31 Tage hat diese WM, 31 Seiten hat das WM-Tagebuch von ZEIT ONLINE. Täglich berichtet ein Künstler, Journalist, Fußballer, Wissenschaftler, Schriftsteller oder Musiker, wie er seinen WM-Tag erlebt hat – wo, mit wem und wie er die WM-Spiele gesehen oder auch nicht gesehen hat.

Ich fasse einen Plan: Da ich heute im Auftrag der Zeit unterwegs sein werde, setze ich meinen "Presse-Hut" auf und begebe mich auf die Suche nach dem Street-Vibe für das Spiel gegen Uruguay, ein paar vermeintlich typisch deutschen Aktivitäten Kredit zollend. Obwohl es sich bei der Hitze eher wie ein Tag in meiner Heimatstadt Perth anfühlt.

Erstes Ziel: ein Frühstückscafe in Wassernähe.

In der Ankerklause, eher eine Kreuzberger Musikbar als ein Frühstückscafe direkt am Kanal, sitzen viele Menschen über ihrem Frühstück, ein paar Meter weiter gleiten die Spreedampfer beladen mit Scharen von Touristen übers Wasser. Es ist voll, aber ein junges Paar bietet mir einen Platz an ihrem Tisch an. Sie haben auch gerade bestellt, blättern in ein paar Magazinen und warten auf ihr Frühstück. Und da kommt es auch schon, zeitgleich mit meinem und NEIN, sie scheinen nicht den deutschen Stereotypen zu entsprechen, die ich finden wollte. Da ist kein Brötchen und Käse dem auf Teller, sondern ein mexikanisches-Burrito-Allerlei-Frühstück.

Natürlich kommen wir über das Wetter ("Bor, es ist so heiß!") ins Gespräch und landen schnell bei der WM. Thorsten und Maike haben beide nicht erwartet, dass Deutschland Weltmeister wird. Aber nach der Niederlage gegen Spanien ist ihre Stimmung trotzdem etwas abgeflaut und daher will Maike den Abend lieber draußen in der Natur als vor dem großen Bildschirm zu verbringen.

Für Thorsten war die WM Anlass mal wieder Freunde aus aller Welt zu treffen. Er lebte die vergangenen acht Jahre in Irland und ist nur ein paar Tage in Berlin. Am Ende verbrachte er mehr Zeit mit Wildfremden beim Public-Viewing, als mit seinen alten Freunden, aber er hatte eine gute Zeit.

Wir amüsieren uns noch etwas übers deutsche TV-Programm und Oli Kahns Make-Up, dann kommen wir endlich zur Sache: Wird Deutschland heute gewinnen? 3:0 sagt Maike. Ich vertrete auch einen Sieg für Deutschland, allerdings erwarte ich nicht so ein spektakuläres 4:0, da die Jungs im letzten Spiel bestimmt ein bisschen müde sind. Thorsten tippt 3:1 und fragt mich, wie ich blauen Kashmir Sweatern gegenüber stehe…?

Es geht weiter. Auf der Suche nach Bier, Bratwurst und deutschen Klischees irre ich durch Kreuzberg. Außerdem brauche ich dringend eine Abkühlung. Die Antwort ist Badeschiff, da bekomme ich hoffentlich alles davon. Badehose, Handtuch und Smartphone (wäre ich ein richtiger Journalist hätte ich wohl eher ein klassisches Notizbuch und wäre unabhängig von Batterie und Co.) eingesteckt und los geht es. Leider macht mir dort eine lange Warteschlange einen Strich durch die Rechnung (jetzt weiß ich wie Michael Schumacher sich seit seinem Comeback fühlt). Ehe ich mich versehe, fragen mich zwei junge Gentlemen nach einem geeigneten Ort für das Spiel heute Abend und schnell sind wir WM-Gespräch.

Louis aus Mexiko und Pierre aus Frankreich (Mist, also wieder nichts typisch deutsches für meine Dokumentation...) freuen sich einfach über die WM, auch wenn ihre Teams mehr oder weniger früh ausgeschieden sind. Gut, da kann ich doppelt mitfühlen - für die, die es nicht wissen: Ich habe eine doppelte Staatsbürgerschaft - britisch und australisch. Bekanntermaßen gab es für beide Nationen nicht viel zu lachen. Aber ich lasse mich nicht von der traurigen Erinnerung übermannen.

"Es ist wie 2006, die Leute feiern einfach eine große Party", sagt Louis. Was die Spiele angeht, so freuen sie sich über die Unberechenbarkeit des Turniers, und dass einige der ganz Großen früh nach Hause fahren mussten. Die anderen Teams wurden für offensiven Fußball belohnt. Und Louis ergänzt: "Ich freue mich über Teams wie Holland und Spanien, aber auch die Deutschen, es ist schön das sie sich nicht mehr nur den Ball hinten zuschieben wie früher."

Nachdem Pierre noch ein bisschen in Erinnerungen ans Public Viewing unter dem Eifel Turm schwelgt, verabschieden wir uns.