist eine gewisse Sättigung vorhanden.
Der amerikanische football ist Unsinn und interessiert niemanden, auf der ganzen Welt nicht.
Da eine Fussballhalbzeit zwingend 45 Minuten ohne Werbepause übertragen werden muss, erübrigt sich jeder Gedanke an eine Vergrößerung der Akzeptanz dieser Sportart in den USA.
zwischen der Verbreitung von Fußball als Schul-und Freizeitsport und der Präsenz in den Medien. Auf Breitensportebene ist Fußball enorm beliebt, da praktisch von jedermann
(und -frau!) ohne großen Aufwand zu betreiben, im Gegensatz etwa zu American Football, Baseball oder Eishockey. Hingegen ist die Vermarktbarkeit eingeschränkt. Die kommerziell etablierten Sportarten, hierzu gesellt sich noch Basketball, scheinen geradezu um die Bedürfnisse der Industrie herum entwickelt worden zu sein und ermöglichen Werbespots beinahe im Minutentakt.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren