Fußballfans "Heulen ist erlaubt"

Mitfiebern und Leiden macht Fußball erst zum Erlebnis. Warum Fan-Tränen sind nicht peinlich sind und im Stadion ganz eigene Regeln gelten, erklärt der Soziologe Jochen Roose im Interview.

Weltuntergang? Für die Fans der deutschen Mannschaft ist zumindest die WM beendet

Weltuntergang? Für die Fans der deutschen Mannschaft ist zumindest die WM beendet

ZEIT ONLINE: Herr Roose, warum weinen Fans der Deutschen Mannschaft , wenn ihr Team verliert?

Jochen Roose: Weil Sie es dürfen! Fußballspiele sind ein besonderer Bereich in unserer Gesellschaft, in dem es völlig legitim und akzeptiert ist, ausgelassen zu sein oder zu weinen. In vielen anderen Lebensbereichen wird das nicht akzeptiert.

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ZEIT ONLINE: Welche besonderen Regeln gelten denn für Fußballfans?

Jochen Roose: Im öffentlichen Leben werden Emotionen immer weiter zurückgedrängt, beim Fußball dagegen ist Verhalten erlaubt, dass in anderen Zusammenhängen geächtet würde: Nicht nur die große Freude oder Trauer, auch die offensive Artikulation von Gegnerschaft. Den Gegner zu beschimpfen oder auszulachen gehört noch zu den völlig akzeptierten Umgangsformen im Stadion.

Jochen Roose
Jochen Roose

Dr. Jochen Roose ist Professor für Soziologie an der Freien Universität Berlin. Die Ergebnisse seiner Fan-Forschung hat er gerade im Sammelband: Fans. Soziologische Perspektiven veröffentlicht.

ZEIT ONLINE: Gilt das auch für Gewalt?

Jochen Roose: Es ist nicht so, dass im Stadion gar keine sozialen Regeln mehr gelten. Und in den letzten Jahrzehnten hat man die Fangewalt ja weitgehend in den Griff bekommen. Das hat viel damit zu tun, dass die sozialen Regeln im Stadion umdefiniert worden sind.

ZEIT ONLINE: Wie ist das passiert?

Jochen Roose: Die Überwachung hat zugenommen und die Sanktionierung von Gewalt im Stadion ist deutlich stärker geworden, auch der Wille, das überhaupt zu verfolgen. Die stärksten Veränderungen gibt es in Hinblick auf körperliche Gewalt und Rassismus. Es ist weiterhin erlaubt, den Gegner zu kritisieren, auszulachen, zu verhöhnen – aber nicht rassistisch. Diese Bemühungen haben auch dazu geführt, dass das Publikum im Stadion breiter geworden ist. Gewalt im Stadion war natürlich lange ein Grund, nicht zum Fußball zu gehen. Nun wird das Publikum deutlich gemischter, und der Anteil derer, die Gewalt und Rassismus ablehnen, nimmt zu. Deshalb gibt es auch unter den Fans mehr, die diese Norm für richtig halten und sich daran halten.

ZEIT ONLINE: Was ist in den Augen der Soziologen überhaupt ein Fan?

Jochen Roose: Fans begeistern sich leidenschaftlich für ein Objekt und setzen das auch in ein Handeln um. Ein wesentlicher Bestandteil ist die emotionale Beziehung zu einem Objekt.

ZEIT ONLINE: Und warum investieren sie so viel Leidenschaft in eine Mannschaft?

Jochen Roose: Fansein ist eine Strategie der Intensivierung, das ist im Sport ganz offensichtlich: Es ist eine Sache, neutral ein Fußballspiel anzuschauen und sich vielleicht an der Ästhetik des Spiels oder der Taktik zu freuen. Es wird aber ein anderes, intensiveres Erlebnis, wenn man sich für eine Seite entscheidet und mit der Mannschaft mitfiebert – im Positiven wie auch im Negativen. Während der WM werden viele Menschen Fans für eine begrenzte Zeit.

ZEIT ONLINE: Verändert Public Viewing die Fankultur?

Jochen Roose: Ich glaube schon. Fansein ist davon abhängig, dass man Kontakt zu anderen Fans hat. Beim Public Viewing gibt es die Möglichkeit, zusammen zu kommen, ein gemeinschaftliches Erlebnis zu haben. Natürlich gibt es einen leichten sozialen Druck. Auch wenig an Fußball interessierte Leute gehen mal mit, weil ihre Bekannten da sind. Will man Freunde treffen, heißt das im Moment vielfach, man ist bei einem Fußballereignis.

Leser-Kommentare
  1. Wenn ein toter Soldat aus Afghanistan zurücktransportiert wird weint das Volk ja offenbar nicht. Zählt dieses Thema dann zu den Lebensbereichen, in der Weinen dann nicht akzeptiert wird ?

    Oder hat einfach nur mein britischer Kollege recht wenn er behauptet:

    'The people don't give a rats ass about the troops in Afghanistan.'

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    Wenn ein Soldat in Afghanistan stirbt, weint man natürlich nicht — ist ja eine fremde Person, die man nicht kennt. Also warum sollte man weinen. Das sieht wohl jeder ein.

    Wenn es aber um die "Nationalmannschaft" geht -- genauso wildfremde Personen -- gehen einem die Ereignisse plötzlich ganz nah, und selbst wenn es nur ein ganz harmloses Ereignis ist, wie das Ausscheiden aus der WM.

    Verrückt.

    Wenn ein Soldat in Afghanistan stirbt, weint man natürlich nicht — ist ja eine fremde Person, die man nicht kennt. Also warum sollte man weinen. Das sieht wohl jeder ein.

    Wenn es aber um die "Nationalmannschaft" geht -- genauso wildfremde Personen -- gehen einem die Ereignisse plötzlich ganz nah, und selbst wenn es nur ein ganz harmloses Ereignis ist, wie das Ausscheiden aus der WM.

    Verrückt.

  2. Wenn ein Soldat in Afghanistan stirbt, weint man natürlich nicht — ist ja eine fremde Person, die man nicht kennt. Also warum sollte man weinen. Das sieht wohl jeder ein.

    Wenn es aber um die "Nationalmannschaft" geht -- genauso wildfremde Personen -- gehen einem die Ereignisse plötzlich ganz nah, und selbst wenn es nur ein ganz harmloses Ereignis ist, wie das Ausscheiden aus der WM.

    Verrückt.

    Antwort auf "Frage an Herrn Roose"
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    Was Sie beschreiben ist nicht verrückt, sondern erklärbar durch parasoziale Beziehungen zwischen dem Fan und der Nationalmannschaft. Die gibt es natürlich so nicht zwischen einem Zuschauer und einem toten Soldaten.

    Sie kann aber ebenso aufgebaut werden, wenn man den toten Soldaten ebensolche Medienaufmerksamkeit gewährt.

    Mehr dazu hier: http://de.wikipedia.org/w...

    Was Sie beschreiben ist nicht verrückt, sondern erklärbar durch parasoziale Beziehungen zwischen dem Fan und der Nationalmannschaft. Die gibt es natürlich so nicht zwischen einem Zuschauer und einem toten Soldaten.

    Sie kann aber ebenso aufgebaut werden, wenn man den toten Soldaten ebensolche Medienaufmerksamkeit gewährt.

    Mehr dazu hier: http://de.wikipedia.org/w...

  3. Wir dürfen weinen, solange wir unter Fans sind, auch, da alle Gefühle bei Unterhaltung nicht so ernsthaft sind. Fans werden belächelt, stecken an, auch, weil sie keine ernsthaftes Konsequenzen provozieren - außer als Spinner, was amüsant sein kann.

    Wir fiebern mit, weil wir greifbar dabei sind - und je mehr Beiträge wir lesen, umso greifbarer und nahbarer erscheint uns das Spiel. Man denke an die Deutschen, die dem Fußballgekloppe nichts abgewinnen können, weil sie nichts davon wissen. Es ist einer der Gründe, warum Journalisten die Wahl des Bundespräsidenten mehr tangiert als den einfachen Angestellten.

    Desweiteren unterscheiden diese Umstände den weinenden Fußballfan von dem nicht-weinenden Afghanistanzuschauer. Wenn in Afghanistan ein Mann stirbt, wenn Massenmedien keine echten Bilder übermitteln - sog. medienethische Klausur -, kann ich nicht mitfühlen. Es ist also nur eine Person gestorben. Irgendjemand, ein Name, nichts. Ich bin weder vorher noch danach live dabei gewesen. Eine WM besteht aus Wochen der Anspannung, Berichterstattung, privater Gespräche und persönlicher Allokalierungen.

    Würde ich den Soldaten vorher kennen, etwa wie Lady Di, würde ich noch aus der Ferne um ihn trauern. Zumindest würde es mich berühren. Der Tod eines namenlosen Soldaten kann mich per se nicht berühren, außer, ich fange zu recherchieren an - oder ein Journalist erzählt "seine Geschichte". Berichterstattung über Obdachlose, Einwanderer oder unbekannte Politiker laufen ähnlich.

    • Ghassi
    • 09.07.2010 um 12:03 Uhr

    Diese Niederlage ist für diese so junge DFB-Auswahl ein herber Rückschlag. Für sämtliche Infos rund um die WM und Südafrika, empfiehlt sich das Südafrika-Portal: http://2010sdafrika.wordp...

  4. Jochen Roose widerspricht sich mehrfach innerhalb eines Absatzes.
    Offenkundig ist, daß unsere Regierung versucht, über die Nationalmannschaft ihr Regime populärer zu machen. Die staatstragende Beeinflussung der Fans, deren Erfolg Roose einerseits leugnet, reklamiert er an anderer Stelle für nicht näher genannte Urheber.
    Er redet darüber hinaus einer wohlmeinenden Totalüberwachung in den Stadien das Wort.
    „Eine Wirtschaftslage oder die Globaleinschätzung einer Regierung ändert sich nicht durch ein gewonnenes oder verlorenes Turnier.“
    Das stimmt. Wir erinnern uns:
    2006 wurde, während die Massen durch die WM abgelenkt waren, die Mehrwertsteuer erhöht, nun sind es die Beiträge zur Krankenversicherung.
    Die volkspädagogische Ablenkung durch Fußball hat im Jahre 2006 nicht lange vorgehalten, und das dürfte auch diesmal so sein.

  5. Was Sie beschreiben ist nicht verrückt, sondern erklärbar durch parasoziale Beziehungen zwischen dem Fan und der Nationalmannschaft. Die gibt es natürlich so nicht zwischen einem Zuschauer und einem toten Soldaten.

    Sie kann aber ebenso aufgebaut werden, wenn man den toten Soldaten ebensolche Medienaufmerksamkeit gewährt.

    Mehr dazu hier: http://de.wikipedia.org/w...

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